Bemerkungen über das männliche und weibliche Geschlecht von Kant

Nirgends verfuhr die Natur künstlicher und mit größerer Weisheit, als in der Bildung der beyden Geschlechter. Wie die körperlichen Anlagen des Mannes von denen der Frau verschieden sind, so sind auch beyde Geschlechter in Ansehung ihrer Denkart und Gesinnung verschieden. Der Mensch hat einen Hang sich zu isolieren und doch soll er mit seines Gleichen zusammenleben. Inniger aber noch soll diese Vereinbigung zwischen Mann und Freau seyn, und hier bewieß die Natur, daß sie durch die Austheilung ihrer verschiedenen Gaben auch das Widersprecehendste zu einigen wußte. Sie gab jedem Geschlechte Reize, die das Andere unwillkührlich fesseln. Sie legte in jedes Keime, die genährt und gepflegt den Sinn des Mannes und der Frau in Eines verschmolzen. Mann und Frau sind zwey getrennte Hälften, die einander suchen und sich wieder zu vereinigen streben. Wären die Menschen aufmerksamere Beobachter und weiser, so würden die Eheen weit glücklicherseyn als es ledider ! nur zu oft der Fall ist. Kennte man die Eigenheiten jedes Geschlechtes genauer, sstudirte man die Aeußerungen derselben sorgfältiger, so würde man sehen, daß das, was dem einen Gechlechte fehlt, sich bey dem Andern findet, und daß die Vereinigung von beyden die Aussicht zu dem glücklichsten Leben gewährt.

Kant hat beyde Geschlechter scharf beobachtet und einen großen Reichthum seiner Beobachtungen in seiner pragmatischen Antrhropologie niedergelegt, welche das Handbuch jdes gebildeten Menschen seyn sollte. Die Bemerkungen, die wir hier mittheilen, sicn ebenfalls von Kant. Sie befinden sich nicht in seiner pragmatischen Antrhopologie, und sind bis jetzt noch ungedruckt.

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Das Frauenzimmer ist nicht freygebig und es läßt auch nicht, wenn dasselbe es ist. Der Mann verdient, die Frau erspart.

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Der Mann ist zärtlicher als die Frau. Diese fordert von jenem, er soll ihrentwegen Ungemächlichkeiten ausstehen, welche der Mann auch gern über sich nimmt, um die Frau davon zu befreyen.


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Eine Toleranz in der Ehe gereicht dem Manne jederzeit zum Schimpf, weil sie eine Schwäche oder Verworfenheit verräth.


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Das Vergnügen im Hause muß man der Frau überlssen, aber die Ehre und Ruhe desselben, ist die Sache des Mannes.


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Das Frauenzimmer glaub, daß die Neigung der Männer zum andern Geschlechte nie vergehen werde, aber wohl, daß die Lust zum Heirathen verschwinden könne. Um nun nicht endlich für Buhlschwestern gehalten zu werden, suchen sie so bald als möglich einen Mann zu bekommen.


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Will man den ganzen Menschen studiren, so darf man nur auf das weibliche Geschlecht seie Augen richten: denn wo die Kraft schwächer ist, da ist das Werkzeug um so künstlicher. Daher hat die Natur in das weibliche Geschlchet eine natürliche Anlage zur Kunst gelegt. Der Mann ist geschaffen über die Natur zu gebieten, das Weib aber, den Mann zu regieren. Zum Erstern gehört viel Kraft, zum Andern viel Geschicklichkeit.


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Bey Beleidigungen ist der Mann versöhnlicher als die Frau. Die Letere ist sich ihrer Schwäche zu sehr bewußt, als daß sie sich rächen könnte. Daß der Mann den Hausfrieden liebt, kommt wohl daher, daß er das Haus für seine Ruhestelle hält.

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Die Verdienste des Mannes wirken beym Frauenzimmer nicht so viel Achtung, als die Verdienste des Frauenzimmers beym Manne.

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Der Mann hilft aus Großmuth gern den weiblichen Schwächen ab: dies wissen die Weiber auch mehr als zu gut; daher aaffektiren sie bisweilen Schwächen, wo gar keine sind.

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Der Mann ist leicht zu überreden, das Weib hingegen bleibt hartnäckig bey seiner vorgefaßten Meinung.

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Schon sehr früh findet sich beym weiblichen Geschlecht die Eigenschaft, in Gegenwart von Männern nicht verlegen zu seyn. Die Männer hingegen finden sich verlegen, wenn sie zum erstenmal in weibliche Gesellschaft kommen.

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Die Verarchtung des weiblichen Geschlechts bey Männern hat gewöhnlich ihren Grund in einer übergoßen Lieferlichkeit.

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Die männliche Erziehung muß man gleich anfänglich auf den Begriff von Pflicht, die weibliche aber auf den Begriff von Ehre gründen.

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Die Schwäche des Weibes trägt sehr viel zur Kultur des Mannes bey, so wie die Redseligkeit der Weiber die Männer beredt macht.

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Kein Frauenzimmer gönnt dem Andern seinen Liebhaber, wenn es ihn auch selbst nicht haben kann.

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Die eheliche Treue läßt sich nicht erzwingen, weil sie bloß auf dem Ehrbegriffe beruht.

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Für einen Gelehrten ist eine gelehrte Frau ein schlechtes Glück, weil es der Letzern bisweilen einfällt, mit dem Erstern zu rivalisiren.

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Die Vielweibereei ist ein Zeichen der Barbarei der Länder, in denen sie herrscht. Bey den Teutschen hat von jeher blos Nonogamie statt gefunden, und sie haben sich auch vor allen andern Völkern durch die Achtung gegen die Weiber ausgezeichnet.

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Das Weib verlangt vorn dem Manne jederzeit eine anständige Dreustigkeit, da es ihr und nicht dem Manne zukommt, sich zurück zu ziehen und zu weigern. Wollten beyde das nehmliche thun, so würde nie ein Band zwischen beden Geschlechtern geschlossen werden.

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Die Frau muß einen minder delikaten Geschmack haben, als der Mann, weil sie für das männliche als das minder schöne Geschlecht geschaffen ist.

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Kluge Männer erhöhen eher den Werth des weiblichen Geschlechts, als daß sie ihn herabsetzen, denn haben sie keine Achtung mehr gegen das Frauenzimmer, so sind sie in Gefahr, leicht auf Ausschweifungen zu gerathen.

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Freygeisterey in der Geschlechtsneigung schadet der Menschheit und dem gemeinen Wesen außerordentlich.

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Die Geschlechtsliebe ist äußerst intolerant; kein Mann, der noch etwas auf sich hält, kann den Gedanken ertragen, daß die Frau, die er liebt, und die gegen ihn günstig gestimmt ist, gleiche Neigungen gegen Andere äußere.

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Der Ehrenpunkt der Weiber besteht daran, daß sie außer der Ehe ihre Tugend nicht preis geben, weil man von Frauenzimmern, die dies gethan haben, allemal voraussetzen kann, daß sie in der Ehe noch mehr ausschweifen werden; von Männdern hingegen, die vor der Ehe ausgeschweift haben, kann man annehmen, daß sie sich in der Ehe bessern werden.



Fremde Federn - Aus Minerva - Taschenbuch für das Jahr 1809 - Leipzig bey Gerhard Fleischer d. Jüng.
Es wurde die ursprüngliche Schreibweise beibehalten.
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