H.-W. Engels

Ursprünglicher Titel:
"Ein Frauenschicksal in bewegter Zeit
Christine Reinhard geb. Reimarus 1771-1815

Erstveröffentlichung:
Altonaer Zeitung 1985


Unredigiert!

I

Georg Heinrich Sieveking, Caspar Voght und deren Freundeskreis prägten vom Ende des 18. bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit ihren Landsitzen in Neumühlen und Flottbek zwei gesellige Zentren, die für die Geschichte der Elbvororte, die Geschichte Altonas und Hamburgs und selbst für die europäische Geschichte nicht bedeutungslos waren.

Wenn diese Freizeitparadiese Spuren hinterließen, dann auch darum, weil einige Frauen in einem intensiven Briefwechsel die Vielfältigkeit des dortigen Lebens, ohne auf Klatsch zu verzichten, beschrieben. Allen voran Sophia Reimarus (geb. von Hennings), deren Schreibwut selbst den Rahmen einer kommunikationsbewußten Zeit sprengte. Besorgte sie doch nicht nur die Korrespondenz für ihren Mann, den Arzt Johann Albert Reimarus, sondern berichtete dazu oft täglich ihrem Bruder August von Hennings in Plön über Ereignisse in Hamburg.

"Hannchen", ihre Stieftochter, hatte den gebildeten Kaufmann Georg Heinrich Sieveking geheiratet; aber die selbstbewußte und energische Frau gebar ihrem Gatten eine eigene Tochter: Christine Friedericke Reimarus. Als sie am 22. Februar 1771 geboren wurde, ahnte wohl niemand, daß das Schicksal ihr Prüfungen auferlegen sollte, die selbst für eine aus den Fugen geratene Zeit ungewöhnlich waren.

Stinchen - so nannte man sie bald - wurde einseitig erzogen. Ein zu starker intellektueller Drill mag dazu beigetragen haben, daß das introvertierte und häßliche Mädchen nie jene erotische Ausstrahlung entwickelte, zu der selbst unansehnliche Frauen fähig sind. Die Schicksalsstunde der Zweiundzwan- zigjährigen schlug, als 1793 ein jungerArzt, Justus Erich Rollmann, der sich mit Begeisterung in die Wirren der Französischen Revolution gestürzt hatte, nach Hamburg kam. Wie viele andere Enthusiasten der Freiheit, fand er bei den Sievekings und beim Teetisch von Stinchens Eltern gastliche Aufnahme. An seinen Vater schrieb er damals:

"Reimarus, der Schwiegervater von Sieveking, ist ein alter Arzt von viel Vernunft und großer Herzensgüte. Er hat eine sehr gescheite Frau und eine noch gescheitere, noch unverheiratete Tochter."

Was dann geschah ist bis heute in den Einzelheiten ungeklärt. Am 4. Januar 1794 schrieb Bollmann an seinen Vater, er müsse nach England und ergeht sich dann weiter in Orakeln:

"Sie sollen alles erfahren aber dann erst, wenn ich entweder vernunftmäßig schwärmen oder kaltblütig vernünftig erzählen kann."

Was Rollmann beabsichtigte, war die Befreiung des französischen Marquis de Lafayette, der von den Österreichern gefangen gehalten wurde und an dessen Freiheit einigen Persönlichkeiten in Hamburg und England viel gelegen zu sein schien. Es muß vermutet werden, daß die Hamburger Anhänger Lafayettes einen Kuhhandel geplant hatten: Bollmann durfte Christine nur heiraten, wenn er den französischen Politiker befreite.

Sicher ist, daß Caspar Voght, der damals in England weilte, und den der junge Arzt dort besuchte, in diese Pläne eingeweiht war, ja eine Schlüsselrolle spielte. Denn damals schrieb er an "Hannchen":

"Ich riet ihm also selbst das, wofür er schon entschieden war - ein kühnes, ehrenvolles Unternehmen - und ich riet dies Wagstück, weil ich das Gelingen oder Nichtgelingen als den Zeitpunkt ansah, wo sich die Verbindung entscheiden oder enden müßte."

Bollmanns Plan scheiterte, fast ein Jahr war er Gefangener in Olmütz, und Christine, die sich schuldig fühlte, schrieb dem geliebten Mann Briefe. Als ihr Schwarm dann Ende 1795 die Freiheit wieder erlangte, er nach Hamburg kam, verstand es vor allem die Mutter, die Verbindung zu verhindern. Bollmann wanderte nach Amerika aus, 1814 traf er dann noch einmal mit ihr in Paris zusammen.

Im September 1795 erschien in Hamburg der damals vierunddreißigjährige Schwabe Karl Friedrich Reinhard. In Paris hatte er während der Revolution sein Glück gemacht und wurde schon bald im französischen Außenministerium beschäftigt. Nun sollte er als französischer Gesandter der drei Hansestädte mit dem Sitz in Hamburg arbeiten.

Schnell fand auch er Kontakt zu den Kreisen um Sieveking und Reimarus und somit auch zu Christine. Nach politischen Verwicklungen, die ihn nach Bremen führten, nach dem Ja-Wort der Eltern und er Einwilligung von "Stinchen", fand am 12. Oktober 1796 die Hochzeit in Neumühlen statt.

Da Hamburg Reinhard zuerst als Gesandten nicht anerkannte, blieb Neumühlen sein Wohnsitz. Jene Zeit, die Christine dort verbrachte, gestaltete sich zu der glücklichsten Episode ihres Lebens. An Georg Kerner, den Privatsekretär ihres Mannes, der damals nach Paris aufgebrochen war, schrieb sie launig:

"Hamburg den 4 Sep 1797
Nun sind Sie schon über 8 Tage in dem Gewühl der Pariser Welt guter Kerner, haben schon selbst gehört, selbst gesehen, wißen was für die gute Sache zu fürchten, und zu hoffen ist! - Wir wißen von dem allen aus Ihrem Munde noch nichts, und harren mit Ungeduld der morgenden Post. Ihren Brief aus B. haben wir eben enthalten, es freut mich daß sie dort eine alte Bekanntschaft wieder gefunden haben. Was Sie über Paßporte schreiben, erinnert mich an meine Unterredung mit Madame F, und ich finde Ihre Vermuthung sehr unwahrscheinlich. Da man Karl nicht dahin bringen konnte seine Pflicht zu verletzen, blieb nichts übrig als auszusprengen: er habe sie übertreten, und so den Glauben an ihn wanken zu machen. Ich hoffe es soll diesen verworfenen Menschen nie gelingen. "Il faut marcher avec le monde" ist der Wahlspruch dieser Leute, aber ich fange doch an zu glauben daß sie im Schlechten so schnell fort gelaufen sind daß die Welt (der große Haufe) ihnen nicht nachkommen kann, und dann fängt unsere gute Zeit an. Wären diese Menschen langsam, bedächtlich vorgerückt, sie hätten das ganze Heer der Schwachen mit sich fort gerißen. Nun ist aber vielleicht der Augenblick da, daß gute Menschen wirken können. Sie guter Kerner sind jetzt mitten im Chaos, möchte doch ihr morgender Brief uns schöne Hoffnungen bringen!
    Ich versprach Ihnen, Sie mit dem Kreis Ihrer hiesigen und Neumühlener Freunde in Verbindung zu erhalten und ich halte Wort, denn Sie sollen nie aus diesem Kreis treten! Ich fange mit etwas gutem an mit warmen Grüßen des ganzen lieblichen Mädchen Chors. Haben Sie nicht vorigen Mittwochen einen unwiderstehlichen Zug nach Neumühlen gespürt? Es war Emmys Geburtstag. Illumination Feuerwerk und Tanz. Da gabs Marianen, Louisen und Minnen, da hat Johanna gelacht, Milchen gehüpft und Paulinens Augen haben erstrahlt! Das Fest hat bis 5 Uhr gewehrt und noch jetzt reden alle Zungen sein Lob. Vorigen Sonnabend war Erntefest in Flotbeck, und im monarchischen Flotbeck tanzte man republikanisch mit den Bauern in der Scheune, und ich bemerkte mit Freuden, daß unsere Gegenwart die Freude der Leute nicht in Schranken zwängte, sondern wirklich erhöhte.
    Voght hat jetzt eine Colonie von einigen zwanzig Schottländern, darunter wunderschöne Frauen und Mädchen sind. Und was das sonderbare ist; diese Schottländer sind größtentheils, mit der Regierung unzufrieden, kaufen sich französische Kokarden und stecken sie nur, weil Schmeißer sie um Gotteswillen bittet, statt am Hut, unter dem Spiegel. Voght liest uns jetzt ganze Abende aus Jean Paul vor, und das hat ihn wieder näher mit unserem Kreis verbunden. Er ist ganz von der wirklich einzigen Schönheit dieses Autors durchdrungen, er fühlt das Bedürftnis seine Freude darüber mitzutheilen, da muß er den freilich einsehen daß die Herren und Damen mit denen er seit einigerZeit in Flotbeck und Nienstäden lebte, ihn nicht verstehen nicht wißen würden wovon die Rede wäre, er kehrt zu seinen alten Freunden zurück, und sein Vorlesen hat uns schon manche sehr angenehme Stunde gemacht.
    Die Pauli möchte auf diese seine mildere Stimmung gern das Gebäude einer glücklichen Ehe ausführen. Voght und Mine P! - das wird aber nicht gehn! Sie hätten sich einige Werke von Jean Paul mit nehmen sollen lieber Kerner, mir ist wirklich lange kein Schriftsteller vorgekommen der Geist und Herz so zu fassen und zu beschäftigen weiß. Hätte er Geschmack, so wäre er etwas ganz außerordentliches leider fehlt es ihm oft daran, doch nie wenn er tiefe Gefühle darstellt dann ist er simpel und rührt dadurch so tief.
    Ihr Freund Reinhold ist einige mal bei uns gewesen neulich haben er und Karl, Mama und ich auf die selben Endreime Verse gemacht. Reinhold seine waren wirklich schön. Karl seine waren sehr gut und was mich freute, sehr lustig.
    Mancherlei komische Gesellschaften haben wir seit Ihrer Abreise schon gehabt unter andern .............(?) und die Rudolphi zusammen!
    Nun leben Sie wohl lieber Kerner ich muß zu meiner Mutter, und habe diesen Brief so eilig geschrieben daß sie ihn kaum werden lesen können. Aus meinem Eltern Hause grüßt Sie alles, Sie wissen wie alle dort Sie lieb haben.
    Ich kann Ihnen nicht sagen wie ich auf Ihren mordenden Brief begierig bin, möchten Sie doch für das Ganze und für sich zufrieden sein und wir nach einigen Monathen fröhlich wieder wieder zusammen kommen. Grüßen Sie Karls Bruder, er muß auch kommen!
Christine Reinhard"

II

Die Idylle von Neumühlen war nicht von Dauer; das Glück der Flittermonate am Elbufersaum zerstob, als Karl Reinhard zum Gesandten am Hofe des Großherzogs Ferdinand III. von Toskana ernannt wurde. Am 25. Februar 1798 reiste das

Ehepaar, begleitet von Georg Kerner, aus Hamburg ab, um sich über Köln, Aachen und Lüttich zuerst nach Paris zu begeben. Die Trennung vom Freundeskreis in Hamburg schmerzte die junge Frau und ihre Mutter, der sie jetzt fast täglich einen Brief schrieb, hatte sich ein anderes Schicksal für sie gewünscht.

Wenn ihr Heimweh gelindert wurde, dann vielleicht darum, weil die revolutionsbegeisterte Frau hoffen konnte, daß jene Ideale, denen sie seit Beginn der Revolution zugetan war, nun doch noch verwirklicht würden. So begrüßte sie republikanische Bestrebungen in Köln, wo sich aufgrund der französischen Außenpolitik demokratische Zirkel gebildet hatten. Sie gesteht:

»Und der Gedanke, daß man an diesem Orte, wo noch vor zwei Jahren Despotismus und Aberglaube herrschten, wo nur Pfaffen regierten, daß man da der Freiheit und der Vernunft laute Hymnen sang, machte Freude. Ein junger Mann aus Köln sang mit wahrer Begeisterung ein Lied, das bei Errichtung des Freiheits-Baums gemacht worden.«

Mitte März erreichen die Reisenden Paris. In der Oper erblickt Christine erstmals Bonaparte, der bald nach Ägypten aufbrechen sollte. Über ihn wird sie noch oft an die Mutter schreiben. Damals stellte sie fest:

"Er sieht seinem Kupferstich im Profil sehr ähnlich. Seine Miene ist ernst, ruhig und sanft."

Als ihr Mann den Korsen am 8. April bei einem Mittagessen kennenlernte, berichtete Christine über dessen Eindrücke:

"Er war ganz von der Allgewalt seines Geistes durchdrungen. Erst hatte Bonaparte über allgemeine Dinge, dann über Revolutionen, Krieg, seinen Siegen gesprochen. Es ist ein ungeheurer Kopf, rief K.(arl) aus, die Resultate, die er zieht, sind immer vortrefflich!"

Da Frau Reinhard kränkelte, verzögerte sich die Abreise nach Italien. Erst im Mai erreicht das Ehepaar, nachdem ihr Mann und Kerner mit ihr Verwandte in Württemberg besucht hatten, Tirol. Es ist aufschlußreich, wie schwärmerisch bewegt Christine, deren rationalistische Haltung oft zu sehr betont wurde, die Naturschönheiten bei Bozen schilderte:

"Blütenbäume dufteten - wir ließen halten, stiegen aus, und siehe, auf einmal hören wir mitten unter dem Rauschen des Stromes die Nachtigall laut und kühn schlagen. - Seit Neumühlen hatte ich ihren Ton nicht gehört - es war die erste! Mir ward so wehmütig. - Da sah ich all die verfloß'nen Stunden - sie schlug so schön! so sanft unbekümmert, was um sie herum rauschte und stürzte. Es war ein herrlicher Abend! alles um uns herum, die großen Felsenmassen, die verjüngte Natur, die aus dieser toten Hülle hervorging, ließ ein höheres Wesen ahnen . . ."

Sehnsucht nach Neumühlen, Heimweh und der Wunsch, jenen Gleichklang wiederzuerleben, der den Kreis Reimarus-Sieveking auszeichnete, blieben ein Verlangen, das sie nicht zu verwirklichen wagte. Zwar lebte sie in Florenz in einem Palaste und konnte den materiellen Luxus genießen, aber die Menschen blieben ihr fremd. Daß Christine einige Eigenschaften zur Diplomatenfrau fehlten, zeigte sich, als die Schwester Napoleons von Mailand aus nach Florenz kam, um sich zu zerstreuen. Die exzentrischen Wünsche der verwöhnten Generalsgattin konnte Christine nicht befriedigen. Treffend urteilt sie über eine der schönsten Frauen der damaligen Zeit:

"Sie ist jung, schön, sehr natürlich, lustig und ein gutes Kind. Sie liebt es, sich zu vergnügen, von der Toilette zu sprechen und die neuesten Moden sind für sie von größter Wichtigkeit."

Reinhards Tätigkeit in Florenz währte nur 13 Monate. Als die Österreicher 1799 in die Toskana vordrangen, mußte die französische Gesandtschaft fliehen. Ein amerikanisches Handelsschiff brachte das Paar nach Toulon. Während der Überfahrt starb das Söhnchen, das Christine ihrem Mann in Florenz geboren hatte; der Leichnam glitt in die Wellen des Mittelmeeres. Damals wurde die zarte Frau erstmals von Nervenkrämpfen geschüttelt, die häufiger und stärker wiederkehrten und an deren Folgen sie, erst vierundvierzig Jahre alt, starb.

III

Noch während sich das Ehepaar auf hoher See befand, hatte das Direktorium in Paris Reinhard an Stelle Talleyrands zum Minister des Auswärtigen ernannt. Der Biograph Reinhards, Wilhelm Lang, stellte dazu fest:

"Jene Zeit ist reich an Beispielen überraschenden Glückwechsels oder des Ausschweifens aus geregelter Lebensbahn. Aber daß ein Tübinger Magister zum Posten des auswärtigen Ministers der Fränkischen Nation emporgetragen wird, das ist auch im Zeitalter der Revolution ein außerordentliches, fast märchenhaftes Ereignis."

Außerordentlich, so kann man hinzufügen, ist auch die Tatsache, daß der ernannte Minister fast einen Monat seiner kurzen Amtszeit in einem Lazarett bei Toulon in Quarantäne zubrachte. Georg Kerner mutmaßte später, es handle sich gleichsam um eine Gefangenschaft, "die allen Vorschrifte zuwider, so ungerecht und so lange war" und die auf politische Intrigen zurückzuführen sei. Der unfreiwillige Aufenthalt dämpfte den Enthusiasmus über die Ernennung, und Christine stand noch zu sehr unter dem Eindruck des Todes ihres Sohnes, als daß sie sich über die Karriere ihres Mannes hätte freuen können. Der Mutter berichtete sie über anderes:

"Karl hat Ihnen geschrieben, liebe Mutter, und Sie weinen mit uns! Vor sechs Tagen verloren wir unser liebes Kind, unsere Freude! Drei Wochen lang irrten wir auf dem Meere herum, das zu seinem Grab wurde! Welche schrecklichen Augenblicke haben wir erlebt und wie schmerzhaft ist der Kampf zwischen Bangen und Hoffen gewesen! Unsere gegenseitige Zärtlichkeit hat uns die Kraft gegeben, die grausame Prüfung zu ertragen; nichts wird jemals die Bitterkeit über dieses Ereignis unseres Lebens verringern. Ihr Herz wird bluten angesichts des Leidens, daswir erduldet haben in einer ungewöhnlichen Situation, da wir jeder Hilfe beraubt waren."

Reinhard war nicht lange Außenminister der Französischen Republik. Als er endlich am 5. September 1799 seine Position in Paris antreten konnte, reformierte er aber neben seiner diplomatischen Alltagsarbeit auch die Strukturen des Ministeriums selbst.

Durch den Staatsstreich Napoleons wurde wieder Talleyrand Außenminister, Reinhard zum Gesandten bei der Helvetischen Republik in Bern ernannt. Schon damals begannen Überlegungen, inwieweit der Republikaner Reinhard seine Dienste einem Manne widmen konnte, der unübersehbar nach der Alleinherrschaft strebte. Es war besonders die Mutter Christines, die die neue politische Entwicklung verabscheute. Reinhard sah am Ende seines Lebens in dem ereignisreichen Jahr 1799 die Wende seines Lebens. An Goethe, den er 1807 bei seiner Kur in Karlsbad kennengelernt hatte, schrieb er 1829:

"Mein Kulminationspunkt freier, selbstbewußter Tätigkeit war in Toscana. Die Ereignisse von 1799 und vor allem die Ursachen dieser Ereignisse lähmten meinen Mut; meine Freudigkeit war dahin. Der 18. Brumaire machte mir keine Illusion; ich kannte die Menschen und den Mann."

Und doch sollte der ehrgeizige Mann weiter Frankreich dienen. Seine Mission in die Schweiz war wenig erfolgreich. Damals gestand Christine der Mutter, daß man zwar in der Schweiz angenehm lebe, aber nur, wenn man der Politik entfliehen könne, dem wahren Gift des Daseins.

Im Gegensatz zu Reinhard, der nach seiner Abberufung aus Bern nach Paris zurückkehrte, trennte sich Georg Kerner vom Lande der Revolution. Er sah seine Ideale verraten und wandte sich nach Hamburg, wo er als Arzt 1812 starb. Am 12. September 1801 schrieb Christine Reinhard ihm folgenden Abschiedsbrief:

"Zukunft, Freiheit, Wiedersehen! Diese Worte, die tief in unsere Herzen gegraben sind, habe ich in einem Ringe für Sie eingraben lassen. Und dies Andenken reiche ich Ihnen beim Scheiden lieber Kerner! Möge dieser Ring wie Talisman Sie begleiten und Übel von Ihnen abwehren! Wenn es Ihnen schwul wird, wenn die Menschen mit denen, der Moment in dem Sie leben Ihnen genüge leisten, wenn Sie sich erbittert fühlen, o, dann ziehen Sie Ihren Ring vom Finger und die drei Worte mögen Sie stärken! Das Erste gebe Muth wenn Sie das Zweite entbehren und das Dritte sei Belohnung des treuen Ausharrens! Sie werden uns sehr fehlen guter Kerner! Schwer wird es mir und Karl uns von dem treuen geprüften Freund zu trennen! Für uns alle fängt jetzt eine neue Epoche an, Vielleicht geht jeder von uns trüben Stunden entgegen!
    Aber es muß besser werden! Es kommt eine Zeit, die die Guten vereint! Sie lieber Kerner müssen wieder zu dem Häuflein der Unsrigen gehören. Freiheit, Zukunft, Wiedersehen! Was kann ich Ihnen mehr sagen! Besseres nie. Daß wir Sie herzlich lieben wissen Sie.

Christine Reinhard
Bellevue, den 12. Sept. 1801"

Anmerkungen zu den Briefen von Christine Reinhard geborene Reimarus an Johann Georg Kerner:
Die Originale der Briefe befinden sich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg/Campe-Nachlaß. Der Verfasser ist Walther Kerner verbunden, der den Brief von Christine Reinhard an seinen Vorfahren Georg Kerner in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky entdeckte. Sie wurden erstmalig in der Altonaer Zeitung (Altonaer Bürgerverein) unter "Anno dazumal - Ein Frauenschicksal in bewegter Zeit - Christine Reinhard-Reimarus 1771-1815" veröffentlicht. Die Transskriptionen der Briefe besorgte der Autor des Artikels, H.-W. Engels. Orthographie und Interpunktion der Dokumente wurden nicht verändert.

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