H.-W. Engels

Ursprünglicher Titel:
"Es ist erstaunlich, wie arg ein toter Hecht beißen kann!"
Georg Kerner in Neumühlen

Erstveröffentlichung:
Altonaer Zeitung 1983

 
Unredigiert!
Altonas Geschichte fand 1982 eine Publizität, die auch darum erstaunlich ist, weil dieses Stadtphänomen schon fast in Vergessenheit geraten war. Ein namhafter Historiker bezeichnete unsere Stadt als einen Sonderfall neben dem Sonderfall. Was Franklin Kopitzsch - anspielend auf historiographische Details damit betonen wollte, war, daß Altona doch neben Hamhurg in Hinsicht auf seine ungewöhnliche Entwicklung die Krone gebührt.
Ein Teilaspekt dieser Kuriosität unserer Heimat betrifft auch die Menschen, die es nach Altona zog, ziehen mußte. Wen es gelüstete, eine Geschichte gelehrter und ungelehrter "Originale" zu schreiben, jener Charaktere, die in Altona Asyl fanden, der würde, trotz der immer noch bescheidenen Literatur über diesen heutigen Stadtteil Hamburgs, doch recht fündig werden.

Zu den ungewöhnlichsten Menschen, die je den geschichtsträchtigen Elbufersaum betraten, gehört Georg Kerner (1770-1812). Der Bruder des weit bekannteren schwäbischen Dichters Justinus Kerner hat seine Biographen gefunden; nicht zuletzt, weil Justinus selbst - wenn auch recht verkürzt - auf die ungewöhnlichen Lebensumstände des Revolutionärs und Arztes hinwies. Im Vorwort zu seiner eigenen Biographie gesteht der beschauliche Mann: "Das Leben eines Knaben, meistens nur in ruhigen Verhältnissen, im Schoße und Schutze der Eltern, bietet wohl wenig Außergewöhnliches dar, aber ich betrachte hier mein eigenes Leben auch nur als einen Faden, an dem sich Bilder aus dem denkwürdigeren Leben anderer, die mich damals berührten, anreihten, wie z.B. meines Bruders Georg." Und der Sohn des Dichters erinnert sich: "Über dem Schreibtich hing in schwarzem Rahmen das Bild seines Bruders Georg."

Das kurze Leben Georg Kerners hier auch nur zu skizzieren, wäre ein zu phantastisches Unterfangen. Für Kerners ersten längeren Aufenthalt in Hamburg und Altona ist es aber wichtig zu wissen, daß er sich in den Strudel der französischen Revolution gestürzt hatte und in Paris seinen Landsmann Karl Reinhard (1761-1837) kennenlernte. Der ältere Reinhard hatte sich in Paris durch Glück und Können eine bemerkenswerte politische Karriere gesichert. Als dessen Privatsekretär kam Kerner am Ende des Jahres 1795 in diplomatischer Mission nach Hamburg. Zu den Persönlichkeiten Altonas, die Kerner kennenlernte, zählte auch der Journalist und Inhaber des Altonaer Merkurs Piter Poel. Poel hatte zusammen mit den Kaufleuten Sieveking und Matthießen in Neumühlen ein geräumiges Landhaus erworben und damit den äußeren Rahmen für die Geselligkeit des Neumühlener Kreises geschaffen. Über Kerners Zugehörigkeit zu diesem Kreis berichtet unser Dokument. Es handelt sich um die Aufzeichnungen von Kerners Gattin, die hiermit erstmals veröffentlicht werden.

Die bisher unbekannte Information, daß Reinhard und Kerner zuerst bei Johann Christoph Unzer (Kleine Mühlenstr. Nr. 111) gewohnt zu haben scheinen, beweist erneut, wie sehr der Physikus von Altona mit den Ideen der Französischen Revolution liebäugelte.

Die heitere Souveränität, mit der Johanna Margaretha (Hannchen) Sieveking Neumühlen leitete, bestätigt unsere Quelle. Wilhelm von Humboldt, der im Jahre 1776 in Neumühlen weilte, vertraute seinem Tagebuch an: "Seine Frau hat ein anziehendes und viel versprechendes Äußeres, und man findet in ihr das überaus seltene Talent, einer sehr großen Haushaltung in genauestem Verstande treu und aufmerksam vorzustehen, und sich doch darum ganz und gar nicht der Gesellschaft zu entziehen."

Schließlich erinnern die Aufzeichnungen von Kernes junger Gattin (Friederike Duncker), die ihren Mann um vierzig Jahre überleben sollte, an den Auftraggeberfür jenes prächtige Landhaus, das der Architekt Ch. Fr. Hansen im klassizistischen Stil erbaute, an den batavischen Minister und Bankier Balthasar Elias von Abbéma Unter der Pacht des Franzosen Rainville wurde das Landhaus ein gastronomischer Musterbetrieb.

"Ich glaube, es war im Jahr 1796, daß Kerner zum erstenmal mit Reinhard nach Hamburg kam. Du wirst erwarten, daß ich Dir jetzt recht viel zu erzählen habe. Einzelne Anekdoten wohl; aber ähnliche bieten eigentlich jeder Tag seines Lebens dar; von seiner Wirksamkeit und Tätigkeit damals, weiß ich aber sehr wenig. Z.B. durchaus nicht, was er zur Wiederbefreiung Napper-Tandys unternahm und ihm mißlang. Von jetzt an könnte Reinhard die ausführlichste Nachricht über ihn geben, wenn er nur wollte. Die ihm fernerstanden, behielten meist nur, was sie belustigte. (... )

Nach Napper-Tandys Gefangennehmung verließ Reinhard entrüstet Hamburg und ging nach Altona, wohnte dort erst eine Zeitlang bei Professor Unzer, nachher in Neumühlen auf dem Sievekingschen Garten.

Dort zeigte man später noch eine Kommode, die Kerner damals in Gebrauch hatte. Er verlor, wie ihm dies nur zu oft geschah, den Schlüssel dazu und fand kein anderes Mittel, das Schloß zu öffnen, als indem er in der Gegend die Kommode in Brand steckte.

Le Maitre, ein anderer Secretoir von Reinhard, und Kerner spielten gewöhnlich des Abends Schach. Le Maitre wußte sich etwas mit seinem Spiel, und doch gewann in der Regel Kerner. In seinem Unmut beschuldigte er diesen des Betruges. Kaum war ihm das Wort entschlüpft, so hatte Kerner auch schon den Tisch, an dem sie spielten, aufgehoben und drang mit ihm auf Le Maitre ein, der erschreckt und überrascht sich in eine Ecke zurückzog, wo Kerner ihn mit den vier Tischfüßen eingefangen hielt. Le Maitre schrie und meurte, die im Nebenzimmer Sitzenden stürzten herein und konnten nie genug das Komische des Auftritts beschreiben. Der lange Le Maitre eingeklemmt, der kleine Kerner davor mit wutsprühenden Augen. Die Zuschauer hatten gar keine Lust, die Szene so bald zu endigen, stellten sich deshalb selbst entsetzt und als wagten sie es nicht, sich dem Erzürnten zu nähern. Le Maitre schmollte später dafür mit allen; um aber seine Feigheit einigermaßen zu bemänteln, blieb er dabei, Kerner habe ihn umbringen wollen, und er könne nicht mehr mit einem solchen Rasenden zusammenleben.

Ein Eingang in das Sievekingsche Gartenhaus führte durch die Küche. Durch diese ging Kerner eines Tages ins Haus und sah einen ungeheuren Hecht auf dem Küchentisch liegen. Auf sein Befragen, ob er tot sei, erhielt Kerner von der Köchin zur Antwort, sie habe ihn soeben geschlachtet. Kerner trieb die Neugierde, den Rachen des Fisches zu befühlen, der biß zu, und Kerner konnte seinen Finger nicht ohne eine schwere Verletzung befreien. Mad. Sieveking war unterdessen in die Küche getreten, wo er noch ganz erschrocken den Finger in dem Rachen des Fisches hielt und schrie: Der tote Hecht hat mich gebissen! Die Mägde lachten wie toll. - Ja, Mad. Sieveking neckte Kerner oft mit diesem Vorfall, wo er dann jedesmal ganz ernsthaft erwiderte: Es ist erstaunlich, wie arg ein toter Hecht beißen kann.

Eine Anekdote ganz anderer Art beweist freilich, wie leichtsinnig Kerner handeln konnte; aber auch wie rein und unverdorben wenigstens seine Phantasie war.

Die Frau des holländischen Gesandten v. Abbema bat Reinhard um einige französische Bücher aus seiner Bibliothek, die sie mit ihren Töchtern lesen könne. Reinhard trug Kerner auf, welche auszusuchen. - Der Zufall führte ihm "Justine(?), ou la vertu persecuzée" oder irgendeinen andern zweiten Titel in die Hände. "Vertu" muß aber darin sein, das sehr unanständig sein soll. Die "Vertu" in dem Titel ließ ihn aber etwas sehr tugendhaftes voraussetzen, und dies Buch brachte er der gnädigen Frau von Reinhard.

Begreiflich, daß die Dame die Sache sehr übel nahm, die es noch dazu für einen schlechten Scherz von Kerner hielt. Sie beschwerte sich bitte darüber bei Reinhard, der Kerner den Verweis nicht schenkte, aber dazwischen immerwieder in ein Gelächter ausbrach. Kerner fühlte sich so sehr beschämt, daß es ihm ordentlich Erleichterung war, als bald darauf die Damen Hamburg verließen."


Für die Erlaubnis des Teilabdrucks dieser Quelle danke ich Herrn Walther Kerner, der bei der Spurensuche über seine Vorfahren auf dieses ungewöhnliche Dokument stieß und seiner Nichte UIrike Müller-Link, die die Aufzeichnungen ihrer Ur-Ur-Urgroßmutter in mühevoller Kleinarbeit transskribierte. Die Rechtschreibung ist der heutigen angeglichen worden. Eindeutige Schreibfehler wurden verbessert.

H.-W. Engels



AZ001Johann Georg Kerner Index
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