H.-W. Engels


Ursprünglicher Titel:
"... noch nie hatte mein sechzehnjähriges Herz so heftig gepocht"
Wie Georg Kerner Johanna Friederike Duncker in Altona kennenlernte


Erstveröffentlichung:
Altonaer Zeitung 1983


Unredigiert!

Die Abbémas verließen ihr Tätigkeitsfeld, und auch der feurige und ungeduldige Schwabe erlebte an der Elbe zuerst nur eine Episode seines Lebens. Trotzdem wurde für ihn Neumühlen schicksalhaft.

Sicher, Kerner knüpfte damals mannigfache Verbindungen zu Hamburg und Altona, gründete gar mit der "Philanthropischen Gesellschaft" einen Klub, dessen Aktivitäten bei Behörden und Revolutionsschnüfflern Mißtrauen erregten. Seine Reportagen über Reisen nach Paris erschienen dann seit 1796 in Zeitschriften Altonas, so der Zeitschrift "Frankreich", die der Musiker Reichardt und Piter Poel seit 1895 redigierten.

Wichtiger aber für Kerners weitere Lebensbahn war ein anderes Ereignis. Am 12. Oktober 1796 heiratete Karl Reinhard im Landhaus zu Neumühlen eine der interessantesten und gebildetsten Frauen Hamburgs: die kluge, von der Natur etwas vernachlässigte, Christine Friederike Reimarus. Die Braut schrieb kurz nach der Hochzeit an ihren Onkel in Plön, den Amtmann und Publizisten August von Hennings:

"Mein Karl und ich haben tief das Glück gefühlt von den Segenswünschen so vieler edler Menschen begleitet, den Bund auf ewig anzutreten, wir hörten nur den Widerhall der Zuversicht, den wir in unserem eigenen Herzen fanden.

Mama (d.i. Christina Sophia Louise Reimarus geb. v. Hennings) hat ihnen gewiß schon der vorigen Posttag geschrieben, hat Ihnen von unserer jetzigen Existenz und von den Plänen für die Zukunft, so weit wir sie machen können, erzählt.

Ja, lieber Onkel, wir wohnen in Neumühlen und möchten gern, wenn es das Schicksal erlaubt, diesen Winter da wohnen bleiben. Denken Sie sich uns also in demselben, das Sie ein paarmal so interessant beschrieben haben.

Sie sahen es im Frühling und Sommer und schilderten Menschen, Bäume und Blumen so lieblich, nun müssen Sie es auch einmal im Winter sehen, müssen sich überzeugen, daß wenn auch die Bäume kahl sind, die Menschen doch dieselben bleiben und die Freundschaft immer Blumen gibt und nimmt."

Was Christine (Stinchen) Reinhard noch nicht erahnte, war, daß ihr Gatte aus dieser Idylle herausgerissen werden sollte. Im Februar 1798 erhielt Reinhard neue Instruktionen aus Paris; er begab sich dorthin, und Kerner blieb sein Sekretär.

Nun begann für das Kleeblatt eine Odyssee, deren wesentliche Stationen Florenz, Paris und Bern waren. Erscheinen die Schicksale des Ehepaares abenteuerlich, so gestalteten sich jene Jahre für Kerner romanhaft. Sein geistiger und körperlicher Einsatz für seine ideale - er wurde erneut verwundet - ließen ihn Strapazen auf sich nehmen, die ihm gesundheitlich zusetzten. Drei Jahre lang.

Als sich dann aber 1801 die politischen Verhältnisse in Frankreich änderten, Bonaparte die noch vorhandenen republikanischen Tendenzen stutzte, beendet der enttäuschte Kerner seine erfolgreiche Karriere.

Noch einmal weilte er in seinem Elternhaus in Ludwigsburg und ließ es sich angelegen sein, seinem Bruder Justinus eine praktische Erziehung aufzudringen. Justinus Kerner gesteht:

"Schon am ersten Tage seiner Ankunft wurde ich von ihm bei einem Schreinermeister installiert, der mir täglich zwei Stunden Unterricht in seiner Kunst geben sollte; auch bezahlte er ihn dafür auf mehrere Monate voraus."

Der "arbeitslose" G. Kerner glaubte, als Kaufmann neu beginnen zu können. Darum und vielleicht weil sein Jugenfreund Johann Gotthard Reinhold immer noch in Hamburg lebte, kehrte er dorthin zurück.

1801 lernte er seine spätere Frau bei Professor Johann Gottlieb Wolstein kennen. Der wohnte damals: van der Smissen Allee Nr. 458. Wolstein stand lange der tierärztlichen Hochschule in Wien vor, hatte es initiiert, daß 1793 in Wien ein Freiheitsbäumchen gepflanzt wurde dann als Teilnehmer einer revolutionären Verschwörung 1794 in Wien verhaftet, verhört und schließlich ausgewiesen. Seinen langen Lebendsabend verbrachte die hochgeehrte Kapazität in Altona.

Dies mußte erwähnt werden, bevor nun Kerners Gattin zu Wort kommt. Sie erinnert sich:

"Im Herbst des Jahres 1801 lernte ich Kerner kennen. Von Württemberg in Hamburg angekommen, besuchte er bald nachher mit Reinhold den alten Professor Wolstein, in dessen Hause ich mich aufhielt, und der, seit er Kerners Anwesenheit erfuhr, mit jugendlicher Ungeduld seinem Besuch entgegensah. Daß ich es nicht minder tat, da ich meinen alten Pflegevater so aufgeregt fand, wirst du glauben.

In der Regel findet man seine Erwartung getäuscht, die meine ward übertroffen, und noch nie hatte mein sechzehnjähriges Herz so geftig gepocht. Von der Zeit an kam K. öfters zu uns nach Altona, und natürlich ist dies die erste und wahrscheinlich einzige Veranlassung unserer Verbindung.

Kerner, ohne Beschäftigung und Broterwerb, suchte beides und verfiel dabei auf den sonderbaren Gedanken, Kaufmann zu werden. Wirklich gingen einige darauf ein und wollten ihn in ihren Geschäften versenden; aberdiejenigen seiner Freunde, die ihn genauer kannten, redeten ihm den Einfall als ganz unverträglich mit seiner Natur aus. (...)

Seit dem 1. Januar 1802 gab er ein politisches Journal heraus, "der Nordstern". Wöchentlich erschien ein Heft. Seinen Haß gegen die Tyrannei Bonapartes drückte er darin so unverdeckt aus, daß der französische Gesandte Reinhard, der als solcher wieder nach Hamburg gesandt war, ihn erst warnte, dann das Blatt verbot. Kerner ahnte dies aus dem Vorhergehenden, ließ zuletzt zwei Hefte auf einmal drucken, in der seiner Feder freien Lauf gelassen war. Mit dem 19. Stock endigte dies Blatt.

Auch ohne Reinhards Verbot möchte es dies Schicksal gehabt haben. Wie konnte Kerner, regelmäßig an den Tag gebunden, schreiben. Sein Geist bedurfte der Freiheit und der Eingebung des Augenblicks; er nannte diese Art Schriftstellerei eine Galeeren-Arbeit.

Aber nun stand er wieder ohne Beschäftigung und Erwerb da. Seine Freunde drangen in ihn, sich der lang vernachlässigten Medizin wieder zuzuwenden; er gab ihrem Rat Gehör, und auf alle Weise von ihnen unterstützt, reiste er in der Mitte des Sommers nach Kopenhagen ab. (...)"

Wer nun meint, Kerner hätte sich in den Gassen Kopenhagens ein Zimmer gewählt und fleißig Hörsäle und die Anatomie besucht, wird sich getäuscht sehen. Die letzte Nummer des "Nordstern's" war im Juli 1802 in Hamburg erschienen, aber wohl schon im August bereiste Kerner mit zwei neuen Freunden Südschweden. Noch einmal setzte der quirlige Mann seine Lebensgewohnheiten fort: reiten, schreiben und neue Freundschaften suchen. Die Ernte dieser Leidenschaften führte diesmal zu seiner ersten Buchveröffentlichung. "Die Reise über den Sund" - in wenigen Monaten geschrieben - erschien 1803 als ein umfangreiches Werk in Tübingen bei der Cottaschen Buchhandlung.

"Mit dem Beginn des Wintersemesters", so berichtet sein erster Biograph Wohlwill, "finden wir ihn wieder in Kopenhagen." Dort widmete er sich intensiv der Medizin, spezialisierte sich u.a. in der Geburtshilfe und kehrte im August 1803 nach Hamburg zurück. Über die Motive seiner Rückkehr und die Veränderung seines Wesens berichtet Friederike Duncker:

"Es wurden Kerner mehrere Vorschläge gemacht, in Schweden zu bleiben, die er ablehnte. In dem Norden fand er es nur in Hamburg erträglich, wo sich die zahlreichsten und der liebste seiner Freunde aufhielt; auch das stete Hinzuströmen von Fremden dort zog ihn an. Er pflegte Hamburg das große Wirtshaus von Deutschland zu nennen.

Wie Kerner von Kopenhagen zurückkehrte fanden ihn seine Freunde um mehrere Jahre gealtert; seine Anstrengungen mochten selbst für seinen unverwüstlichen Körper zu groß gewesen sein. Zwar besaß er noch die alte Lebendigkeit; von jeder Empfindung seines Innern strahlte sein schönes Auge wie ehemals; aber seine Züge waren schärfer geworden, und um seinen Mund spielte seltener das gutmütig schelmische Lächeln, das ihm alle Herzen gewann, weil es so ganz seinen kindlichen Sinn verriet."


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