H.-W. Engels


Ursprünglicher Titel:
Georg Kerner und die Liebe
Aus den Aufzeichnungen von Johanna Friederike Kerner


Erstveröffentlichung:
Altonaer Zeitung 1983


Unredigiert!
 

Am 27. Mai 1804 heiratete der 34jährige Arzt Johanna Friederike Duncker. Vielleicht in Neumühlen - es wäre logisch gewesen. Die Quellen allerdings berichten nur von einer ländlichen Wohnung.

Die Heirat erfolgte spät für einen Mann, der schon als Kind eine schwärmerische Verehrung für weibliche Wesen bezeugte. In einem biographischem Fragment, das er todrank nun doch für seinen Sohn schrieb - vorher wurden ihm schon drei Töchter geboren - gesteht er, sich an seine Kindheit erinnernd:

"Diese erste Liebe nahm auch wirklich ihren Anfang in meinem kleinen Herzen und flog gerade über den Markt nach den Fenstern, an welchen sich mannigmal die kleine Tochter eines gewissen Oberstleutnant Cunz sehen ließ: Ich versäumte nie am Sonntag ihr in meinen Feierkleidern zu begegnen, und an tiefen Bücklingen ließ ich es dann nie gebrechen - wir sprachen uns selten, allein auch dann wußte ich ihr durchaus nichts zu sagen, desto mehr sprach ich von und über sie bei meinen Verwandten".

Das kleine Herz wurde größer, und der Markt von Ludwigsburg blieb nicht seine Welt. Mädchen aber, junge Frauen, Frauen entzückten ihn. Sie waren ein Element seines Lebens und, wenn er dann in Hamburg auch ein geschickter Geburtshelfer wurde, so bestätigte das vielleicht seine Neigung.

Manchmal allerdings nahm sein Hang Formen an, den kühlere Naturen nicht verstanden, ironisierten. Wenn sein Freund Reinhold erzählt, Kerner sei in Paris auf dem Montmartre in ein Nonnenkloster geraten und habe darauf beharrt, daß der Gesang der Nonnen nur von jüngeren weiblichen Wesen herrühren könne und dann sein Begleiter darauf hinwies, daß es mit der Jugend der Damen nicht so weit her sei, da antwortete Kerner trotzig: "Nein sage ich, schön und jung und unschuldig wie Engel."

Es ist bemerkenswert, daß dieser Aspekt seines Daseins von seinen Biographen - der Bruder Justinus und der Hamburger Historiker Wohlwill wurden schon erwähnt - nur gestreift wurde. Auch Hedwig Voegt, die Kerner für unsere Zeit wieder-entdeckte, (1978) will den platonisch-erotischen Marotten des bedeutenden deutschen Revolutionärs nicht huldigen.

So bleiben vorerst die Aufzeichnungen von Kerners Gattin Fingerzeige für die Tatsache, daß auch Revolutionäre ein Liebesleben haben. Sie allerdings wird Anlaß genug gehabt haben, diese Eigenheit ihres Gatten zu erwähnen. Als Kerners lebenslanger Freund Reinhold Hamburg verlassen hatte, merkt sie einmal recht dezent an:

"In Zerstreuungen, in Verbindungen, die mich nicht freuen konnten, suchte Kerner Vergessen seines Verlustes."

Als die fleißige Witwe nach dem Tode ihres Gatten biographische Aufzeichnungen für ihren Sohn Reinhold Kerner zusammentrug, erhielten sich auch Zeilen des Mediziners Christoph Heinrich Pfaff, eines Schwaben und Jugendfreundes Kerners. In Kiel war er Professor der Medizin geworden. Er stellte fest und Friederike kommentiert:

"Einen großen Einfluß auf sein Leben hat auch die Liebe gehabt. Sie konnte ihn zu den höchsten Anstrengungen bewegen. Einmal machte er, um eine Geliebte, die 10 Stunden von Stuttgart entfernt sich aufhielt, zu besuchen, in sechzehn Stunden die zehn Stunden hin und zurück, größtenteils zu Fuß. Soweit Pfaff. Dem letzten Satz darf ich nicht widersprechen, doch treu war dein Vater nur einer Geliebten, der Freiheit, und nächst dieser, ihrer im minder guten Ruf stehenden Dienerin oder Despotin, der Politik. Ich bin immer zweifelhaft gewesen, ob ihn nicht gerade die Hindernisse bei seinen Liebesabenteuern reizten, waren sie einmal überwunden, erlosch auch meist die Flamme. Doch glaube ich, gibt es wenig Männer, die eine so wahre Verehrung für das weibliche Geschlecht fühlten, wie dein Vater. Dieses überlebte bei ihm jede Liebe und ich habe ihn nie anders, als mit der größten Hochachtung von den Frauen sprechen hören, denen er früher seine Huldigung brachte und die diese nicht abwiesen. Als Weib und Fräulein habe ich nie Ursache gehabt über deinen Vater Klage zu führen."

So sehr Kerners Sehnsucht zu Frauen fasziniert, so unterhaltsam es wäre, die Details seiner Schwärmereien auszuführen, denn einigen dieser Frauen verdanken wir, daß sich das Leben dieses Mannes rekonstruieren läßt, so müssen wir doch hier darauf verzichten.

Festzuhalten ist nur, daß er bei all seinen Liebeleien für eine Ehe wenig geeignet war. Häuslichkeit und Ehe konnten ihn auch darum nicht befriedigen, weil der Unersättliche auch in Hamburg auf andere Aufmerksamkeiten angewiesen war. Anerkennung von seinen vielen Freunden, Achtung auch von anderen Frauen, dessen bedurfte er.

So verwunderte es nicht, daß Friederike mit ihrer Ehe unzufrieden sein mußte. Wir wollen ihren gedämpft-verhaltenen Klagen zuhören:

"Kerner war nun Hausvater; eine Würde in der ihn seine Freunde nie zu erblicken glaubten, Freilich hatte er auch sonderbare Begriffe vom Ehestand und gedachte darin so ziemlich sein Burschenieben forzusetzen. Er wollte leben wie auf der Reise, durch nichts gebunden und jeden Augenblick im Stande auszubrechen. Auch entschloß er sich schwer mit Essen, Schlafen an bestimmte Stunden zu binden. Das gab denn freilich zu sonderbaren Auftritten und Verstößen Anlaß; doch nicht zu so vielen, als man uns andichtete, und nach kurzer Zeit fielen auch von diesen Sonderbarkeiten gar manche weg. Kerner hätte es doch noch lieber gesehen, daß seine Frau "petite maitresse" als ein Mannweib gewesen wäre. Die unangenehmen Kollisionen, zu denen unsere unregelmäßige Zeiteinteilung Anlaß gab, fand K. bald selbst mehr hinderlich als andere. Kinder können nur bei Ordnung gedeihen, Iauter Anforderungen uns unter ihren Gesetzen zu fügen. Eine etwas andere Physiognomie behielt Kernes Haushalt wohl immer wie der der anderen, ob aber das Tadel verdient, glaube ich nicht."

Der Arzt blieb auch in Hamburg und Altona ein Tausendsassa. Fast die letzten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er hier. Für seine vielfältigen Aktivitäten, die bisher noch kaum von der Forschung untersucht worden sind, geben die Aufzeichnungen von Friederike so manchen Fingerzeig. Neumühlen, wo Hannchen Sieveking nach dem Tode ihres Gatten weiter die alten Freunde um sich schaarte, blieb übrigens ein Fixpunkt des beweglichen Geistes. Über eines der vielen Projekte, die ihn beschäftigten, berichtet die Gattin:

"Eine innere Unruhe, ein Trieb nach Tätigkeit ließ deinem Vater stets das Gefühl, als leiste er nicht genug. In jener Zeit trug er sich mit einem Plan, der durch niemand seitdem ausgeführt ist, und der doch wohl in Hamburg zweckmäßig ausgeführt werden könnte. Er wollte ein Entbindungshaus errichten, ähnlich dem in Kopenhagen; wo reisende Schwangere jede Bequemlichkeit und Hilfe finden könnten; auch jene, die ihre Umstände zu verheimlichen wünschten; damit sollte eine Entbindungsanstalt für Arme, die schon in Hamburg bestand und woran viel zu tadeln war, verbunden werden; die ganze Anstalt dann zum Unterricht für Hebammen dienen.

Mit diesen Frauen war es in Hamburg schlecht bestellt und besonders die Frauen aus den höheren Ständen bedienten sich deshalb ihrer nie, sondern wandten sich an Ärzte. Wie Kerner darüber urteilte, hielt er es für ein Sittenverderbnis. Er wünschte, daß gebildete Frauen sich dem Geschäft widmen sollten, und um es diesen zu erleichtern, die Hebammenkunst ihren Händen anzuvertrauen und ausschließend weiblicher Händen, wünschte er ihnen diesen Weg zur Ausbildung ihrer Kenntnisse darin zu eröffnen. Der Staat sollte das ganze Unternehmen schützen und unterstützen, was er dann auf Aktien zu unternehmen hoffte. Die Sache scheiterte an den trüben Zeiten, in der wir uns befanden..."

Engels/Kerner/Müller-Link



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(Letzte Folge: Kerners Tod)

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