H.W. Engels Rezension (Erschienen in "Auskunft" 23 (2003) 2/3 - Seiten 317ff)

Andreas Fritz:
Georg Kerner (1770-1812)
Fürstenfeind und Menschenfreund
Eine politische Biographie
Liberté Verlag, Ludwigsburg, 2002. - 672 S.: € 44, 80

Johann Georg Kerner war einer der wildesten und begeistertsten Enthusiasten einer Gruppe von deutschen Gebildeten, welche glaubten mit dem Sturm auf die Bastille beginne ein neues Zeitalter. 1770 in Ludwigsburg geboren, besuchte er die Hohe Karlsschule in Stuttgart und reiste nach einem Medizinstudium 1791 von Straßburg nach Paris. 1794 floh er in die Schweiz, um dann erneut seit Januar 1795 in Paris zu leben. Als Privatsekretär des französischen Gesandten Karl Friedrich Reinhard kam Kerner Ende 1795 nach Hamburg und wurde mit diplomatischen Missionen nach Bremen, Hildesheim und Berlin betraut. 1798 folgte er Reinhard nach Florenz, 1800 nach Bern. Über die imperialistische Machtpolitik Bonapartes enttäuscht, quittierte Johann Georg Kerner 1801 seine Dienste für Frankreich.

Er wandte sich nach Hamburg, nahm in Kopenhagen sein Medizinstudium wieder auf und lebte in Hamburg als Arzt und Armenarzt, nicht ohne politischer und publizistischer Tätigkeit zu entsagen. Der beliebte Arzt starb an Flecktyphus, mit dem er sich bei seinem selbstlosen Einsatz infiziert hatte.

Obgleich Kerners außergewöhnliche Persönlichkeit von den Zeitgenossen bewundert wurde und ihm sein jüngerer Bruder Justinus Kerner in dem immer wieder aufgelegten Werk Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit ein Denkmal setzte, versäumte es die Forschung, sich gründlich mit ihm auseinander zusetzen. Allein der Historiker Adolf Wohlwill legte in seiner Arbeit von 1886 Grundlagen für eine weitere Einschätzung des Revolutionärs. Hedwig Voegt nutzte dessen Vorarbeiten, um 1978 wichtige Lebenszeugnisse ihres "jakobinischen" Helden in der DDR zu veröffentlichen. Gleichwohl fehlte, bei aller Beachtung, die Georg Kerner in vielen Detailstudien fand, eine umfassende Biographie.

Die historische Doktorarbeit von Andreas Fritz behebt dieses Defizit. Professor Axel Kuhn von der Universität Stuttgart betreute sie. Der Doktorand, der am 14. August 1966 in Ludwigsburg geboren wurde, widmete sich seit 1996 vier Jahre dieser Thematik, versenkte sich in die erhaltenen Archivalien der Teilnachlässe. Dabei berücksichtigte er über 20 Archive, darunter zwei Archive in Paris und den ergiebigen Teilnachlass des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Insofern verfasste Fritz eine erste Biographie, die fast das ganze erhaltene Quellenmaterial auswertet. Schwierig war es, die oft unleserliche Schrift zu entziffern und Kerners in französischer Sprache geschriebene Lebenszeugnisse zu übersetzen. Besonders mühsam erwies sich zudem, die sehr oft wechselnden Stationen seines Lebens genau zu rekonstruierten und seine Freundschaften und Verbindungen zu bekannten und vergesseneren Zeitgenossen zu erläutern. Es zählte zu Kerners Eigenheiten, schnell Freundschaften zu schließen und ein treuer Freund zu bleiben.

Ausführlicher als die bisherigen Arbeiten berücksichtigt der Ludwigsburger Forscher Andreas Fritz die Lebensumstände Kerners. Herkunft, Bildungsgang, Vorlieben und Interessen werden geschildert. Sein gescheitertes Liebesglück mit seiner Verlobten Auguste Breyer - auch Hölderlin schätzte sie - , seine Leidenschaft für die Italienerin Rose Gianetti und seine Ehe mit der Hamburgerin Johanna Friederike Duncker werden nicht übergangen. Charaktereigentümlich-keiten, so seine Hektik, Rastlosigkeit, sein übertriebener Geselligkeitstrieb und seine Eitelkeit beachtet die Doktorarbeit. Andererseits wird die Selbstlosigkeit, die Prinzipientreue, der Fleiß und das Charisma des Menschenfreundes hervorgehoben.

Hauptanliegen des Buches ist es, Kerners Beurteilung der Französischen Revolution zu analy-sieren und jene Aktivitäten vorzustellen, die er unternahm, um seine Ideale zu verwirklichen. Dabei geht Andreas Fritz chronologisch vor. Es dominieren jene Kapitel, in denen Kerner mit der französischen Politik eng verbunden war. Das Kapitel "Akteur und Augenzeuge der Revolution (1791-1795)" belegt, dass Georg Kerner nicht nur Berichterstatter war, sondern sich etwa als Nationalgardist und Agent für seine Ideale aktiv einsetzte. Differenziert wird der politische Standort Kerners bestimmt. Fritz verhehlt nicht, dass .dieser bei allem Enthusiasmus für die Revolution stets gemäßigte politische Ansichten vertrat und Männer wie Robespierre und Marat verabscheute. Auch am Beispiel des Germinal-Aufstands, über den Georg Kerner ausführlich berichtete, verdeutlicht die Arbeit Kerners Aversion gegen die Volksmassen.

Der Teil "Sekretär und politischer Journalist (1795-1801)" schildert Georg Kerners abenteuer-lichsten Lebensjahre. Die fast 300 Seiten beeindrucken durch die minuziöse Spurensuche. Ausführlich untersucht die politische Biographie jene fast drei Jahre, die Kerner in Hamburg und Altona verbrachte. Die Philanthropischen Gesellschaft, welche Kerner als "Schule der Republikaner" gründete, wird anhand neuer Quellen sehr differenziert dargestellt. Es folgt eine genaue Untersuchung jener Jahre, die Kerner in Italien und in der Schweiz zubrachte. Fritz verdeutlicht, wie Kerners Enttäuschung über die politische Entwicklung wuchs und er sich schließlich entschloss, nicht mehr für die französische Republik tätig zu sein.

Seine letzte Lebensphase, die Hamburger Jahre, werden dagegen lakonischer behandelt. Nur etwa 100 Seiten gelten dieser Problematik. So hätten etwa seine zahlreichen Artikel, welche er in der Zeitschrift Nordische Miszellen von Friedrich Alexander Bran verfasste, ausführlicher analysiert werden können. Bedauerlich ist schließlich, dass die Biographie auf ein Personenregister verzichtet. Besonders bei einer Persönlichkeit wie Kerner, der mit ungewöhnlich vielen auch bedeutenden Zeitgenossen bekannt wurde, hätte ein solches Register die Informationsfülle der Doktorarbeit abgerundet. Eine neue im Druck befindliche Ausgabe wird nach Aussagen des Autors diesen Mangel beheben.

Der Verfasser würdigt mit seiner politischen Biographie über Johann Georg Kerner einen bemerkenswerten Freiheitsfreund, der durch Aktionen und Schriften eng mit der Französischen Revolution verbunden war. Vorbildlich analysiert und erläutert er dabei den zeitgeschichtlichen Hintergrund jener Epoche. Fritz's ausgezeichnete Dissertation sollte Anlass sein, auch die anschaulichen und spannenden Reiseberichte, die Reportagen, Briefe und andere Lebenszeugnisse des Revolutionsenthusiasten zu veröffentlichen.

Hans-Werner Engels



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