Uwe Jens Wandel
Rezension (Erschienen in "Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte Bd63 (2004)

Andreas Fritz:
Georg Kerner (1770-1812)
Fürstenfeind und Menschenfreund
Eine politische Biographie
Liberté Verlag, Ludwigsburg, 2002. - 672 S.: € 44, 80

Manche werden den 16 Jahre jüngeren Bruder Georg Kerners kennen oder doch immerhin das eine oder andere seiner volkstümlichen Gedichte, patriotische Württemberger können hoffentlich - wenigstens die erste Strophe unserer inoffiziellen Hymne ("Preisend mit viel schönen Reden" ...): Justinus Kerner (1786-1862), Medizinstudent gleich ihm, der vergleichsweise frei in Tübingen studieren konnte, während Georg dem strengen Reglement der Hohen Karlsschule sich hatte beugen müssen. Kein Wunder, daß aus ihm ein Revolutionär, der freilich gemäßigten Sorte, wurde; später wirkte er als Diplomat im Dienste Frankreichs, wiewohl seinen Überzeugungen treu, und als ihm dies unmöglich wurde, schließlich als Armenarzt in Hamburg. Er war bisher nur Spezialisten bekannt, und es lag auch nur die kurze Biographie des Hamburger Historikers Adolf Wohlwiill von 1886 und eine Dokumentation der DDR-Historikerin Hedwig Voegt von 1978 vor.

Dem Mangel ist nun gründlich abgeholfen. Die vorliegende Arbeit, eine Stuttgarter Dissertation aus der Schule des Revolutionshistorikers Axel Kuhn, hat sich mt Erfolg bemüht, alle Lebenszeugnisse Georg Kerners, vor allem Briefe, soweit sie in Archiven, Bibliotheken und Privatbesitz, von Paris bis Krakau, von Hamburg bis Wien, weit verstreut erhalten sind, in größter Vollständigkeit zusammenzutragen, um in einer ausführlichen politischen Biographie das Leben, und Wirken des feurigen Freiheitsfreundes gut lesbar darzustellen. In aller Breite, manchmal vielleicht ein wenig zu detailliert, schildert der Verfasser die vielfältigen Erlebnisse Kerners als Privatsekretär des gleichfalls aus Württemberg stammenden französischen Diplomaten Karl Friedrich Reinhard in Hamburg und Bremen, in Florenz und Bern, und immer wieder bei Aufenthalten in Paris, und Kerners jeweilige Sicht der Dinge, seine rastlosen Bemühungen, ja hektische Betriebsamkeit für die Sache der Revolution. Bisweilen hätte man sich noch präzisere Angaben über die tatsächlich herrschenden Zustände in den einzelnen Ländern gewünscht.

Kerners Chef Reinhard hatte diplomatische Verhaltensweisen verinnerlicht, und trotz einer gewissen äußerlichen Steifheit, die ihn als Schorndorfer Pfarrerssohn und Absolvent des Tübinger Stifts anhaftete, war er geschmeidig genug - wenn auch nicht so sehr wie Talleyrand, dem er 1799 drei Monate lang den Sitz des Außenministers warmhielt -, unter wechselnden Regimes zu dienen, aus übergeordneter Loyalität gegenüber seinem Wahlvaterland. Kerner dagegen blieb stets Überzeugungstäter, er hielt allezeit an seinen. republikanischen Grundsätzen fest (er war aber beileibe kein Jakobiner, vielmehr, wie Reinhard, Girondist, der gegen revolutionäre Volksmassen seine Vorbehalte hatte) und äußerte diese immer wieder offenherzig und öffentlich, indem er die schändliche Wirklichkeit mit den erhabenen Prinzipien der Revolution kontrastierte, auch wenn er damit sich und seine Vorgesetzten oftmals in Schwierigkeiten brachte. Als seine mühsam aufrechterhaltenen Illusionen über die Ziele der französischen Politik gänzlich verflogen waren, trennten sich seine und Reinhards Wege: Reinhard brachte es zum Grafen und Pair von Frankreich, Kerner starb zermürbt als Armenarzt in Hamburg, als Opfer seines Berufs und mit der unerfreulichen Wirklichkeit zerfallen. A propos Grundsätze: Es verwundert, daß der Verfasser (S. 83) ganz arglos Elogen eines französischen (?) Historikers namens Harsanyi über die "Gesellschaft der Freunde der Konstitution" in Straßburg wiedergibt: "Verallgemeinerung des französischen Sprachgebrauchs in den Reihen des kleinen Bürgertums und Ende der Isolierung der elsässischen Bevölkerung vom Mutterland" - augenscheinlich eine fragwürdige, mit Verlaub, sogar zynische Umschreibung für die Sprachenpolitik der französischen Republik im Elsaß (man darf doch
wohl die deutschen Ortsnamen elsässischer Städte benutzen und entgegen dem Verfasser - der's vielleicht nicht anders weiß - von Zabern, statt Saverne, reden, ohne gleich wer weiß welches -ismus' geziehen zu werden).

Seinem Heimatland Württemberg fühlte sich Kerner stets verbunden, litt wohl auch an Heimweh und gleichzeitig an den politischen Verhältnissen dort: Die Republikarisierung Schwabens suchte er voranzutreiben, für die er immer wieder, von 1792 bis 1800, die Mächtigen in Paris zu interessieren trachtete - wie wir wissen, was aber Kerner nicht ahnen konnte, von vornherein ganz ohne Erfolgsaussichten.

Das vorliegende Buch liest sich gut, teilweise spannend, vermeidet modischen (Historiker-) Jargon und ist seinem Gegenstand.gegenüber auch nicht unkritisch (Kerners Antisemitismus etwa - S.314f - bleibt nicht unerwähnt), Einige inhaltliche Ungenauigkeiten und handwerkliche Unzulänglichkeiten sind aber doch auszusetzen. Man sollte sich z.B. für eine einheitliche Schreibweise - "Niedersächsischer Kreis" (und nicht "niedersächsischer Kreis" -- beides S.336f.) entscheiden. Der Plural von Kaufmann lautet "Kaufleute" (nicht. "Kaufmänner" - S. 273). Daß Kerners Vater einen "devoten Ton" anschlug oder gar "duckmäuserte" (S. 30f.), ist wohl nicht gerade fair: Wenn man damals etwas von einem Mächtigen wollte, mußte man sich, im Zeitstil, der jeweils üblichen untertänigen Diktion befleißigen, es blieb gar nichts anderes übrig (der Leser möge mit unserer so demokratischen Gegenwart vergleichen). Freimaurer und Illuminaten sind

nun wirklich nicht gleichzusetzen (S.75, 355f.). Die ADB ist nicht nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen (S.64), bloß der Reprint derselben. Der Ausdruck "Sekundärliteraturen" (S.17) mutet ein wenig seltsam an und ebenso die Gepflogenheit, im Verzeichnis der gedruckten Quellen nach dem sog. "amerikanischen System" (ebenda) Kurztitel nach dem Herausgeber zu bilden, nicht nach dem Autor (Beispiel: mit "Akademie 1989" sind Georg Forsters Werke gemeint). Meyers großes Taschenlexikon ist nicht gut zitierwürdig, und überhaupt hätten die Verzeichnisse der gedruckten Quellen und der Darstellungen manche Kürzung vertragen (der volle langwierige Titel des Historischbiographischen Lexikons der Schweiz hätte einmal ausgereicht, statt für jeden der vier benutzten Bände aufs neue). Die Reihenfolge der ausführlichst aufgelisteten Archivalien ist unklar. Überhaupt möge es dem Rezensenten als Archivar speziell erlaubt sein, sich zu verwundern, daß der Verfasser in Archiven (was ist, nebenbei: "Staatsarchiv, Niederlassung P1 C, K, Basel"?) schlechthin nur Handschriften benutzt haben will (S.17) - sollten nicht auch Akten dabei gewesen sein? -, daß der Autor den Begriff "Bestand" offenbar mit Signatur gleichsetzt, daß er einerseits die Orthographie der Quellen modernisiert, andererseits aber jede Auflösung von Abkürzungen (und jedes ergänzte Komma) in eckige Klammer setzt, selbst "d[as] h[eißt]", und manchmal den Text auch verschlimmbessert: "F[r]aktionssucht" (S.441) - das Wort Faktion existiert tatsächlich! Besonders bedauerlich, bei einem wissenschaftlichen Buch fast unentschuldbar ist, daß ein Register fehlt (1).

Dennoch, trotz, solcher Schönheitsfehler: Endlich hat unser revolutionärer Landsmann, nach so vielen, vielen anderen, seine gerechte Würdigung erfahren und ist nicht mehr bloß der ältere Bruder des Dichters.

Uwe Jens Wandel

(1)  Das Register wurde inzwischen erstellt und vom Autor nachgeliefert. Dem Vernehmen nach wird es bei Auslieferung heute automatische mitgeliefert. (die Redaktion)



Alle Rechte beim Autor - Copyright by the author
Nach oben!Johann Georg Kerner Index
Webmaster