Erstveröffentlichung in: Beiträge zur Landesgeschichte Baden-Württemberg
Ausgabe: Heft 3, Jahrgang 2000
Autor/Verfasser: Dr. Carlheinz Gräter, Würzburg
Titel des Originals: "... sprüht Freiheit wie ein Vulkan"
Georg Kerner, ein vergessener Rebell und Menschenfreund
Druckrechte: Alle Rechte beim Autor/Verfasser
Internet Veröffentlichung: Arrangiert von Walther Kerner (08/2000)

Carlheinz Gräter

"...sprüht Freiheit wie ein Vulkan"
Georg Kerner, ein vergessener Rebell und Menschenfreund



Der geistreich verdienstvolle Landeshistoriker Otto Borst hat ihn nicht in sein Album schwäbischer Rebellen aus fünf Jahrhunderten aufgenommen: Georg Kerner, den älteren Bruder des Arztes und Dichters Justinus Kerner. 1779 kam der Neunjährige auf die herzogliche Akademie. Wie viele seiner Kameraden auf der Hohen Carlsschule begeisterte ihn die Französische Revolution.


Mit dem späteren Bildhauer Johann Heinrich Dannecker und dem künftigen Maler Joseph Anton Koch gehörte Georg Kerner zu den Verschworenen, die im März 1791 auf einem Maskenball im Neuen Lusthaus der Residenz Zettel mit revolutionären Parolen unters Publikum brachten.

Schweren Herzens willigte der Vater im gleichen Frühjahr ein, den jungen Feuerkopf in Straßburg sein Medizinstudium abschließen zu lassen, aber statt ins Studium stürzte sich Kerner in die Politik. Paris lockte. Noch im Spätherbst wanderte er Ios, trat einem Jakobinerklub bei, lebte von Wassersuppen und erlebte erstmals den Gegensatz zwischen revolutionären Tugendparolen und trister Tagespolitik. Beim Sturm auf die Tuilerien verteidigte er als Nationalgardist die königliche Familie und entging nur knapp der Metzelei.

Damals schon ahnte Kerner: "dass Europa auf lange Zeit noch fürchterlich in die Arme der Tyrannei zurückstürzt, hier bleibt dem störrigten Liebhaber der Freiheit nichts übrig, als in irgendeinen Winkel sich zurückzuziehen". Trotzdem begrüßte er jeden Erfolg der Revolutionsarmeen: ,Noch ist die Sache Frankreichs, so grässlich verzerrt und blutig sie ist, noch ist sie besser als die Sache der Tyrannen..." Einer seiner Patienten war der Naturforscher Georg Forster, der Repräsentant der kurzlebigen Mainzer Republik. Forster schrieb über seinen Arzt: "Der kleine Schwabe Kerner sprüht Freiheit wie ein Vulkan und ist originell und gutherzig, wie ein junger Schwabe sein muß, er hat Kopf und Energie."

Zur deutschen Kolonie an der Seine gehörte damals die Sängerin Helena Balletti, eine gebürtige Stuttgarterin und Ehefrau des Marquis de Lacoste. Bei ihr lernte Kerner seinen Landsmann Karl Friedrich Reinhard, einen ehemaligen Stiftler, jetzt Spitzenbeamter im Außenministerium, kennen. Lacoste überraschte die beiden mit ei ner aparten Gabe: "Das Erste, was wir nach unserer Ankunft taten, war, uns mit einigen Gläsern Neckarwein zu erfrischen, der wegen der großen Abgabe, die auf die Einfuhr fremder Weine gelegt ist, sehr selten ist, und von den Franzosen, die an ihre süßeren Weine gewöhnt sind, nicht geliebt wird; für mich hat er schon deswegen unendlich viel Annehmlichkeit, weil es vaterländischer Rebensaft ist ..."

AIs Danton der Gegenspieler Robespierres, hingerichtet wurde, stand auch Kerners Name auf der Proskriptionsliste. Reinhard besorgte dem Freund einen Pass in der Schweiz. Dort wie wenig später in Württemberg arbeitete Kerner als Agent der Republik, der er eben entflohen war. Mit dem Sturz Robespierres im Sommer 1794 flammte Kerners Hoffnung noch einmal auf, den Siegeszug einer geläuterten Revolution in Deutschland mitzuerleben.

Österreich hatte eine Wirtschaftsblockade gegen Frankreich verhängt. Kerner gelang es aber, einen größeren Viehtransport über die Grenze zu lotsen. Auf dem Ritt zurück in die Schweiz verfolgten ihn bei Spaichingen österrreichische Landjäger. Mit abrasiertem Bart und in der Tracht einer Bäuerin gelang dem zierlich gebauten jungen Mann auf einem Gewaltmarsch über die verschneiten Berge die Flucht.

Im Paris des Direktoriums wucherte die Korruption, gaben Schieber und Spekulanten den Ton an. Kerner charakterisierte diese Gesellschaft, sie hätte statt der Seele nur kaltes Metall. Immer stärker schlug bei ihm jetzt die soziale Kritik durch: "Ich bin zum Voraus gewiß, daß ich die Tugend niemals vergeblich unter dem Strohdach suchen werde."

1795 wurde Reinhard zum Gesandten der Republik bei den drei Hansestädten ernannt, die für den Getreideimport Frankreichs wichtig waren. Kerner folgte ihm als sein Privatsekretär. Nach drei Jahren wurden die beiden Schwaben nach Italien berufen, wo Kerner erlebte, wie die Franzosen das Land rücksichtslos auspressten. Die Ernennung Reinhards zum Außenminister blieb Intermezzo. Nach dem Staatsstreich Napoleons wurde er als Gesandter in Bern kaltgestellt.

Im Feldlager begegnete Kerner dem Diktator und notierte: "Auch du bist worden nichts und wirst werden nichts als ein Mensch, der nicht getan hat, was er hätte tun können, und nicht geworden ist, was er der ganzen Welt hätte werden können." Die ersehnte freiheitliche Republik hatte sich als Utopie erwiesen. Prinzipientreu gab Kerner 1801 seine französische Staatsbürgerschaft auf. Eine Rückkehr in die Heimat hätte das offene Eingeständnis seines Scheiterns bedeutet. So wandte er sich wieder nach Hamburg.

In seinem Wochenblatt "Der Nordstern" verfolgte er Napoleons ausgreifende Annexionspolitik mit beißender Schärfe. Reinhard musste sich von seinem Freund distanzieren. Der Senat verbot den ,.Nordstern".

Kerner ging nach Kopenhagen und bildete sich dort als Arzt weiter. 1803 eröffnete er eine Praxis in Hamburg, führte dort die Pockenschutzimpfung ein und erfüllte als amtlich bestellter Armenarzt mehr als seine Pflicht: "Während des harten Winters ließ er den Armen regelmäßig Feuerung bringen ... Er ermunterte sie, das wüste Feld neben ihren Wohnungen zu bebauen und setzte Preise für diejenigen aus, die ihre Gärten am schönsten einrichteten." Reinhard war der Trauzeuge bei Kerners Heirat mit der Hamburger Bürgerstochter Friederike Dunker. An der Hochzeitstafel erreichte sie die Nachricht, dass sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen hatte krönen lassen.

Der Gram über den Verrat der republikanischen Ideale, über das von Napoleon unterworfene Vaterland, zehrte an Kerner. Der Empereur hatte die Hansestädte erst besetzt und dann kurzerhand dem Kaiserreich einverleibt. Seinem Ingrimm machte Kerner in einem gereimten Pamphlet Luft, in dem Napoleon als "der Blaue" erscheint:

"Apenninen sind bezwungen,
Pyrenäen auch errungen,
AIpen hat er eingesteckt
Und die Hölle Iosgeweckt ...
Flüsse hat er ausgesoffen,
Und noch steht der Schlund ihm offen ...
Ende, tönt's von allen Seiten,
Ende, Blauer, unser Leiden!
Doch der Blaue gähnt und spricht:
,Nacht für euch, für mich nur Licht!'"

Und Kerner schloss seinen Hassgesang mit der apokalyptischen Strophe:

"Und sollt' auch in neuen Welten
Dieses blaue Fieber gelten,
Dann zerschmettre Gott Diktator
Den verfluchten Welt-Äquator,
Und ersäuf den Erdenkreis
In des Blauen Todesschweiß."

Das Bekanntwerden dieser Verse hätte Kerner vors Standgericht bringen können. Und manchmal hatte es fast den Eindruck, als wolle er sich mit seinen provozierenden Reden zum Blutzeugen der verratenen Freiheit stilisieren. Wie bei seinem jüngeren Bruder Justinus mischten sich bei Georg Melancholie und tägliche Pflichterfüllung, weinbefeuerte Lebenslust und Vertrautheit mit dem Tode. Beiden gemeinsam war auch die passionierte Liebe zum schwermütigen Klang der Maultrommel.

Den Sturz Napoleons hat Georg Kerner nicht mehr erlebt. Als im Frühjahr 1812 in den Armenvierteln Hamburgs eine Typhusepidemie ausbrach, erlag er, 42jährig, der Seuche. Ein Großteil der Kerner'schen Korrespondenz, zahlreiche Aufsätze und alle seine Tagebücher sind verschollen oder beim Hamburger Stadtbrand 1842 untergegangen.

Viele seiner Unternehmungen blieben im Halbdunkel der Geheimdiplomatie und der Geheimdienste. Das Porträt, das Justinus Kerner von dem Bruder in seinem "Bilderbuch aus meiner Knabenzeit" gezeichnet hat, konnte dem Feuergeist nicht gerecht werden.

Der dänische Diplomat Georg Rist, ein intimer Freund der letzten Lebensjahre, hat dem gescheiterten Republikaner und Menschenfreund Kerner einen einfühlsamen Nachruf gewidmet: "Kerner - man müsste ein Buch über ihn schreiben, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - war der wildeste, biederste Schwabe, den die Erde getragen hat. Einem Kometen zu vergleichen, trug er eine Welt von elektrischem Feuer in sich ... Mit allen bedeutenden Menschen Frankreichs in Verbindung, halsbrechende Unternehmungen, Gefahren suchend, ebenso dreist als schlau ihnen ausweichend, in alle Konspirationen zum Besten der guten Sache verflochten, ein Redner im Jakobinerklub dann wieder unter den Schweizern in den Tuilerien fechtend, verfolgt, geächtet, hatte er die Schreckenszeit von Anfang bis Ende mitgemacht, ja, ihren Bodensatz gekostet, und dennoch nicht von jenem Volke lassen können, unter das der Durst nach Freiheit ihn getrieben und gehalten." In Italien wie in der Schweiz habe Kerner "die Freiheitsmütze aufgepflanzt, an Gefechten rühmlich teilgenommen, war zwischen den Hauptquartieren als Kurier umhergeflogen ... er schien bald ein Wahnsinniger, bald ein Begeisterter; aber es war Grazie und Geist in allem, was er sagte."

Georg Kerner gehörte zu jener Generation kosmopolitisch schwärmender Deutscher, die am Terror der französischen Republik zerbrachen oder nach der Diktatur Napoleons resignierten. Die Ideale Freiheit und Gleichheit sah Kerner missbraucht und verraten; mit dem Bekenntnis zur Brüderlichkeit hat er, für sich, als Armenarzt ernst gemacht. Sein Freund aus den Tagen der Carlsschule, Gotthard Reinhold, später auch dänischer Diplomat in Hamburg, zog die Summe dieses stürmisch kurzen Lebens: "So wie in jedem Menschen sich ein Teil der Tendenzen seiner Zeit darstellt, so hat sich in ihm ihr edelstes Streben offenbart."


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