Hans-Werner Engels
Republikaner ohne Republik

Georg Kerners »Reisen« 1796 - 1801


Von den deutschen Augenzeugen der Französischen Revolution hätte Georg Kerner in der Forschung mehr Beachtung finden können.(1) So intensiv man sich neuerdings mit Literaten, Publizisten, Intellektuellen und »Abenteurern« jenes entscheidenden Jahrzehnts beschäftigt, so sehr man vor allem die Reisebeschreibungen wiederentdeckt, die Frankreich in den ersten Jahren der Revolution vorstellen - Georg Kerner wird in diesen Arbeiten nicht oder nur als Außenseiter erwähnt. (2) Dabei zählt der Benjamin der deutschen Revolutions- enthusiasten zu den wenigen Zeitgenossen, die wie etwa seine Freunde Gustav von Schlabrendorf(3), Konrad Engelbert Oelsner (4) und Karl Friedrich Reinhard fast den ganzen Verlauf der Revolution von, 1789 bis 1801 miterlebten.

1770 in Ludwigsburg geboren, besuchte Kerner die Karlsakademie in Stuttgart und beendete 1791 seine Ausbildung mit einer medizinischen Promotion. Um seine medizinischen Studien zu ergänzen, wandte er sich nach Straßburg und wurde dort Mitglied der »Gesellschaft der Freunde der Konstitution«. Durch seine politische Tätigkeit verlor er sein Stipendium und wanderte mittellos nach Paris, wo er vom Ende des Jahres 1791 bis fast zum Sturz der Jakobinerdiktatur lebte. Seit 1795 ist seine Lebensbahn mit der Karl Friedrich Reinhards (1761-1837)(5) verbunden, dessen Privatsekretär er bis 1801 blieb. Sein schwäbischer Landsmann, seit 1792 französischer Beamter, war von 1795-1797 Gesandter in Hamburg, übernahm 1798/99 diese Funktion am Florentiner Hof des Großherzogs Ferdinand III von Toskana und schließlich von 1800-1801 bei der Helvetischen Republik in Bern. Im Gegensatz zu der ruhigeren, mit Salon und Schreibtisch verbundenen Diplomatentätigkeit seines Auftraggebers, der 1796 die Hamburgerin Christine Reimarus (6) geheiratet hatte, gestaltete sich Kerners Existenz in jenen sechs Jahren zu der bewegtesten Epoche seines unruhigen Lebens: einer revolutionären Odyssee. Seine Reisen, Exkursionen und Kurzbesuche, die er im Auftrage Reinhards und aus eigenem Antrieb von den jeweiligen diplomatischen Standorten aus unternahm, wie auch seine wiederholten Reisen nach Paris sind selbst für eine Zeit ungewöhnlich, in der für bestimmte Personenkreise eine aufgezwungene Mobilität keine Ausnahme bildet.

1801 trennte sich Kerner, von der napoleonischen Machtpolitik enttäuscht, von Frankreich und von Reinhard, dessen Verhalten später Oelsner zu der Bemerkung veranlaßte, er habe seine Gesinnungen wie die Postkutschen gewechselt. (7) Kerner entschloß sich 1802, in Hamburg als Arzt zu wirken, begab sich aber nach einem Konflikt mit Reinhard, der damals als Gesandter des Niedersächsischen Kreises in die Hansestadt beordert wurde, nach Kopenhagen. Dort vervollständigte er sein medizinisches Wissen, und nach einer Reise durch Südschweden, über die er in dem Buch »Reise über den Sund« berichtete, eröffnete er Ende 1803 eine Privatpraxis in Hamburg. 1804 heiratete er Johanna Friederike Duncker (1784-1862), die ihrem Mann vier Kinder gebar. So engagiert sich Kerner dem ärztlichen Beruf, speziell der Geburtshilfe, widmete - er wurde 1807 zum Armenarzt ernannt und plante eine Reform des Entbindungswesens -, so entsagte er doch nie politischen Aktivitäten. Als Publizist und als Agent der Städte Bremen und Lübeck versuchte er während der Franzosenzeit allzu harte Maßnahmen der französischen Behörden zu mildern. 1812 brach in Hamburg eine Fleckfieberepidemie aus. Der unermüdlich helfende Arzt infizierte sich und starb am 7. April 1812 - zwei Tage vor seinem 42. Geburtstag.

Als Schriftsteller ist er zu Lebzeiten kaum bekannt geworden; nur wenig, zumeist in Zeitschriften verstreut, hat er publiziert. Jene, die ihn gekannt hatten, erinnerten sich vor allem an seine ungewöhnliche Persönlichkeit. (8)Einen ersten biographischen Versuch unternahm seine Gattin.(9) Schon vorher hatte Karl August Varnhagen von Ense, das Außergewöhnliche von Kerners Erfahrungshorizont und seines Charakters erkennend, geschrieben:

»Das Leben Georgs aber, in die französische Revolution verflochten, ist durch Frische und Reinheit des Eifers, wie durch Mut und Selbständigkeit des Willens ein so achtungswertes als abenteuerliches Charakterstück; eine deutsche Ehrlichkeitsrolle in französischen Verhältnissen und Hoffnungen, die wie billig mit dem Ausscheiden des Helden endigt. Geniale Züge bezeichnen diese Bahn von Anfang bis zu Ende; einige derselben habe ich mir besonders aufgezeichnet. Es wäre der Mühe wert, daß dieser Mann sein eigenes Leben schriebe, wozu doch seine praktische Rastlosigkeit ihn schwerlich gelangen läßt«.(10)

Als sein Bruder, der Dichter Justinus Kerner, sich daran machte, seine Jugenderinnerungen niederzuschreiben, die 1849 als »Bilderbuch aus meiner Knabenzeit« erschienen, skizzierte er auch die Lebensbahn Georgs. Politische Rücksichten, Familienehre, Nostalgie und Nachlässigkeit (11) ließen ihn ein Porträt malen, das zwar zeigt, wie sehr er ihn verehrte, aber Realität kaum noch widerspiegelt.

Daß Justinus »der Aufgabe eines Biographen nur in sehr unzureichender Weise gerecht geworden ist« (12), bewies 1886 der Historiker Adolf Wohlwill nach langjährigen Vorstudien. (13) Obgleich Wohlwill den vollständigen Privatnachlaß Kerners benutzen konnte, zudem versteckteste staatliche Archivalien aufspürte und in Auszügen mitteilte, blieb seine Analyse eher lakonisch. So wird Kerners Publizistik nur selten berücksichtigt, kaum in den historischen Kontext gestellt und seine politische Position wenig erkundet. Durch die ungewöhnliche Fülle von Verweisungen und Quellenangaben, wie durch die Wiedergabe von heute verlorenen Dokumenten, bleibt Wohlwills Monographie dennoch eine unverzichtbare Hilfe für jeden, der sich mit Georg Kerner beschäftigt.

Wie zurückhaltend Wohlwill sein Material auswertete, verdeutlicht ein Vergleich mit der fast gleichzeitig entstandenen Studie Wilhelm Langs. Der spätere Biograph Reinhards hatte jene Briefe entdeckt, die Kerner zunächst an seine Jugendfreundin Auguste Breyer und später an ihre Schwester Louise Scholl schrieb, und hatte diesen Fund genutzt, um ausführlich über dessen Haltung zur Französischen Revolution zu reflektieren.(14) Kerners persönliche Eigenwilligkeiten, seine ungewöhnlichen Charaktereigenschaften, von denen sein Bruder Carl feststellte, sie hätten »ihn zum Originals und in Vergleichung mit so vielen andern Alltagsmenschen zu einem seltenen Menschen« (15) werden lassen, blieben allerdings relativ unbeachtet.

Mit den genannten Arbeiten hatte sich für Jahrzehnte das Interesse an den bedeutenden Augenzeugen der Revolution erschöpft. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Rehabilitierung jener deutschen »Jakobiner«, die an der Staatsumwälzung nicht nur gedanklich, sondern weit mehr noch durch ihre politischen Aktivitäten teilhatten. In der

Jakobinismusforschung fand auch Georg Kerner wieder Erwähnung.(16) Walter Grab verwies 1966nachdrücklich auf jene zwei Jahre, die der Revolutionär erstmals in Hamburg verbrachte und stellte die von ihm 1797 gegründete »Philanthropische Gesellschaft« als eine bedeutende Gruppierung innerhalb der demokratischen Bewegung in dieser Stadt vor.(17)Grab betonte, daß sich Kerner vehement von der Jakobinerdiktatur distanziert hatte und etwa den Germinalaufstand der Pariser Sansculotten, dessen Augenzeuge er war, »geheimen royalistischen Machenschaften«(18) zuschrieb.

Es verdeutlichte die Divergenzen in den nationalen Forschungsrichtungen, wenn die Wissenschaftlerin Hedwig Voegt in ihrer 1978 erschienen Dokumentation über Georg Kemer (19) Grabs Feststellungen nicht zur Kenntnis nahm. So verdienstvoll die sorgfältig betreute Edition ist, die neben bekannten Quellen u.a. auch Lebenszeugnisse aus dem Literaturarchiv in Marbach erstmals veröffentlichte, so bleibt doch die Etikettierung Kerners als Jakobiner - erklärte er sich doch selbst, wie sie bemerkt, »öffentlich für die Girondisten«(20) - zumindest eine unglückliche Benennung. Verglichen mit den vielen Quellen, die Voegt einsah, gerät ihre Auswahl zudem zu einem recht einseitigen »Versuch (...), einen Schriftsteller und Publizisten vorzustellen, der bislang nahezu unbeachtet geblieben ist«. (21)

II

Zu den wichtigsten Forschungsergebnissen über die Reiseliteratur der Spätaufklärung zählt die Differenzierung zwischen den topographisch-statistischen Werken und jenen subjektiven Reiseschilderungen, in denen »die dingliche Welt als Gegenstand der Beschreibung zugunsten der gedanklichen und affektiven Inhalte des Erzählerbewußtseins mehr oder weniger zurücktritt«.(22) Die individuellere Gattungsvariante - soweit sie politisch orientiert auftritt - ist für das Zeitalter der Französischen Revolution besonders an Werken Georg Forsters (23) und Joachim Heinrich Campes intensiv analysiert worden. Vieles, was Campes »Briefe aus Paris« kennzeichnet, läßt sich auf Kerners 1795 erschienene titelgleiche Berichterstattung übertragen. Auch er wählt die Briefform, wird zum Reporter und teilt wenngleich gedämpfter - jene Emphase, die in der Revolution den Beginn eines neuen Zeitalters sieht.(24) Trotz solcher gattungsspezifischen Parallelen, die sich ebenfalls bei anderen Augenzeugenberichten beobachten lassen, unterscheiden sich aber Paris- und Frankreichreisen generell durch die Individualität der Autoren.

Charakter, Alter, Beruf, Bildung und > Weltanschauung« der Reisenden führten dazu, daß gleiche Reiserouten, selbst zeitgleiche Erfahrungen und Erlebnisse recht verschieden gedeutet wurden. Gilt dies schon für Reisen in Deutschland, so kommt bei den Reportagen über das revolutionäre Frankreich hinzu, daß sogar 'unpolitische' Impressionen als provokatives Politikum empfunden werden muten. Dies verdeutlichen etwa die Eindrücke August von Kotzebues, die er 1790 während eines Winteraufenthaltes in Paris gewann.Nur mit Opern- und Theaterbesuchen beschäftigt, weigert er sich, auf Unruhen und Stimmungen in der Bevölkerung einzugehen, und zählt zwölf Unbequemlichkeiten auf, die ihn veranlaßten, Paris den Rücken zu kehren. Schließlich fällt ihm ein: »Aber Paris verlassen, ohne in der Nationalversammlung gewesen zu sein? Nein, das geht nicht«.(25) Er schildert dann, schon damals ein bewußter antirevolutionärer Schriftsteller, das dortige Geschehen und die Räumlichkeiten, als würde er einer schlechten Theateraufführung in einer billigen Vorstadtbühne beiwohnen, und fühlt sich um den Eintrittspreis betrogen:

»Wir wurden auf eine Gallerie geführt, die bereits drei Mann hoch mit Menschen dicht besetzt war, also nicht einmal bequeme Plätze für unsere 6 Livres«.(26)

Selbst die politischen Reisebeschreibungen von Schriftstellern, die den Idealen der Revolution treu blieben, ähneln sich wenig. Zu sehr betonten die Reisenden ihre subjektiven Eindrücke, zu differenziert beurteilten sie auch die politische Entwicklung im Nachbarland. Ein Vergleich etwa der Berichte Kerners in der von K.F Reichardt gegründeten Zeitschrift »Frankreich« mit denen des ehemaligen Professors Carl Friedrich Cramer, der seit 1795 in Paris lebt und jenen von Wilhelm Hensler, der in die französische Armee eintrat, wäre in dieser Hinsicht aufschlußreich.(27)

Gegenüber der relativen Geschlossenheit der meisten Augenzeugenberichte zeichnen sich Georg Kerners Verlautbarungen über die Revolution durch eine verwirrende Vielfalt aus. Zwei Buchveröffentlichungen, die »Briefe über Frankreich, die Niederlande und Deutschland«(28) und die »Reise über den Sund« werden von zahlreichen Zeitschriftenbeiträgen und einer umfangreichen offiziellen und privaten Korrespondenz ergänzt. Eine gewisse stilistische Einheit und einen gleichbleibenden Erzählton erhalten viele seiner gedruckten Beobachtungen dadurch, daß sie in Form von »Briefen« an seinen Jugendfreund Johann Gotthard Reinhold (1771-1838) gerichtet sind. Reinhold, mit dem Kerner als Zehnjähriger an der Hohen Karlsschule einen ewigen Freundschaftsbund geschlossen hatte, traf 1796 wieder mit ihm in Hamburg zusammen. In den nächsten Jahren veröffentlichte der junge Diplomat der Batavischen Republik in mehreren Zeitschriften Reiseeindrücke, die so als Dokumente »einer aufrichtigen Freundschaft« (29) verstanden werden können.

So uneinheitlich sich Kerners Reiseerfahrungen über ein Jahrzehnt präsentieren und so diffizil eine endgültige, spätere Analyse sein mag, so fallen doch einige Eigenarten dieses Reisenden auf.

Merkmale der traditionellen Bildungsreise, die Erwähnung von Sehenswürdigkeiten und auffallenden Gebäuden erscheinen bei ihm rudimentär, soweit sie nicht ganz ausgespart werden. Wenn er einmal Reinhold lakonisch mitteilt, dieser kenne das Rathaus von Brüssel »aus anderen Reisebeschreibungen«(30), so ist das ebenso typisch wie seine Beschreibung des Schlosses von Versailles: eine Zukunftsvision, die auf historische und architektonische Einzelheiten verzichtet. (31) Zurückhaltung bei der Schilderung topographischer Details dominiert auch in seiner Parisberichterstattung.

In dem Werk des Revolutionärs finden sich wenige Naturschilderungen. Sie sind so selten und so sehr anderen Zwecken untergeordnet, daß sie keine eigenständige Dimension gewinnen. Dies sei darum besonders betont, weil Justinus Kerner durch seine willkürliche Auswahl den Eindruck entstehen läßt, als habe sein Bruder Landschaftsbilder bewußt und bevorzugt gestaltet. Nicht nur durch den Wiederabdruck des unrepräsentativen Aufsatzes »An den Ufern des Anio«, sondern weit mehr noch durch die Kompilation der Naturbilder aus Schweden führt er den Leser zu der irrigen Vermutung, Georg habe seine Reisen nur dazu genutzt, um die Schönheit der Landschaften zu beschreiben.(32) Daß die Naturschilderungen kein Selbstzweck sind, zeigt etwa der Bildkreis des Stromes, den Georg Kerner am Beispiel des Alpenflusses, des Eisack, ausmalt. Die revolutionäre Metaphorik wird durch einen Vergleich mit den Eindrücken von Christine Reinhard-Reimaras evident. (33) Beschränkt sich Frau Reinhard auf eine eher »romantische« Schilderung des Naturschauspiels, so nutzt es ihr Reisebegleiter, um ein Bild revolutionärer Kraft zu beschwören:

»Da wo der Felsensturz in die furchtbarsten Ruinen sich auflöste - wo die Spuren wilder Waldstrome hoch vom Gebirge herunter bis an den Strom hinab sich zeichnen, da wo Grauen den Wanderer ergreift -beginnt plötzlich das Wehen italischer Luft und der Nachtigall sanfter Gesang. Ihn übertönt nicht das wilde Getöß der Eisach: - so siegt öfters die Stimme des zarten Gefühls im männlichen Busen - den schäumend das Blut beym Gedanken Despot und Despotism durchströmt. (...) Hieher, hieher mit euch Alten - daß im Anblick solcher Scenen die Jugendkraft mit erneuerter Stärke in euch zurückkehre - hier am Busen der Natur saugt hohes Gefühl für Freyheit und Größe - hier mit mir an diesem Strom, der unaufhaltsam seinem Ziel - edler Ruhenach hohem Kampf entgegenrinnt - unbekümmert über den gewaltigen Widerstand, schäumend an ihm vorüber, und endlich allgewaltiger Sieger, über ihn hinwegstürzt«.(34)

Eine Vorliebe dagegen zeigt der Reisende für die Technik und Qualität der damaligen Verkehrsmittel. Er, der einmal kränkelnd bemerkte, er fühle sich »sogleich wiederum besser, wenn es wieder zu Pferd geht«(35), und seiner Gattin gestand, »die veredelte Gestalt eines Mannes nach der Auferstehung würde die eines Centaurs sein« (36), berichtet gerne über die Widrigkeiten des Fortkommens, über Reitpferde, Kutschfahrten und die Unterschiede des Postwesens.

Eigenartig erscheinen Kerners Reiseeindrücke aber durch seine Neugier, Aufgeschlossenheit und Anteilnahme an menschlichen Schicksalen. Politische, emotionale und 'soziologische' Faktoren führten ihn dazu, Mentalitäten von Gruppen, Massen und ganzen Völkern zu charakterisieren. Ergänzt werden diese kollektiven Urteile und Vorurteile durch die Schilderung von flüchtigen Begegnungen mit Einzelnen und hunderten von biographischen Skizzen. Aus Schweden schrieb er die für seine ganze zehnjährige Odyssee typischen Zeilen:

»Wir haben seit 3 Wochen unser Quartier zu Ramlösa aufgeschlagen und streifen nach allen Seiten, bald im Wagen, bald zu Fus, bald zu Pferd, leben mit Vornehmen und Nicht-Vornehmen, mit Reichen und Armen, und erhalten in dieser Abwechslung immer neue Belehrung mit immer neuem Genuß«.(37)

Anders als etwa die undifferenzierte Schilderung des Pariser Volks bei Campe (38) lassen sich Kerners Genrebilder als eine 'soziologische' Fallstudie lesen, die Parteigänger verschiedener politischer Strömungen vorstellt. Als »Republikaner« verabscheut er ebenso die Sansculotten wie die »Aristokraten«, »Pfaffen« und »Royalisten«. Sein Haß sei durch zwei Beispiele belegt. Kerner versäumte es in den nächsten Jahren nicht, weiterhin die Untugenden zu geißeln, die dem republikanischen Ideal nicht entsprachen. Je mehr sich die Politik des Direktoriums und die gesellschaftliche Entwicklung in Frankreich von seinen Vorstellungen entfernten, desto aggressiver verdammte er vor allem den Egoismus einzelner Personen.

III

Der kleine Schwabe Kerner sprüht
Freiheit wie ein Vulkan (...)

Georg Forster

Das ist ein Republikaner nach meinem Herzen;
er glüht bis in die innerste Seele für die französische Republik (...)

Wilhelm Hensler

Die politische Position des schwäbischen Wahlfranzosen ist diffizil zu bestimmen. Einerseits lassen sich Prinzipien erkennen, denen er sich verpflichtet fühlte und denen er trotz vieler, oft verzerrter Kommentare zur Tagespolitik treu blieb. Diese Grundsätze bestimmten zugleich sein privates Verhalten und Handeln.

Komplizierter dagegen wird es sein, die konkreten Stellungnahmen des »Republikaners« zur Innen- und Außenpolitik Frankreichs und sein Schwanken zwischen kosmopolitischer Weltsicht und Vaterlandsliebe zu erkunden.

Eine Grundlage seines Denkens war der unerschütterliche Glaube an die Verbesserung des Menschengeschlechts. Vom Optimismus der Aufklärung bestimmt, war er davon überzeugt, daß man, würde man nur den Postulaten der Epoche folgen, eine Gesellschaft schaffen könne, die allen Menschen Glück brächte. Schon der Doktorand der Medizin forderte 1790 in einer Rede über die Zukunft von Krankenanstalten:

»Existenz der möglichst-größten Anzahl von Geschöpfen und möglichst-größte Glückseligkeit dieser existierenden Wesen, dies ist das große Gesetz, welches mit unverkennbaren Zügen in der ganzen Natur geschrieben steht.«(39)

So kompromißlos Kerner diese Überzeugung später auch vertrat, ein geschlossenes System und theoretisch eigenständige Abhandlungen zur Gesellschaftslehre hat er nicht formuliert. Wie bei anderen Zeitgenossen, die sich auf das moderne Naturrecht beriefen, sind auch seine Gedankengänge den großen politischen Denkern der Zeit entlehnt und Emden sich verstreut in seiner Publizistik und in seinen Briefen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der er jene »Ideen, die eine Wiedergeburt der Menschheit zu begründen schienen«(40), - wie sein Freund Reinhold später bemerkte - zu verwirklichen hoffte, zeigt sich an seinen Überlegungen zu den Ursachen der Revolution:

»Die französische Revolution, welche zuerst die große Umgestaltung bewirkte, war eine Frucht der Aufklärung: die Begriffe und Grundsätze, worauf sie sich gründet, schon längst das Eigenthum aller denkenden Menschen, sollten nicht länger bloß die todte Zierde einiger Schriften, oder der fruchtleere Gegenstand der Unterhaltung seyn: die Zeit war gekommen, da sie aus den Büchern in das Leben hinüberspringen mußten, da sie die Grundlage der Gesetze und des ganzen Staatsgebäudes werden sollten. So entstand die Revolution; wäre sie nicht so entstanden, so wäre sie nicht eine Revolution, sondern nur ein vorübergehender Aufstand, eine Rebellion gewesen;«(41)

Weil die Postulate der Aufklärung nicht »aus den Büchern in das Leben« hinübersprangen, begann Kerner die Hindernisse aufzudecken, welche seiner »Utopie« entgegenstanden. Wenn sich die »Tugend« des Menschen nicht verwirklichen kann, die »Glückseligkeit« sich nicht einstellt, so ist dies die Folge der traditionellen Herrschaftsverhältnisse, die es nicht zulassen, daß sich die guten Eigenschaften der Menschen entfalten.

Der Wahlfranzose entwickelte sich daher zu einem konsequenten Republikaner und verwarf jede Form der Monarchie. Ihn prägte ein »Haß gegen die Könige und das Königtum, das in seinen Folgen sich noch gräßlicher als während seiner Existenz zeigt«.(42)Der Revolutionär spielt damit auf die Jakobinerdiktatur und jene reaktionären Tendenzen nach dem 9. Thermidor an, die er als langfristige Folgen des französischen Absolutismus begriff. Konsequent stellte er sich darum auch gegen die Privilegien des Adels. Er, der am 14. Juli 1790 an der Karlsschule bei einer Feier zum Sturm auf die Bastille den Adelsbrief seiner Familie verbrannte, verabscheute die Vorrechte dieses Standes und den Stolz und die Arroganz, die er bei den französischen Emigranten beobachten konnte.

Schließlich dominiert bei Kerner - wie noch eingehender zu zeigen sein wird - ein extremer Haß auf den Katholizismus. Seine Überzeugung, daß Thron und Altar eine Einheit bilden und daß der Klerus ein wichtiges Instrument der Royalisten sei, um die gestürzte Ordnung in Frankreich wiederherzustellen, machte ihn zu einem unversöhnlichen Feind kirchlicher Institutionen. Die Intensität seines antikleralen Unmuts ist dadurch bestimmt, daß er im christlich-orthodoxen Ideengut das wichtigste Hemmnis zur Verwirklichung der Ideale der Aufklärung, einen Grundpfeiler des Despotismus sieht. Kerner, der 27jährig an »das Daseyn eines höchsten Wesens« und an ein > künftiges Leben«(43)glaubt, bekämpft, ohne sich auf theologische Untersuchungen einzulassen, das Christentum als Aberglauben. Wie langfristig er seine Anschauungen vertrat, verdeutlicht seine Parteinahme bei einer publizistischen Fehde vom Jahre 1805, die durch die Berufung des ehemaligen preußischen »Ketzerrichters«, des pietistischen Geistlichen Hermann Daniel Hermes, an die Universität Kiel, entstand.(44) Indem Kerner gegen konservative Ausführungen Fritz Reventlows (45) in dieser Frage polemisiert, engagiert er sich noch einmal für einen Grundsatz seines politischen Denkens:

»Dieser finstere Geist zielt auf nichts weniger, als auf ein höchstens in etwas verändertes Pabstthum, auf die Herrschaft einer bleyschweren Hierarchie, die zu allen Zeiten, die Monarchie am Gängelband tos Aberglaubens und der Frömmeley nach Gutdünken zu leiten, und die Bildung des Volks in einen stehenden Sumpf zu verwandeln suchte«.(46)

Welche Gesellschaftsordnung schwebte Georg Kerner vor? Wie wollte er es erreichen, daß die Privilegien Einzelner beseitigt und eine ungehinderte Entfaltung menschlicher Fähigkeiten und Anlagen ermöglicht würde? Kerners konkrete politische Zielvorstellungen, die noch einer Untersu-chung bedürften, können hier nicht analysiert werden. Wichtiger ist, daß er im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen, die den politischen Fortschritt durch eine allmähliche Verbesserung des Menschen erhofften und einen längeren Erziehungsprozeß wünschten, davon überzeugt war, erst der Umsturz oder die Veränderung der tradierten Institutionen hätte eine Besserung der Menschen zur Folge. Trotz vieler Enttäuschungen hat er dieses Konzept, auch als Postulat einer fernen Zukunft, nie aufgegeben. Noch 1803, als erFrankreich schon deprimiert den Rücken gekehrt hat, bekennt er:

»Der Mensch ist ursprünglich gut, ist sein Standpunkt in dem gesellschaftlichen Leben richtig bestimmt, so hängt eine immer steigende Veredlung blos noch von der allgemeinen Impulsion der Geseze und der Institute ab. Hier aber beginnt das Werk der Regierungen, hier öfnet sich für sie das große Feld, nicht nur über die Gegenwart zu schalten, sondern eine glükliche Zukunft vorzubereiten, nicht nur um zu geniessen, sondern um zu schöpfen, nicht nur um andern zu befehlen, sondern um selbst zu gehorchen den ewig wahren Grundsätzen des Rechts und der Billigkeit, damit die Gewalt überflüssig und die Würde unvergänglich werde!«.(47)

Die Verwirklichung der »Grundsätze einer reinen Vernunft«, von der er hoffte, sie sei »die Mutter einer besseren politischen Organisation«(48), stellte er sich so vor: Eine Elite aufgeklärter, gebildeter und uneigennütziger »Republikaner« stelle sich an die Spitze des Staates und setze die unumstößlich anerkannten Forderungen, die richtige Theorie, gegen alle Widerstände des alten Systems in die Praxis um.

Derartige Ideen sind nicht originell, ungewöhnlich aber ist Kerners - wie Hewig Voegt es einmal in anderem Zusammenhang feststellte - »eigene revolutionäre Konsequenz, der große pathetische Ernst, mit dem er die Menschheitsideale verficht«. (49)

Selten wird diese Haltung deutlicher, als wenn er über die »Tugend« des vorbildlichen »Republikaners« reflektiert. Bürgertugend, Republikanismus entdeckte er in der Geschichte. Als er in Italien weilte, gestand er:

»Glühendes Gefühl und Bewunderung für Römergrösse hat uns Alle aus den Jahren der Kindheit in das jugendliche und männliche Alter hinübergeleitet: was die Welt, die uns umgab, uns nicht gewähren konnte, und unsere erwachende sittliche Empfindung doch so sehnlich begehrte, Glauben an Tugend, an Erhabenheit des Charakters, dieB fanden wir vorzüglich in der Betrachtung der römischen Geschichte«(50)

Der Begriff der Tugend, die er hier beschwört - ein Grundpfeiler der Philosophie Jean-Jacques Rousseaus, dessen Denken ihn stark beeinflußte - ist ein Leitmotiv seiner Publizistik und seines Handelns: »Ich werde in keinem Lande, ich werde nirgends aufhören, Tugend zu suchen, und ich bin zum voraus gewiß, daß ich sie niemals vergebens unter dem Strohdache suchen werde«.(51) Dies ist keine rhetorische Floskel, sondern ein Programm, das, ergänzt durch das Bloßstellen von Untugenden, seine Reiseeindrücke kennzeichnet.

Indem er, wie Rousseau, Tugend nur beim Kleinbürgertum zu finden glaubt (52), grenzt er sich sowohl von den städtischen Unterschichten, als auch von den unpatriotischen Reichen und dem Adel ab. Sein zur Askese neigender Rigorismus kann daher nur in den Bauern und Handwerkern ehrenvolle Bürgerklassen erblicken. Die Enttäuschung bei der Suche nach tugendhaften Republikanern führte ihn dann mehr und mehr dahin zu glauben, erst »nach

einem Jahrhundert« (53) könnten seine Ziele verwirklicht werden. Die wenigen Republikaner werden für ihn somit Vorkämpfer »für den endlichen Sieg« (54) in einer fernen Zukunft:

»Das Ideal von Muth und Ehre erreicht der Mann, der den Stürmen der Zeit zum Trutz den Acker baut, dessen Flüchte erst auf seinem Grab für die Nachkommenschaft blühen; wahrer Muth und wahres Ehrgefühl glühen in dem Busen des Manns, dessen Kraft nicht an dem Schneckengang der Völker erlähmt, der taub gegen das Gekrinz der beyden Canaillen der bürgerlichen Gesellschaft, jener Endpunkte der Roheit und Abgeschliffenheit, seine Bundesbrüder, und Gehülfen in der besseren Mittelsclasse sucht, um mit ihnen endlich eine Bürgermasse zu bilden, in deren geläutertem Willen das letzte Gericht der Vorortheile, das Todesurtheil der willkührlichen Gewalt, der Triumph der Aufklärung d.h. des wohlverstandnen Interesses, das blühende Glück der bürgerlichen Gesellschaft und die hohe Bestimmung der Menschheit ruht (...)«.(55)

Im Gegensatz zu dieser resignativen Haltung, die durch seine Erfahrungen in Italien hervorgerufen wurde, neigte der Weltveränderer vor allem zwischen 1795 und 1798 stärker dazu, die Verwirklichung seiner Ideale durch die strenge Gesetzgebung bewußter französischer Republikaner zu erhoffen. Er glaubte, daß man die Tugend erzwingen könnte.

Der wichtigste Einschnitt in der Entwicklung seiner »tugendhaften« Zielvorstellungen bildet - wie bereits angedeutet - jener-Komplex der Prairial-Geschehnisse, jenes letzte Aufbäumen der hungernden Massen von Paris, das er zusammen mit dem dänischen Schriftsteller Jens Baggesen in der Hauptstadt der Revolution erlebte.(56)

Hatte er bis zu diesem Zeitpunkt primär die »Roheit« - die Sansculotten - mit der Waffe in der Hand niedergehalten, so begann er seitdem, die »Coalition von Aristokraten, Pfaffen, Neugeadelten, Schurken, Verräthem und Dummköpfen« (57) mit der Feder zu belästigen. Er wurde somit zwar Fürsprecher »strengster revolutionärer Disziplin« (58), kaum aber Jakobiner in jenem Sinne, daß er glaubte, zusammen mit den »Volksmassen«, die er stets politischen Handelns für unfähig hielt, Veränderungen zu erwirken.

Auf den Punkt brachte er sein ideologisches Konzept zu jener Zeit, als er in Hamburg die »Philanthropische Gesellschaft« (April 1797 - April 1798) gründete und leitete. Es muß hier darauf verzichtet werden, ihre in der Forschung unterschiedlich beurteilte Praxis genauer zu analysieren. (59) Daß sie nicht so harmlos war, wie der Historiker Wohlwill suggerierte, zeigt ein wiederentdecktes Dokument, in dem Kerner auf das Vorbild der Volksgesellschaften vor 1792 hinweist. Er hofft, diese nun wieder aufleben lassen zu können, und traut ihnen zu, »daß sie all das Gute bewirken werden, für das wir bereits Hinweise hatten, ohne in die verhängnisvollen Fehler zurückzufallen, zu deren Werkzeugen sie sich gemacht haben«.(60)

Programmatisch für seine Neugründung ist ein »Moralisches Glaubensbekenntniß der Philanthropen«(61), das in einer sofort konfiszierten Zeitschrift der Gesellschaft erschien. Die philosophische Grundsatzerklärung - sie trägt eindeutig Kerners Handschrift - beschwört zu Beginn seine Überzeugung, »daß die allmähliche Vervollkommung des menschlichen Geschlechts keine Chimäre sey«

Erneut bekennt er, die Verbesserung des Menschengeschlechts sei zuerst durch eine Veränderung gesellschaftlicher Strukturen zu erreichen. Sie sei »eines der vorzüglichsten Mittel (...), welche zur Vervollkommnung der Menschheit überhaupt führen«. Seine Einsicht aber, »daß die Menschen , um glüklicher zu sein, besser werden müssen«, ist für ihn als Postulat neu und leitete schon bald resignative Überlegungen ein, die ihn schließlich veranlaßten, sich weitgehend aktiven politischen Handelns zu enthalten. Der Veränderer, der stets die Tugend gesucht hatte und sie auch manchmal gefunden zu haben schien, trachtete nun danach, sie durch einen Zusammenschluß tugendhafter Männer zu vermitteln und zu schaffen.

Sein Tugendkatalog ist streng, glaubt er doch, daß ein Mitglied seiner Vereinigung »nur alsdann die Freiheit würdig liebt, wenn er auf die Vervollkommnung seiner Sittlichkeit bedacht« sei. Dem Philanthropen sei »Herrschsucht fremd«, er schätze Wahrheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit, also »glükliche Mittelmäßigkeit« und Fleiß, da er »thätig und arbeitsam« sei.

Der bemerkenswerteste Gedanke des »Glaubensbekenntnisses« zielt aber auf eine »Untugend«. Da Kerner überzeugt ist, die Wahrheit zu besitzen, kann er abweichendes Denken nicht billigen und hält dessen Bekämpfung für seine Pflicht:

»Die vorgebliche Tugend endlich, welche der erfinderische Despotism mit dem Namen Toleranz belegt hat, erkennt er nicht; denn er hält dafür, daß sie einen schreienden Mißbrauch der Menschenrechte, und eine offenbare Verlezung der Vernunft und Gerechtigkeit in sich faßt«.

IV

Schon erwähnt wurde die verwirrende Vielfalt, die das zweite Jahrfünft (1796 - 1801) von Kerners Engagement für das revolutionäre Frankreich auszeichnete. Es auch nur annähernd auszuloten, ist hier unmöglich. So müssen seine Reiseerlebnisse nach Italien und seine Aktivitäten in diesem Land (1798/1799) ebenso ausgespart bleiben wie seine darauf folgenden Eindrücke von der Schweiz und von Württemberg - ein Zeitabschnitt seines Lebens, der bisher so gut wie unbekannt blieb. Nur zwei Reisen nach Paris, die er 1796 und 1797 von Hamburg aus unternahm, und sein letzter Parisaufenthalt von 1801 können erwähnt werden.

Kerners erste Reisen sind mit seinem Aufenthalt in Hamburg verbunden. Am 28. September 1795 war er dort als Privatsekretär seines älteren Freundes, des französischen Gesandten Karl Friedrich Reinhard, eingetroffen; diplomatische Missionen führten ihn unter anderem nach Bremen, Hildesheim und Berlin. Zu Beginn des Jahres 1796 war er wieder mit seinem Jugendfreund Johann Gotthard Reinhold (1771-1838) verbunden. Das unzertrennliche Gespann bildete 1797 den Kern der »Philanthropischen Gesellschaft«. In den benachbarten Städten knüpfte der Revolutionär zudem eine Vielzahl von Verbindungen und neuen Freundschaften. Mittelpunkt der »ächt republikanischen Zirkel«(62)war der Kreis um den Kaufmann Georg Heinrich Sieveking, der eine Tochter des Arztes Johann Albert Henrich Reimaras geheiratet hatte. Das Landhaus des Kaufmanns in Neumühlen bei Altona wurde geselliges Zentrum des Reimaras-Sievekingschen Kreises und vorübergehend auch Domizil der französischen Gesandtschaft.(63)

Anlaß von Kerners erster Reise nach Paris, die er im März 1796 antrat, war jener Konflikt, der aus der Nichtanerkennung Reinhards als französischer Gesandter entstanden war. Hamburg, das sich in dieser Frage dem Drucke Österreichs gebeugt hatte, drohten französische Sanktionen. In dieser Situation wurde Georg Heinrich Sieveking von der Kommerzdeputation ausersehen, durch Verhandlungen in Paris mögliche Konsequenzen für Handel und Schiffahrt zu verhindern.(64)

Das entscheidende innenpolitische Ereignis seit Kerners letzter Abreise aus Paris war der 13. Vendémiaire gewesen, der Tag, an dem Bonaparte einen royalistischen Aufstand niedergeschlagen hatte. Für Kerner ist dieser 5. Oktober 1795 ein Datum, das die Republik rettete. Trotzdem entspricht der Zustand Hollands und Frankreichs nicht seinen Idealen. Hatte er schon vorher mehr Strenge und nachdrücklichere Strafen gegen die Feinde der Republik und eine revolutionäre Diktatur gefordert, »sobald das öffentliche Wohl, sobald die Gefahren des Vaterlands die Diktatur gebieten«(65), so verstärkt sich in den »Neue(n) Briefe(n), geschrieben auf einer Reise durch Deutschland, Holland und Frankreich«(66) sein Rigorismus. Schildert der Reisende zuerst in bekannter Weise Impressionen und Bekanntschaften, so werden ihm Beobachtungen über einen Gottesdienst Anlaß zu einem leidenschaftlichen Eckurs, in dem er die Schädlichkeit kirchlicher Gebräuche geißelt. Zwar will er nicht mit »Gewalt die Tempel zerstören« (67) und neigt auch nicht dazu, die alten »Schreckenscenen« gutzuheißen, denen er die Schuld daran gibt, daß jetzt die Nachsicht übertrieben werde. Vielmehr will er durch Erziehung und Agitation den Krieg gegen das Pfaffentum führen:

»Auf dem heiligen Altar der Publicität schwöre jeder Freund der Freyheit, durch die Erziehung, durch den Einfluß der Beredsamkeit, durch jedes ähnliche Mittel, das in das bloße Gebiet der Vernunft gehört, das Pfaffenthum, wenn gleich langsam, allein desto gewisser zu untergraben, bis endlich der große Tag anbricht, wo die Morallehre, der einzig wahre Gottesdienst, von allen scheuslichen Hüllen befreyt seyn wird, womit die Herrschsucht der Menschen sie verunstaltet hat«.

Für Kerner ist gewiß, daß die Religion auch ein Unterdrückungsinstrument ist, das dazu dient, eigensüchtige Besitzprivilegien zu rechtfertigen. Indem er eine Lebensmittelspekulantin kritisiert, - »ein unerträgliches Geschöpf voll Prätension und bürgerlichen Ahnenstolz«(68) -, will er eine ganze Schicht treffen. Diesem »Gesindel« gehe es darum, sich der

Religion anzuschließen, »um mit Hülfe der christlichen Kirche, dem armen bethörten Volk ungestraft die Früchte seines Schweißes entreißen, und ihm ungestraft den Genuß jener unveräuserlichen Rechte vorenthalten zu können«.

Sein pathetischer Angriff gipfelt in einer Anklage, die in ihrem rhetorischem Schwung und ihrer inhaltlichen Radikalität den Vergleich mit anderen »jakobinischen« Zeugnissen der Epoche nicht zu scheuen braucht. (69)So kann dieser Exkurs als ein Höhepunkt seiner Publizistik gelten. Die Schärfe resultiert aber auch aus politischer Resignation und einer persönlichen Krise, die ihn an einer kurzfristigen Verwirklichung seiner Ideen verzweifeln ließ. Die Anklage richtet sich gegen den Klerus:

»Priester! wie könntet ihr frech genug seyn, den armen Unglüklichen auf den leidenden Heiland zu verweisen, den ihr da in der erbärmlichsten Sündergestalt - ihn den energischen Widersacher des Pfaffen und KönigsDespotism - ihn den Athleten Jerusalems - in Form eines gekreuzigten, ausgemergelten Missethäters den Augen des Volks ausseztet? ohne Zweifel damit es, weil einmal ein so genannter Gott so erbärmlich aussah, vor seiner eigenen abgemergelten Gestalt desto weniger erschreken soll! - Priester! wie konntet ihr dieses unglükliche Volk auf die Weinsuppen eines künftigen Lebens verweisen, - da eure eigene Tafel aufs beste besezt, euer Keller gefüllt, euereBeutel gespikt sind, da ihr wohl wißt, daß das Elend nicht Bestimmung des Menschen ist, sondern Wohlstand, Vergnügen und Freude sein indisches Loos seyn soll; - da ihr die Ursachen seines Elends, da ihr diejenigen kennt, deren Ueppigkeit und Schwelgerey, deren Gefräßigkeit und Laune zu gefallen, die grosse Volksmasse so manchen physischen Genua entsagen muß, der nicht selten eine Stufe zur moralischen Veredlung ist. -

Aber nein ihr lenktet und lenkt das Aug des unglüklichen Unterdrükten auf ein anderes Leben, damit er in seinem fanatischen Taumel sein gegenwärtiges Elend vergesse, damit es ihm nicht endlich einfalle auch gut und vergnügt leben zu wollen, nicht blosses Thier zu seyn, sondern denkendes Wesen zu werden, nicht blosses passives Stük Fleisch zu seyn, sondern selbstthätiger Geist zu werden, nicht bloß durch euch sondern durch sich selbst zu denken, zu sprechen und zu handeln, und endlich über das feige Hundegesindel hinwegzuschreiten, das sich zwischen ihn und das grosse Urbuch der Menschenrechte, zwischen ihn und die Gottheit, als unberufener Zwischenträger wirft. - Allein euer aller Reich geht zu Ende - über eure Kronen und Hüte, und Milzzen und Hostien, und Kelche und Diplome, und Pergamente und Ordensbänder und Sterne, über eure Sclaven und Henker hinweg ruf ich im Angesicht des Himmels und der Erde - Euer Reich geht zu Ende! und tausend Echos und hundemausend Stimmen hallen - zu Ende!!!»(70)

Aber ein Jahr verging, bevor Kerner Paris wiedersah. Dieser Aufenthalt dort fiel in die Monate August bis November des Jahres 1797.(71) Veranlaßt wurde die Reise diesmal nicht von Reinhard, sondern Kerner selbst wünschte, den Posten als Privatsekretär aufzugeben und eine gesichertere Staatsstellung von der Republik zu erhalten. Er flüchtete zudem aus Gründen - so schrieb Christine Reinhard - , die »mit der Verbesserung des Menschengeschlechts nichts zu thun hatten«.(72) Diese Andeutung bezieht sich vermutlich auf eine Schwärmerei für Emmy Pauli, die dem Neumühlener Kreis zugehörte, aber einem anderen Mann zugesprochen war (73), und eine zusätzliche Ursache abgab, daß er wieder einmal eine verzweifelte Gemütsstimmung durch rastlose Geschäftigkeit betäuben wollte.

Hoffnung auf eine Verbesserung seiner Position schöpfte er nicht zuletzt aus seinen Bekanntschaften in Paris, etwa mit dem Diplomaten Talleyrand-Périgord und vor allem mit dem von ihm hoch geschätzten und verehrten Emmanuel-Joseph Sieyès, mit dem er seit Oktober 1795 Briefe wechselte. Als am 10. April 1797 ein Attentat auf Sieyès scheiterte, wandte sich die »Philanthropische Gesellschaft« an ihn, um mit eindringlichen Worten ihre Genugtuung über seine Rettung auszudrücken:

»Empfangen Sie demnach den Tribut, den wir Ihnen entrichten. Zählen sie uns zu denjenigen, welche die schreckliche Begebenheit, die Ihr Leben bedroht hat, am tiefsten erschütterte, zu denen, welche die lebhafteste Freude empfunden haben, als sie vernahmen, daß Sie der Welt nicht würden entrissen werden«.(74)

Auf das ausführliche Schreiben hatte Sieyès am 14. Juni 1797 wohlwollend geantwortet, und als Kerner dann im August nach Paris aufbrach, versah ihn seine Vereinigung auch mit einem Schreiben, das seine Verdienste um die Gesellschaft bescheinigte und ihn ermächtigte, es allen Philanthropen der Erdoberfläche zu zeigen.

Trotz dieser Voraussetzungen scheiterte sein Anliegen, und Kerner kehrte schließlich wieder zu Reinhard zurück. Sein Mißerfolg ist mit dadurch zu erklären, daß er es bei einer Geselligkeit, die der Minister des Auswärtigen, Talleyrand, gab, an Zurückhaltung fehlen ließ und anwesende Diplomaten durch seinen Enthusiasmus und seine Äußerungen schockierte. Eine Beschwerde gelangte an Reinhard, der gebeten wurde, das maßlose Wesen seines Gehilfen zu zügeln. An Gustav von Schlabrendorf schrieb er darum am 20. Oktober aus Hamburg:

»Der junge Mensch hat Ehrgeiz und noch mehr Eitelkeit. Er hört sich selbst gerne und will gerne gehört sein. Selbst eine gleichgültige Meinung mit jenem Feuer in einer solchen Gesellschaft von einer Person vorgetragen, deren Gesicht, Sprache und Ideen viel jünger sind, wie Ihre Jahre, beleidigt die Konvenienz. Mit jedem Anspruch auf Aufmerksamkeit, die er in einer so subalternen Lage, wie die seinige, geltend machen will, verliert er einen Anspruch auf die Beförderung, die er wünscht. Dies sagt' ich ihm; allein er hat mich nicht ganz verstanden oder nicht ganz verstehen wollen. Ich sprach nicht blos von Heftigkeit, sondern von Vorlautheit überhaupt, und nach dem dringenden Tone zu artheilen, in welchem jene Warnung geschrieben war, hat er sich gewiß in dieser Rücksicht große Sünden zu Schulden kommen lassen; und wer weiß, in welchem Zusammenhang sie mit den Schwierigkeiten stehen, die sich seinen Wünschen entgegenstellen? Auch das ist sehr jugendlich, daß er nun Schicksal und Menschen anklagt. Die Gesetze, wenigstens dem Buchstaben nach, sind gegen ihn; und je unabhängiger er der Sache gedient hat, um so weniger darf er seine Belohnung von den Menschen erwarten (...)«.(75)

Der jugendliche Schwung, von dem diese Zeilen berichten, war durch den 18. Fructidor des Jahres V mitbedingt. Der Staatsstreich vom 4. September hatte sich gegen die royalistische, reaktionäre Mehrheit gerichtet, die nach den Wahlen im Frühjahr die Politik des gesetzgebenden Körpers bestimmte. Er war durch die Direktoriumsmitglieder Barras, Reubell und la Revellière geplant worden, die sich der Hilfe der Trappen der Generale Hoche und Bonaparte versichert hatten. Die massive Truppendominanz verhinderte, daß es zu Kämpfen kam. (76) Ein großer Teil der Abgeordneten und der Direktor Barthélemy wurden verhaftet.

Es scheint, daß Kerner selbst in die Ereignisse des Tages verwickelt war. Seine Frau berichtete, er wäre fast »Opfer eines wüthenden Volkshaufens geworden, der nach Blut lechzte«.(77) Nur weil ein Offizier ihn verhaftet habe, sei er dem Volkszorn entgangen. Seine begeisterte Freude über den Staatsstreich hatte er schon am 19. Fructidor in einem Brief

nach Bremen geäußert: »Der gestrige Tag gehört zu den größten der Revolution, er hat die Republik gerettet«. (78) Eine zusammenfassende, bisher nicht entdeckte Beurteilung schrieb er aber erst auf der Rückreise nach Hamburg. Die »Briefe, geschrieben auf einer Reise von Paris nach Deutschland«(79) beginnen mit einem Vergleich der französischen Verhältnisse vor und nach dem 18. Fructidor, Gemälden »der Finsternis und des Lichts«.(80) Vom 29. Oktober datiert, ist der Beginn seines Reiseberichts keineswegs eine spontane Briefäußerung, sondern eine ausgefeilte Gegenüberstellung, eine letzte uneingeschränkte Anerkennung der französischen Republik. Über die Zustände nach dem Staatsstreich schrieb er u.a.:

»Die Volksgesellschaften wieder eröfnet; sichtbares Aufleben des Gemeingeistes; die republikanische Constitution; Sicherheitsakt für die Republik, Lebensquelle der Republikaner; der Royalismus und die Aristokraten unter dem Schwerdt der Gerechtigkeit; die öffentlichen Aemter dem Patriotismus zurückgegeben; die Nationalgüterkäufer gesichert; Ehre und Belohnung den Vaterlandsvertheidigern; Frankreich weinend an dem Grabhügel Hochens und vom Dankgefühl gegen Buonaparte beseelt; Einigkeit im Directorium durch Merlins und Neuschateaus Eintritt in die Regierung; die Nationalrepräsentation von republikanischer Würde und republikanischem Sinne erleuchtet und umstrahlt. Die aristokratische Departementsverwaltung cassirt; die Emigranten und ungeschwomen Priester vertrieben; Frankreich wiederum leuchtendes Gestirn am republikanischen Himmels-Gewölbe; das Reich der Republikaner - Triumph der Freyheit und Gleichheit. (...) So ist Frankreich, da ich es verlasse«.(81)

Seine Euphorie sollte nicht lange anhalten. Die Eindrücke, die er in Valenciennes, Brüssel, Löwen, Ttrlemont, Lüttich, Maastrich, Aachen und Köln gewann, veranlaßten ihn erneut zu heftiger Kritik. Die Zurückhaltung, mit der einige Städte die Friedensbotschaft von Campo Formio aufnahmen, verärgerte ihn. Besonders das Verhalten der Einwohner von Brüssel, das er schon im September 1795 als unrepublikanisch angeprangert hatten (82), ließ ihn jetzt wieder wünschen, daß das Direktorium durch »republikanische Strenge in der ganzen Fülle des Worts«(83) die Machenschaften der Aristokraten und Priester verhindern möchte:

»Unter solchen Umständen, reisse man das Gebäude von Grund aus nieder, und auf seinen Trümmern errichte man republikanische Institute, begleitet von den Wohlthaten aber auch bewafnet mit den Donnern der Republik« (84)

Seine Rigorosität verschärfte sich noch, als er im Märe 1798 wieder über diese Stadt berichtete. Sein Unmut konzentrierte sich diesmal auf die Rückgabe der Kirche St. Jacques an die Katholiken, während er sie für republikanische Feste genutzt wissen wollte. (85)

Wie sonst vergaß Kerner trotzdem nicht, republikanische Tugenden einzelner Persönlichkeiten zu erwähnen. Ungewöhnlich aber ist, daß er diesmal eine ganze Stadt fand, die seinen Idealen nahe kam: Lüttich. Die auffallenden Mentalitätsunterschiede zwischen den Einwohnern dieser Stadt und den Brabantern waren schon im Jahre 1790 Georg Forster in die Augen gesprungen.(86) Sinngemäß konstatierte Kerner sieben Jahre später:

»Es ist einer der sonderbarsten Contraste die man erlebt, wenn man von Brüssel nach Lüttich reist, und von dem mürrischen mit der neuen Ordnung der Dinge unzufriedenen Brabanter plötzlich zu den von Republikanismus beseelten Lüttichem kommt«.(87)

Was ihn an Lüttich faszinierte, war der »Erwerbsfleiß« und die »Thätigkeit« (88) der Einwohner, die u.a. in Kohlebergwerken und Waffenschmieden ihren Verdienst fanden. Hinzu kam die Religionsfeindlichkeit der Lütticher. Forster hatte festgestellt:

»Mit dem Fürstenhalse verbindet sich zugleich ein allgemeines Mißfallen an dem ganzen Priesterstande, das beinahe in Verachtung und Indignation gegen diese Klasse, und, weil der rohe Haufe weder unterscheidet noch prüft, bei vielen auch gegen die Religion selbst übergeht«.(89)

Kerner berichtete über dasselbe Phänomen, das inzwischen Folgen gezeitigt hatte, konnte sich aber mit dem »rohen Haufen« identifizieren:

»Auch kocht in dem Busen des größten Theils der Einwohner ein furchtbarer Haß gegen den ehemaligen Fürstbischof. Sie begnügten sich nicht wie man anderwärts gethan, mit Umwerfen von Bildsäulen, sondern die Cathedralkirche ward der ersten Entrüstung zum Opfer gebracht. Schon ist ein grosser Teil dieser Steinmasse abgetragen und der grosse Götzentempel jetzt mehr eine alte Ruine, wird in kurzer Zeit der Erde gleich gemacht, nicht länger mehr das Auge des Republikaners beleidigen, der in diesen Steingebirgen nichts als den unbegränzten Stolz der Tyrannen und Pfaffen erblickt«.(90)

In den nächsten vier Jahren hatte der revolutionäre Idealist nur selten Gelegenheit, mit ähnlicher Genugtuung von republikanischen Erfolgen zu schwärmen.

V

»Anderthalb Jahre brachte ich derart in der Schweiz zu und kehrte mit dem Gesandten gegen Ende des Jahres 1801 erneut nach Paris zurück. Es war Frieden geschlossen worden. Die Lage war damals für Frankreich wenig erfreulich, lediglich den Schein von Freiheit legte die Französische Republik an den Tag, und alles vollzog sich nicht nach Gesetzen, sondern nach dem ungebändigten Willen des höchsten Magistrats, und das, was Bonaparte betrieb, zielte weniger auf das Wohl der Bürger als auf den eigenen Ruhm und die weitere Festigung seiner Herrschaft. Daher lehnte ich angetragene Ämter ab, verließ Frankreich und ging wieder nach Hamburg ...«.(91)

So berichtet Georg Kerner in einem Lebenslauf für die Universität in Kopenhagen. Was war genau geschehen?

Reinhard, dessen diplomatische Bemühungen in der Schweiz gescheitert waren, hatte am 21. August 1801 sein Abberufungsschreiben erhalten. Da über die Bestimmung Kerners darin nichts enthalten war, blieb dieser vorerst in der Schweiz.(92) Am 12. September schrieb Christine Reinhard ihm einen Abschiedsbrief.(93)Reinhard selbst überbrachte dem Sekretär Bonapartes, Bourienne, ein Schreiben, in dem Kerner zu bedenken gab, ob seine Dienste getrennt von seinem vertrauten Vorgesetzten, »noch von irgendeinem Wert sein können«.(94)

Während das Ehepaar schon im Oktober in Paris weilte, traf Kerner erst im November in der französischen Hauptstadt ein. Nach dem Zeugnis seines Bruder Justinus habe er dort Talleyrand gegenüber Kritik an Bonaparte geäußert, »wobei er es nicht an Vorwürfen, die allen Helfershelfern zur Unterdrückung der Freiheit galten, fehlen lieg, so daß er genöthigt war, Paris schleunigst zu verlassen«.(95) Es wird zu zeigen sein, daß der Dichter diesmal so ganz unrecht nicht hatte.

Anfang Februar war Georg Kerner wieder in Hamburg. Es scheint, daß er hier neben anderen Bekanntschaften auch die zu Piter Poel wiederaufnahm, in dessen Journal »Frankreich« er vom Februar bis April anonym die Artikelserie »Auszüge aus den Briefen eines Deutschen in Paris«(96) veröffentlichte. Die umfangreichen Ausführungen sind in vielerlei Hinsicht aufschlußreich. Neben der aktuellen Berichterstattung über die Festlichkeiten zur Feier des 18. Brumaire (9. November) bilden die »Auszüge« fast ein Resümee seiner Erfahrungen seit 1790 und sind zudem ein Abgesang auf sein erwähltes »Vaterland« Frankreich. Es sind in der Tat Briefe »eines Deutschen«. Unzufrieden mit den Resultaten des Friedens von Lunéville, sich grämend über die Niederlagen der Österreicher in Italien, war er von der Überlegenheit des französischen Militärs überzeugt und beschwor den Geist Friedrichs II. von Preußen:

»Ach! warum mußte Friedrich der Einzige in dem Augenblick sterben, wo er besser geboren worden wäre! ... An seinen Thron stützte sich in jugendlichem Aufwuchs eine deutsche öffentliche Meinung, geboren unter den Donnern des siebenjährigen Kriegs; sie versprach deutschen Enthusiasmus und eine deutsche Nationalkraft«.(97)

Ein verzweifelter deutscher Patriotismus, verbunden mit einer resignativen und pessimistischen Grundhaltung prägen seine Beobachtungen und Bemerkungen in weiten Teilen. Wenn er auf die Veränderungen nach dem Staatsstreich vom 18. Brumaire eingeht und versucht, sie »objektiv« zu beschreiben, so wirkt durch diese »Distanz« seine Kritik desto bitterer. Trotzdem verdeutlicht sich die Tendenz des Artikels schon im ersten Satz:

»Ich hatte mich zu lange in den Gebirgen der Schweitz, zu lange in diesem Lande aufgehalten, wo die Natur so unendlich schön, so mannichfaltig und erhaben ist, als daß es mir in Paris gefallen konnte, wo man so majestätisch thut und es so wenig ist«.

Auch in seiner letzten Reportage aus Frankreich waren es Menschen, die ihn beschäftigten. Bei der Vorstellung eines Teils der brumairianischen Elite galten dem Augenminister Talleyrand die gehässigsten Bemerkungen. Über ihn heißt es, er habe »einen Grad von Gewandtheit, die unter einer scheinbaren Indolenz alle Hindernisse umgeht und die vorgesetzten Zwecke erreicht. Er gehört nunmehr zu den reichsten Proprietairs von Frankreich, und zu der Kunst sich zu bereichern gesellt er noch die schwerere, sich viele Freunde zu machen. Was auch seine Widersacher an ihm tadeln, so müssen sie doch zugeben, daß seine gefälligen Manieren, seine angenehme Unterhaltung wenigstens momentan jeden widrigen Eindruck tilgen, den die nähere Kenntnis seiner Natur als Mensch und Staatsmann vielleicht erzeugen mag«. Die Außenpolitik des »Bischofs« war ihm zuwider, da sie nur darauf ausgerichtet sei, die Größe Frankreichs zu sichern, und einem militärisch-politischen Imperialismus diene. Neben Talleyrand waren es besonders Joseph Fouché, Louis Antoine Bourienne und Lucien Bonaparte, die er angriff.

Dem ehemals angebeteten Sieyès war er in Paris begegnet. Der »Veteran der Revolution« war jetzt politisch ohne Einfluß, und mit Wehmut würdigte Georg dessen revolutionäre Laufbahn, um dann zu gestehen:

»Er ist nicht mehr der Philosoph der in bescheidener Wohnung lebt und bey irgend einem Pariser Restaurateur vom zweyten und dritten Rang nach der Karte sich sein mässiges Mahl zusammensetzt. Sie finden ihn jetzt in einem grossen Hotel von Laquaien bedient und umringt mit allen Annehmlichkeiten und der ganzen Glorie des Reichthums. Sein Character soll sich inde8 nicht geändert haben, auch seine Zufriedenheit nicht grösser seyn. Ob ihm öconomische Unabhängigkeit Verluste anderer Art ersetzt, kann ich Ihnen nicht sagen; allein ich müßte mich sehr irren, oder die Minute da ihn der Mörder Poule verwundete, war nicht die unglücklichste seines Lebens«.

lm Mittelpunkt seiner Ausführungen aber stand Bonaparte. Kein Politiker, kein Zeitgenosse hatte ihn so fasziniert und gleichzeitig so abgestoßen wie der um ein Jahr jüngere Korse. Seine Einstellung und seine Beziehung zu Napoleon grenzte ans Pathologische.

Als 1804 in Hamburg das Gerücht über ein erfolgreiches Attentat des fanatischen Royalisten George Cadoudal an dem Kaiser verbreitet wurde, verließ Kerner abrupt eine Geselligkeit und bemerkte seiner Frau gegenüber: »Es ist sonderbar, ich haßte den Tyrannen und könnte jetzt weinen, daß er unter der Hand eines Mörders fiel. Er ist doch der größte Mann seiner Zeit!«.(98) Als dem Ehepaar 1805 ein Töchterchen geboren wurde, nannte Georg es Bonafine ...

Während des Staatsstreichs vom 18. Brumaire hatte Kerner in Paris geweilt. Mit der ihm eigenen Glut (99)hatte er Christine Reinhard von den Ereignissen erzählt. Was er als Folge dieses Tages erwartete, war eine Wiederholung des 18. Fructidor. Als Bonaparte aber diese Hoffnungen enttäuschte, distanzierte er sich mehr und mehr von ihm. Die Italienpolitik des Konsuls verabscheute er, und als er Napoleon im Sommer 1800 in Mailand traf, schrieb er in sein Tagebuch: »Großer, von Europa und der Nachwelt besungener Held! Auch du bist worden nichts und wirst werden nichts, als ein Mensch, der nicht gethan hat, was er hätte thun können, und nicht geworden ist, was er der ganzen Welt hätte werden können«. (100)

Fast ähnlich hieß es in den »Briefen«:

»Nach dem Ausserordentlichen strebt er vielleicht mehr als nach dem wirklich Grossen, und doch hat wol das Glück wenigen Menschen so sehr wie ihm den Weg zu wahrer Grösse gebahnt; wenigen Menschen waren so grosse Mittel verliehen, die Menschheit zu heben; aber um diese schöne Bestimmung zu erfüllen, müßte er an die Möglichkeit der Erfüllung glauben; müßte er nicht, wie seine Gegner, es mit einigem Anscheine der Wahrscheinlichkeit behaupten, (...) die Menschen verachten«.

Das Wesen der neuen Herrschaftsform hat Kerner deutlich gesehen. Dabei ging es ihm gar nicht so sehr um die Diktatur - er war nie Demokrat im Sinne der pluralistischen Demokratie und hätte wohl einen »republikanischen« Diktator hingenommen - , sondern darum, daß Bonaparte nicht seine Macht so nutzte, wie der Revolutionär es wünschte:

»Bonaparte betrachtet sich als Dictator, seine Consulargewalt als Dictatur. Der Ursprung derselben rechtfertigt sich durch die verzweifelte Lage, in der er Frankreich nach seiner Zurückkunft aus Egypten fand; ihre Dauer durch den wankelmüthigen Character der Nation, die durchaus einer strengen Vormundschaft bedarf«.(101)

Die Gesichtspunkte, die er zur Beurteilung Napoleons heranzog, waren recht vielseitig und differenziert und bezogen sich u.a. auf dessen Religions-, Personal- und Italienpolitik. (102) Er warf ihm Prachtliebe vor, glaubte aber nicht, daß der Konsul die Absicht hätte, sich zum König krönen zu lassen: »Es kann unmöglich in den Plänen von Bonaparte liegen, die Republik zu einem Schattenbild herabzuwürdigen; der Mann der nach grossen Thaten geizt, darf nicht wie ein gemeiner Tyrann enden, wie die Geschichte sie uns zu hunderten aufweist«. (103)

Öfter erinnerte sich Kerner in seinen »Briefen« der vorangegangenen Ereignisse und verklärte besonders die ersten Jahre der Revolution. Die Schilderung der Feierlichkeiten zum 18. Brumaire war sein letzter Augenzeugenbericht aus Frankreich. Es war zugleich der Beginn einer Reihe von weiteren politischen Enttäuschungen, die die letzten zehn Jahre seines Lebens trüben sollte.

»Nach 12 Uhr brach die Sonne im Augenblick hervor, wo Bonaparte an das Fenster der Tuilerien trat. Der Zufall war nicht gering; Tausende haben ihn gesehen, Tausende können davon zeugen. Quelle renconte heureuse, hörte ich hier, le Brand soleil vient voir le petit egyptien! hörte ich dort rufen ... Besonders großen Enthusiasmus fand ich nirgends, wohl aber die bey dem Volk immer rege Neugierde, die allem nachstürzt, was ihr einigen Genuß verspricht! Panem et circenses! Auf allen den Tuilerien zunächst liegenden Punkten wurde der erste Consul mit einem lebhaften vive Bonaparte! begrüßt. Wenige mochten daran gedacht haben, daß bey dem ersten grossen Bundesfest vom 14ten Juli auf dem Marsfeld nach anhaltendem Regenguß die Sonne ebenfalls plötzlich aus den Wolken trat und den Altar beleuchtete, an dem die Franzosen im Angesicht der Welt für Freyheit zu leben, für Freyheit zu sterben, schworen. Damals leuchtete das erhabene Gestirn einem ganzen Volk (...) Bestem einem Menschen. - (...) Welcher Sonnenstrahl ist grösser und herzerhebender, der gestrige oder der damalige? ihn vermöchten die Götter selbst nicht zum zweytenmal hervorzurufen !« (104)


Anhang

Brief von Christine Reinhard an Georg Kerner
Hamburg, den 15. Sept. 1797
Seit meinem letzten Briefe, lieber Kerner, sind so große Dinge geschehen, daß mich dünkt ich muß Ihnen heute schreiben sonst ist mein Brief 10 Jahre zurück. Jetzt geschieht ja in Minuten worüber man sonst Jahre brütete. Sie kennen uns lieber Kerner, und Sie können sich gewiß den Eindruck lebhaft denken den die große Nachricht auf uns machte, und doch muß ich Ihnen von unserem Jubel von unserer Freude erzählen. Sieveking brachte, durch Poels die erste Nachricht, dann kam Klopstock mit dem ausführlichen Bericht, dann Reinhold mit noch interesanten privat Nachrichten. Etwa Ausserordentliches bringt gleich alle Menschen die zu einer Fahne geschworen haben zusammen. Erstaunen Freude und gespannte Erwartung wechselten in unseren Seelen und wechseln noch! Freilich mischt sich jetzt da der erste schöne Rausch der Freude vorüber ist noch eine andre Empfindung unter sie, nicht Furcht, aber doch sorge ob die Folgezeit unsern nun wieder neuen schönen Hoffnungen entsprechen werde! es sind uns schon manche Hoffnungen verwelkt! --- Doch still davon. --- ist nicht der entscheidende Schlag so klug eingeleitet, so herrlich ausgeführt worden! die Schuldigen hat er getroffen und um sie herum ist nichts versengt, kein Tropfen Blut vergoßen! Man wagt dies zu hoffen! - von den Menschen die das so ausführen konnten - muß man auch mehr hoffen. Nicht wahr lieber Kerner nun fühlen Sie sich nicht mehr allein, nun sind Sie wieder unter Menschen, unter Freunden, unter Brüdern! Ihr sinkender Muth ist belebt, Sie fühlen sich wieder in Ihrem Elemente und sind aus Ihrer Apathie gewekt, sie mäßen gestehn, lieber Freund, daß Sie ein bischen in Apathie versunken waren, daran waren gewiß hauptsächlich die Gründe Schuld die ich Ihnen in meinem vorigen Briefe nannte, aber nebenher auch noch mal sanfte wehmüthige Gefühle die Ihnen ganz individuell waren, und mit der Verbesserung des Menschengeschlechts nichts zu thun hatten. Werden Sie nicht böse guter Kerner, daß ich Ihnen Ihr Herz aufdecke, es ist ja keine Sünde ein bischen verliebt zu sein, und jetzt weiß ich sind Sie doch ganz Republikaner, die großen Leidenschaften haben die sanften überflügelt.
Daß das schwarze Complot der Royalisten so weit umfassend, wir dem Abgrunde so nahe waren, haben weder Sie noch wir geglaubt, es schwindelt mir noch wenn ich darüber nachdenke - und Pichegrü! - solche Entdeckungen thuen weh für die Menscheit! Ich freue mich Sieyes wieder in voller Thätigkeit zu sehn, das beweist mir daß er gewiß auch thätig war wie wir es nicht wußten und stärkt meine neuen Hoffnungen. Unter denen die sich von ganzem Herzen über den Sieg der guten Sache freuten war V. und doch fürchte ich daß für ihn jetzt weniger zu hoffen ist. Die Bremer zittern und verzagen, halten Republik und alles für verlohren; und haben O(...) der jetzt da ist zum Organ gewählt um ihre Jeremiaden in Worte zu bringen; indeß so bald Karl ihnen die Sache bedeutet, werden sie sie sich auch bedeuten lassen. Aber wie Ihre liebe Freundin wol für Sie gezittert hat, den die B. Nachrichten lassen wenig Menschen in Paris das Leben. Aber ohne Spaß, es freut mich sehr daß ich die Explosion nicht so nahe geglaubt habe, ich würde mich Ihrendwegen sehr geängstigt haben. In Sorgen war ich immer gottlob daß sie vorüber sind. Mit der grösten Begierde harren wir auf Ihren Brief. Daß Sie jetzt da sind ist wirklich glücklich für Sie und für Karl, wie viel interessantes kann er durch Sie erfahren. Karl lebt und webt ganz in den neuen Aussichten, neuen Hoffnungen! Es thut mir so leid, daß Sieyes nicht Direktor werden kann, ich mochte es so gern! Ich glaube lieber Kerner daß auch Ihre Aussichten jetzt glücken werden. Die Art wie T Sie aufnimmt, beweist deutlich daß er Ihnen und Karl wohl will. Das Fußreise Project kann ich nicht billigen, die vielen tausend Schritte die Sie da machen, bringen sie nicht einen Schritt weiter! Ich hoffe Sie sollen das ruhige Stübchen in unserem Hause noch vor Winter beziehen, daraus Sie mit einem Teleskop Neumühlen sehn und an den Frühling denken können. Jetzt wird in Neumühlen Ihrer noch oft gedacht aber mit dem Gesundheit trinken ist mal nicht Wort gehalten worden - Doch trösten Sie sich - denn Pauline war nicht da. Aber zu Poel Geburtstag wird Sie da sein den 23, und da will ich Ihre Gesundheit ausbringen. Rebmanns kleine Schrift, dem Türken im Mund gelegt, finde ich mit unter witzig aber gar nicht besonders. Daß alle Ihre aristocratischen Blätter zu ende sind freut mich sehr! erst ärgerte man sich darüber, dann muste Karl sie doch lesen, es nahm ihn Zeit weg, in der nun hoffe mir etwas vorlesen wird. und das ist viel besser! leben Sie wohl.

C.R.
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Druckrechte beim Autor - Copyricht by the author
Erschienen im Rahmen der Publikation "Europäisches Reisen im Zeitalter der Aufklärung"
Herausgegeber Hans-Wolf Jäger, Universitätsverlag Carl Winter, Heidelberg 1992
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