HANS WERNER ENGELS

GEORG KERNER,
EIN DEUTSCHER REPUBLIKANER IM ZEITALTER DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION

EIN VERGESSENES DOKUMENT AUS SEINER PARISER ZEIT (1791-1795)

"Es wäre leicht möglich, daß der Franke, um seine Revolutionsgeschichte kennenzulernen, auch einst zu den vielen in deutscher Sprache über diesen Gegenstand herausgekommene Schriften Zuflucht nehmen müßte..."

Georg Berner


Georg Kerner (1770-1812), dem sein weit bekannterer Bruder Justines ein erstes Denkmal setzte (1), zählt zu den bedeutendsten und eigenwilligsten deutschen Augenzeugen und Mitakteuren der Französischen Revolution. Mit glühender Begeisterung verfolgte er schon als Schüler der Hohen Karlsschule in Stuttgart die Ereignisse im Nachbarland und entschloß sich 1791, das Land der "Neufranken" als Wahlheimat zu erküren. In Straßburg widmete er sich zwar weiter seinem Medizinstudium, schloß sich aber der "Gesellschaft der Freunde der Konstitution" an und wünschte nicht nur aus Studiengründen seine medizinische Ausbildung in Paris fortzusetzen. Dort lebte er, schlecht und recht, von 1791 bis zum Frühjahr 1794 während der wohl umstrittensten Phase der Revolution.

Sein zweiter Aufenthalt in Paris (Januar-September 1796) verband ihn noch enger mit seinem schwäbischen Freund, dem französischen Diplomaten Karl Friedrich Reinhard. Als er dessen Sekretär wurde, führte ihn sein Beruf durch halb Europa. Entscheidend für seine weitere Lebensbahn wurden aber seine persönlichen Bindungen in Hamburg und Altona, wo er im Herbst 1795 erstmals weilte, da Reinhard zum französischen Gesandten bei den drei Hansestädten ernannt wurde. In Hamburg gründete er die "Philanthropische Gesellschaft" (1797) und redigierte dort u.a. die antinapoleonische Zeitschrift "Der Nordstern". Nach seiner letzten großen Reise, die ihn Ende 1802 durch das südliche Schweden führte, siedelte er sich endgültig als Arzt in Hamburg an. über seine letzten Lebensjahre berichtet sein Freund Johann Georg Rist: "Exzentrisch in allen Dingen, schlafend, wenn andere wachten, und umgekehrt, Tage und Nächte vom Haus abwesend, ohne Nachricht von sich zu geben, sei es am Krankenbett, sei es auf lustigen Gelagen, mit ganz unglaublicher Behendigkeit in allen Gegenden der Stadt zugleich gegenwärtig, dann wieder auf rasenden, meilenweiten, ärztlichen Ritten, zu denen er sich gleichsam vorzugsweise der schlechtesten Pferde bediente, die Gegend durchsausend, dann tote Körper oder abgeschnittene Köpfe heimlich zum Grausen der Mitbewohner in sein Haus schleppend, war er ein ebenso ungemütlicher Hausvater als hilfreicher Arzt und Menschenfreund und warmer Freund seiner Freunde" (2)

Als 1812 in Hamburg eine Flecktyphusepidemie ausbrach und der Arzt unermüdlich half, ereilte ihn die tödliche Krankheit und er starb mit 42 Jahren als Opfer seines Berufs (3).

Die erste moderne Gesamtdarstellung dieses Revolutionsfreundes von Hedwig Voegt (4) sei Anlaß zu einigen Bemerkungen. Die Leipziger Wissenschaftlerin, die mit Auswahlausgaben Rebmanns, Knigges, Mercks und Voß' hervortrat, stand bei dieser Dokumentation vor besonders großen Schwierigkeiten. Über die Mühen der Textgewinnung berichtet ihre wichtige Erläuterung am Ende ihres Bandes. Erstmals konnten die noch vorhandenen Reste des Teilnachlasses Kerners (Deutsches Literaturarchiv / Schiller-Nationalmuseum - Marbach) und weitere kaum beachtete Archivalien (Hamburg, Stuttgart) wiederentdeckt und teilweise veröffentlicht werden. Hedwig Voegt schrieb nach Adolf Wohlwills unüberholter und grundlegender Monographie, ohne die sie ihr Vorhaben nicht hätte verwirklichen können, ein weiteres Standardwerk über Kerner.

Weitere Kernerstudien hätten trotzdem einiges zu berücksichtigen. So bleibt z.B. unverständlich, daß Frau Voegt Walter Grabs detaillierte Analyse von Kerners Aktivitäten in Hamburg und Altona unerwähnt läßt. Während Grab (5) nachdrücklich betont, daß Kerner Girondist und Freund der aufstrebenden Bourgeoisie war, so rückt die DDR-Wissenschaftlerin den Revolutionsanhänger zu sehr in die Nähe der "Maratisten". Kerner im Titel des Buches als Jakobiner zu bezeichnen, ist nichts anderes als Etikettenschwindel. Ob aus dieser falschen Beurteilung Hedwig Voegts resultiert, daß sie Kerners "ausführliche Schilderung des Prozesses gegen den Jakobiner Fouquier Tinville" (6) in ihrem Band nicht veröffentlicht, ist schwer zu entscheiden.

Da Kerner einer der wichtigsten Repräsentanten der deutschsprachigen Kolonie im revolutionären Paris war, so ist seine Biographie nicht zu schreiben, ohne auf andere Persönlichkeiten, die damals dort weilten und die er kannte, einzugehen. Diese Aufgabe allerdings ließ schon Karl August Varnhagen von Ense verzweifeln. Am 4. Mai 1855 schrieb er in sein Tagebuch: "In den frühen Schriften von Ölsner, Georg Kerner, Forster, Archenholtz, Reichardt, aus der Revolutionszeit, herumgewühlt, verglichen, geprüft, Schlabrendorfs, Bollanns Brieftaschen vorgenommen, Jochmanns Denkblätter - ein reicher Stoff, der sich aber noch nicht bezwingen, nicht gestalten läßt" (7).

Seit Varnhagens Feststellung haben sich unsere Kenntnisse vertieft, aber doch nicht genug, um eine Gesamtschau der Deutschen in Paris zu wagen. So datiert z.B. die letzte Untersuchung über die Zentralfigur der Revolutionsenthusiasten aus dem Deutschen Reich, den schlesischen Grafen Gustav von Schlabrendorf, aus dem Jahr 1948. Ilse Foerst konnte damals noch einen Teilnachlaß dieses Mannes einsehen (8). Auch Kerners Beziehungen zu Konrad Engelbert Oelsner bedürften noch einer Untersuchung (9). Kerner verkehrte 1793 im Kreis der Mainzer Jakobiner Adam Lux und Georg Forster; daß sich aber das Netz der deutschsprachigen "Sympathisanten" der Revolution noch dichter spannen läßt, zeigt seine Bemerkung über andere drei Freunde: Brechtel, Mayer von Schauensee und Reinhard. über den ersten schreibt Kerner: "Der eine nennt sich Brechtel, ein junger Straßburger Arzt, der erst kürzlich von den teutschen Universitäten zurückgekommen ist und teils durch seine Verbindungen, teils durch die auf seinen Reisen erworbenen politischen Kenntnisse sich zum nützlichen Bürger gebildet hat" (10). über Johann Franz Jakob Brechtel aus Rülzheim ist kürzlich eine Teilstudie erschienen, die nachdrücklich verdeutlicht, welche Entdeckungen noch möglich sind (11).

Daß sich auch für Kerners Zeit in Hamburg noch kaum benutzte Archivalien finden lassen, verdeutlicht z.B. eine Bemerkung Adolf Wohlwills: "Die Zahl der im bremischen Archiv aufbewahrten Briefe Kerners (aus der Zeit vom Juni 1807 bis Ende 1810) beträgt mehr als 500" (12). Von diesen Briefen findet sich in Hedwig Voegts Buch über Kerner keine Erwähnung.

Daß neben der Bereitstellung archivalischer Quellen auch das Auffinden gedruckter Quellen heute schwierig ist, zeigt etwa, daß Walter Grab Kerners 1802 herausgegebene Zeitschrift "Der Nordstern" nicht ausfindig machen konnte, während sie von Hedwig Voegt benutzt wurde.

Kerners überaus seltene vierteilige "Briefe über Frankreich, die Niederlande und Teutschland. Geschrieben in den Jahren 1796, 1796 und 1797, Altona 1797" sind in Bibliotheken verstreut. Während die beiden ersten Teile dieses Buchs (vermutlich als Unikat) in Kopenhagen liegen, befindet sich der dritte Teil (176 S.) in den Bibliothek von Altenburg in der DDR (Sign. 8 MS 8936). Der vierte Teil konnte bisher noch nicht aufgefunden werden.

Kerners bereits erwähnte Schilderung des Prozesses gegen den öffentlichen Ankläger zur Zeit der Jakobinerdiktatur, Fouquier-Tinville, findet sich in dem dritten Teil der Buchausgabe der Briefe (S. 3-13); die letzten beiden Drittel (S. 48-176) veröffentlichte Kerner gesondert auch in Johann Friedrich Reichardts Journal "Frankreich" 1796 unter dem Titel "Briefe, geschrieben auf einer Reise von Paris nach den Niederlanden". Die Buchausgabe der Briefe enthält aber viele Textvarianten und auch einen Appell (S. 122-125), trotz aller Greuel und Exzesse dennoch der Revolution die Treue zu bewahren: "Patrioten Teutschlands, laßt euch nicht irremachen durch diese empörenden Szenen - verwechselt die Sache der Freiheit nicht mit denen, die dieselbe durch ihre Ausschweifungen schänden oder durch Irrtümer verunstalten" (13).

In dieser Buchausgabe finden sich auch einige Briefe, die offenbar nicht von Kerner stammen (S. 13-49). Diese Briefe sind identisch mit den "Beobachtungen eines französischen Bürgers, in Briefen an einen der Herausgeber der Klio" (14). Dort wird über die Volksaufstände vom 12. und 16. Germinal und vom 1. Prairial des Jahres III (April-Mai 1795) in Paris berichtet. Der Autor bleibt im Schatten der Anonymität; in der Buchausgabe heißt es: "Der Verfasser dieser Briefe ist mehr Franzos als Neufranke; nach eigenem Geständnis kein Republikaner, und nach dem Urteil seiner Freunde unfähig es zu sein - übrigens ein junger Mann und was wohl noch das Beste ist - von gutem Herzen" (15). In der "Klio" teilt dieser Anonymus am 2. Prairial III (21. ,Mai 1795) mit: "Zur Einleitung melde ich Ihnen, daß Freund Kirner (sic!) nur verwundet ward. Ich war bei ihm, und ungeachtet einiger Wunden am Kopf und an den Gliedern kehrt er mit mir zum Bataillon zurück"(16).

In der Buchausgabe der Briefe wird dieser Satz zum Anlaß genommen, ausführlich über die Erlebnisse Georg Kerners während des Volksaufstands vom 1. Prairial zu berichten und mitzuteilen, wie es zu seiner Kopfverwundung kam. Diese wichtige biographische Notiz bietet sowohl über Kerners Haltung zu den aufständischen Massen als auch über den Verlauf der Ereignisse selbst unbekanntes Material, weil sie sowohl Adolf Wohlwill als auch Hedwig Voegt - die beiden Biographen Kerners verborgen blieb. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Bericht - obwohl von Kerner in der dritten Person gesprochen wird - von ihm selbst stammt (16a).


KERNERS ERLEBNISSE BEIM PRAIRIAL-AUFSTAND 1795
zitiert

Ich habe vor mehreren Jahren die Bekanntschaft dieses jungen Mannes gemacht: Anno 1791 verließ er sein Vaterland Württemberg, um seine medizinische Studien in Straßburg zu vollenden; er sollte hier, nachdem er zu Stuttgart den medizinischen Doktorgrad erhalten hatte, die praktische Chirurgie studieren: allein eine zwölfjährige Gefangenschaft in der Militärakademie zu Stuttgart hatten ihm eine revolutionäre Stimmung gegeben, und da er ohnehin keine Neigung zur praktischen Chirurgie hatte, so ging er um so leichter aus dem chirurgischen Lehrsaal in den patriotischen Club zu Straßburg über, woselbst er gleich in den ersten Tagen seines Eintritts zum Vertreter erwählt wurde. Ein herzoglich württembergisches Anathem und Familienverdruß waren die Folgen davon: man glaubte den unbändigen Freiheitsfreund durch Hunger zu Paaren treiben zu können; fernere Unterstützung wurde dennoch bloß unter dem Beding einer plötzlichen Entfernung aus Frankreich und schleuniger Abreise nach Wien zugestanden. Der Jüngling ging mit seinem Kopf, seinem Herz und seinem Magen zu Rate - der letztere allein stimmte für Wien, Herz und Kopf formierten die überstimmende Majorität und regulierten für die kommenden 8 Monate den Küchenzettel - Brot, Milch und Wasser. Am Ende Novembers verließ K. seinen bisherigen Aufenthalt und seinen dortigen Mentor den nunmehr verstorbenen und zu wenig gekannten Bürger Grempp von Freudenstein und legte am Ende Novembers mit 40 Pfund auf dem Rücken den Weg von Straßburg nach Paris in 10 Tagen zu Fuß zurück. Als unerfahrener Jüngling hatte er sich von letzterem die schönsten Bilder entworfen; gleich bei dem Eintritt in diese Stadt ahndete er den Betrug, den ihm seine lebhafte Imagination gespielt hatte, und den er nachher nur zu sehr realisiert fand.

Er wurde von dem Jakobinerclub, an den er von Straßburg aus empfohlen war, gut aufgenommen, allein da er bald sah, daß die Leidenschaften liier mit jedem Tage mehr die kältere Vernunft despotisierten, so verließ er die Sitzungen dieser Gesellschaft zu Anfang von 1792 und kehrte niemals wieder dahin zurück. - Es war kein partieller Aufstand zu Paris, keine Schlägerei in dem Palais Royal, dem damaligen revolutionären Tummelplatz, wobei er nicht beinahe immer zugegen war, Ruhe, Ordnung und Einigkeit predigte, oder seinen Dienst als Nationalgarde tat. Eine leidenschaftliche Anhängigkeit an die Konstitution von 89 bezeichnete jede seiner Handlungen. Die Sittenverderbnis zu Paris, die ihm, der niemals große Städte gesehen hatte, doppelt fürchterlich erschien, machte ihn glauben, daß man in Frankreich, das er irrigerweise nach Paris beurteilte, noch nicht reif für Republik sei.

Nachdem der Krieg erklärt war, so trug der Gedanke, daß Umsturz der Verfassung von 89 einen Bürgerkrieg erzeugen könnte, der die äußeren Feinde zu sehr begünstigen würde, über alle anderen Betrachtungen bei ihm den Sieg davon. --- K. der sich ganz seinem inneren Gefühl überließ, handelte übrigens so, daß er von den Jakobinern, die ihn kannten, ein Feuillantiner, so wie von den Feuillantinern ein Jakobiner genannt wurde. --- Sein jugendliches Aussehen allein hat ihm in mehr denn 20 Fällen das Leben gerettet. Die Blutszenen, die auf die großen Tage des Untergangs der konstitutionellen Königsgewalt folgten, entkam er nur durch eine Reihe seltenster Zufälle.

Als der Konvent sich formiert hatte, schrieb er für die neue Hamburger Zeitung den Artikel Frankreich (17). Da es ihm nicht darum zu tun war, seine eigene Meinung, sondern die Sache der Freiheit .siegen zu machen, so blieb er nicht, wie leider so viele andere, gleichgültiger Zuschauer von dem Kampf zwischen der Gironde und dem Maratisten.

Er erklärte sich mit Leidenschaft für die Verteidiger der republikanischen Ordnung, sah bloß ihren guten Willen, und ihre schwache Seite ahndete er mehr, als er sich von derselben zu überzeugen bemüht war. Er blieb dieser Partei getreu, als sie schon proskribiert dem Kerker und dem Schaffot geweiht war.

Das Verhaftdekret wurde gegen die Ausländer gegeben: er war zu ungeduldig, um die Soldaten des Revolutionsausschusses seiner Sektion ruhig zu Haus zu erwarten, so stellte er sich demnach freiwillig als Gefangener vor diesen Ausschuß. Die freimütigen Erklärungen, womit er diesen Schritt begleitete, bewogen die anwesenden Mitglieder ihn nach Haus zurückkehren zu lassen, um hier die weiteren Befehle des Ausschusses abzuwarten.

Seine Stelle als Arzt der dänisch-schwedischen Krankenkammer wurde ihm jetzt von dem entscheidendsten Nutzen, da er das Brevet, das er sich von der dänischen Legation als Arzt dieser Krankenkammer ausstellen ließ, den Leuten, die durchaus keine Kenntnis von diplomatischen Verhältnissen hatten, so sehr geltend zu machen wußte, daß sie glaubten, er genieße des dänischen Schutzes und gehöre zu der dänischen Legation.

Das zweite Dekret gegen die Ausländer und ihre Verbannung von Paris erschien, und da man dieses Dekret hauptsächlich in der Absicht gegeben hatte, die Revolutionsausschüsse in Stand zu setzen, alle noch nicht verhafteten Ausländer und ehemalige Edelleute die Revue passieren zu lassen, und das weitere über die zu verfügen, so besorgten ihm seine Freunde einen guten Paß, und 3 Tage darauf war er mit seinem Freund 0.(18) (der Robespierren und einen Generaladjutanten des Revolutionsarmee zu persönlichen Gegnern hatte) auf Schweizer Grund und Boden --- nachdem sie 10 Tage zuvor sich eine solche Ortsveränderung auch nicht im Traum gedacht hatten. K. hatte Empfehlungsschreiben an den fränkischen Kommisar Bacher und an den fränkischen Gesandten Barthelemy, die nicht ohne Erfolg blieben: durch diese beide Bürger wurde er in Stand gesetzt, ferne von den inneren Szenen Frankreichs der Sache der Freiheit im Ausland zu dienen. --- Acht Monate durchlebte er in der Schweiz, woselbst der Fanatismus unter aristokratischer, patriotischer und religiöser Gestalt die Majorität unter der Zahl derjenigen macht, die nicht unter die Klasse der gleichgültigen und trägen Schlaraffen gehören, von den einen wurde er der Guillotine, dem Galgen von den anderen, und von den dritten dem Feuertode geweiht. In dem Henkerhandwerk vereinigten sich alle Fanatikerl

Zweimal besuchte er während diesen Aufenthalts sein Vaterland - er glaubte demselben nützlich werden zu können, er hatte Aussichten dazu, und seine Hoffnungen waren auf Mittel gegründet, die seinen Pflichten als fränkischer Bürger, als Verteidiger der republikanischen Freiheit nicht entgegen waren.

Während seinem zweiten Anfenthalt zu Stuttgart formierte sich zwischen Schwaben und Schweiz der bekannte österreichische Kordon, der den doppelten Endzweck hatte, den deutschen Fabrikaten und Produkten die Einfuhr in die Schweiz, woselbst die Franken damals unermeßliche Aufkäufe machten, zu versagen, damit die österreichische Regierung und die englischen Kaufleute ihre Waren desto teurer verkauften und als Monopolisten ihren Gewinn auf eine ungewöhnliche Höhe treiben konnten. Alle Reisende wurden, wenn sie diesen Kordon passierten, auf strengste Untersucht und nicht selten von den berüchtigten Rotmänteln geplündert.

K. der keinen anderen Paß, als seinen dänischen bei sich trug, hatte, als er auf seiner Rückreise in die Schweiz arretiert wurde, und glücklich genug war, den österreichischen Banditen, die ihn auf offener Straße angefallen hatten, zu entschlüpfen --- unter zwei Wegen der Rettung zu wählen; der eine führte nach Württemberg zurück --- der andere durch den Kordon in die Schweiz --- K., der schon den, Entschluß nach Paris zurückzukehren gefaßt hatte, wählte den letzteren, und nach einer kurzen aber grenzlos unbequemen Reise kam er als Mädchen verkleidet glücklich zu Schaffhausen an.

Im Verfolg eines Plans, den, er im Betreff der künftigen Verhältnisse seines Geburtslandes zu. der fränkischen Republik entworfen hatte, und der nachher aus Gründen. scheiterte, die er in, einer Beschreibung seiner beiden Reisen nach Württemberg zu entwickeln, sich vorbehält, verließ er die Schweiz und traf zu Anfang des Jahres 95 wiederum zu Paris ein. An dem ersten Prairial befand er sich mit dem dänischen Professor Baggesen (19), der bei ihm wohnte, in dem Konventsaal. --- Nachdem das Manifest der Rebellen verlesen war, nachdem sie Zeugen des Mutes gewesen waren, den die anwesenden Mitglieder bei Verlesung desselben bewiesen hatten, so verließen sie den Saal und eilten nach Haus, Baggesen, um sich zu dem dänischen Chargé d'Affaires zu begeben, K. um als Bürger unter die Waffen zu treten. Auf dem Weg nach seiner Sektion machte er noch einen Gang nach dem Konvent. Als er in das große Vestibül kam, das von dem Hof der Tuillerien in den Garten führt, so drang gerade daselbst. ein Haufe von 500 wütenden Weibern und Männern auf eine Wache von 6 oder 7 Gendarmes ein: dieser Anblick empörte ihn so sehr, daß er sich ganz seinem brausenden Unwillen Preis gab, sich unter die Empörer stürzte, und sie mit einer Stimme, die ihr Toben übertönte, zu dem Gehorsam gegen die Gesetze und zur Ehrfurcht für die Repräsentanten der Nation zurückrief; drei Minuten Ruhe erfolgten, aber ein neuer noch fürchterlicher Sturm begann, und kaum hatte K. Bewegung zu einem zweiten Versuch gemacht, so riß man ihn von hinten an den Haaren zu Boden; ein banditenähnlicher Kerl zog sein Schwert, der Tod war gewiß, es war kein Gedanke an Rettung zu denken. --- Das Geschrei --- nieder mit ihm, erschütterte die Halle --- und in dem nämlichen Moment sah K. das Schwert, das gegen seine Brust gezückt war, verschwunden; (erst einige Tage nachher erfuhr er, daß einer der tausend ruhigen Zuschauer über die Feigheit der übrigen und die Wildheit der Anführer empört, dem Banditen das Mordmesser aus der Hand gegriffen hatte) das fürchterliche Gedräng begünstigte K. er kam glücklich aus dem Vestibül auf die Terrasse. Auch hier war noch keine Rettung; wenn sie möglich war, so konnte sie nur bei der ungefähr zweihundert Schritte weiter unten stehende Wache gefunden werden. Allein fliehen und von dem großen in Mut versetzten Haufen für schuldig erklärt zu werden, war eine alltägliche Erscheinung, die zur Genüge dem bekannt sein müßte, der schon bei hundert Auftritten dieser Art war. Es blieb also nur ein Mittel übrig, das ebenso gute als schlimme Folgen haben konnte --- das heißt, mit dem Säbel in der Faust jener Wache entgegen zu stürzen, und auf diese Art, jeden, der den Weg versperren wollte, zurückzuschrecken. Von vorne widersetzte sich niemand, allein von hinten erreicht, wurde K. zweimal in einer Minute au Boden geschlagen; das einemal war es bloß ein Stoß, der ihn zu Boden warf; das zweitemal ein Schlag auf den Kopf, der ihn beinahe aller Sinne beraubte. Während seine Verfolger sich seines Säbels bemächtigten, raffte K. sich noch einmal auf, und atemlos stürzte er in die Reihen der Gendarmes, die einen Seiteneingang des Konvents bewachten. Sie wollten ihn in den ersten Sekunden nicht einlassen --- K. rief mit den letzten Kräften, die ihm übrig geblieben waren --- ich bin Patriot, und diese Betrogene wollen mich morden! --- zog schnell aus seiner Brieftasche ein ehrenvolles Certifikat, das er von dem fränkischen Kommissar Bachen zu Basel bei seiner Abreise aus der Schweiz erhalten hatte, und warf dasselbe unter den Haufen, der um seine Auslieferung schrie. --- Das Blatt ging von Hand zu Hand: unterdessen ließ ihn der Kapitän auf das Wachthaus führen, erst eine Stunde nachher erhielt er nicht nur sein Certifikat, sondern auch wiederum seinen Säbel zurück: die schreckliche Szene dieses Tages ging demnach sozusagen nicht nur mit ihm an, sondern im Verfolg derselben, wurde auch sein Freund Ferraud(20) ermordet. Das Resultat war der Triumph.der Nationalrepräsentanten. Bald nach dieser revolutionären Szene, an der die Royalisten und Terroristen gleichen Anteil hatten, begann die royalistische Reaktion. K. der die Rückkehr des Königtums nur in Henkergestalt denkbar glaubt, ist im strengsten Verstand für das republikanische System; und bald nach dem ersten Prairial, wo er in der Verteidigung der republikanischen Ordnung beinahe sein Leben verloren hatte, wurde er von den Royalisten als Terrorist proskribiert. --- Während einer Krankheit, die ihn an den Rand des Grabes brachte, mußte er Paris verlassen, um der Sache der Freiheit zum zweitenmal im Ausland zu dienen: --- er ist noch daselbst --- seinen Gefühlen gehorchend seinen Eiden --- getreu."


Anmerkungen

1
Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meines Knabenzeit. Erinnerungen aus den Jahren 1786 bis 1804, Braunschweig 1849.

2
Johann Georg Rist, Lebenserinnerungen. Hrsg. von G. Poel, 2. Bd., Hamburg 1908,S. 26.

3
Über Kerner vgl. vor allem:
- Adolf Wohlwill, Weltbürgertum und Vaterlandsliebe der Sehwaben, insbesondere von 1789 bis 1815, Hamburg 1875, S. 33-37;
- Wilhelm Lang, Aus Georg Kerners Sturmund Wanderjahren, in: Von und aus Schwaben, 1. Heft, Stuttgart 1885, S. 55-99;
- Adolf Wohlwill, Georg Kerner. Ein deutsches Lebensbild aus dem Zeitalter der französischen Revolution, Hamburg und Leipzig 1886.

4
Hedwig Voegt (Hrsg.), Georg Kerner. Jakobiner und Armenarzt. Reisebriefe, Berichte, Lebenszeugnisse, Berlin (DDR) 1979.

5
Walter Grab, Demokratische Strömungen in Hamburg und Schleswig-Holstein zur Zeit der ersten Französischen Republik (Veröffentlichungen des Vereins für Hamburgische Geschichte, Bd. 21), Hamburg 1966, S. 204-210.

6
Voegt, S. 535.

7
Zit. nach Werner Kraft, Carl Gustav Jochmann und sein Kreis. Zur deutschen Geistesgeschichte zwischen Aufklärung und Vormärz, München 1972, S. 3.

8
Graf Gustav von Schlabrendorf, Der Diogenes von Paris. Erster Teil: Die verlorenen Schuhe. Komödie von Ernst Penzoldt. Zweiter Teil: Der Historische Schlabrendorf. Dokumente ausgewählt von Ilse Foerst. München 1948. Foerst schreibt im Nachwort: "Alsbald stieß ich auf eine Dissertation von Karl Faehler (Jena 1909), die jedoch nur zum kleinsten Teil im Druck zugänglich ist (darunter die wohl ziemlich vollständige Schlabrendorf-Literatur); die Einsicht in das übrige schlug des Verfasser aus. Auch aus Schlabrendorfs unveröffentlichtem Nachlaß, der im Staatsarchiv Breslau lag, war mir nur ein Teil erreichbar."

9
Edgar Richter, Konrad Engelbert Oelsner und die französische Revolution, Leipzig 1911.

10
Voegt, S. 157.

11
Alain Ruiz, Universität Jena Anno 1793/94. Ein Jakobinischer Student und Geheimagent im Schatten Reinholds und Fichten, in: Revolution und Demokratie in Geschichte und Literatur. Zum 60. Geburtstag von Walter Grab. Herausgegeben von Julius H. Schoeps und Imanuel Geiss unter Mitwirkung von Ludger Heid, Duisburg 1979, S. 95-132.

12
Wohlwill, Kerner, S. 129.

13
Briefe über Frankreich, 3. Teil, S. 124.

14
Vgl.: Klio. Eine Monatsschrift für die französische Zeitgeschichte, 1.Bd., 1795, S. 393-4I5; 2. Bd. (1795), S. 20-45.

15
Briefe über Frankreich, 3. Teil, S. 13.

16
Klio, 2. Bd., 1795, S. 25.

16a
Kerners Bericht findet sich in den Briefen über Frankreich, 3. Teil, S. 20-27.

17
Es handelt sich um die auch von Wohlwill und Voegt erwähnten Hamburgischen Adress-Comptoir-Nachrichten. Die Artikel Kerners konnten bisher nicht aus gemacht werden.

18
"Freund O." müßte Oelsner sein, der Paris im Mai 1794 verließ, vgl. Richter, (Anm. 9), S. 38.

19
Jens Immanuel Baggesen (1764-1826) vgl. dazu:
- Renate Erhardt-Lucht, Die Ideen der Französischen Revolution in Schleswig-Holstein (Quellen und Forschungen zur. Geschichte Schleswig-Holsteins, Bd. 56), Neumünster 1969, S. 48-52 ; und auch:
- Heinrich Sieveking, Georg Heinrich Sieveking. Lebensbild eines Hamburgischen Kaufmanns aus dem Zeitalter der französischen Revolution, Berlin 1913, passim.,

20
Gemeint ist Jean Féraud (1764-1795). Kurzbiographie in: Dictionnaire Historique et Biographique de la Révolution et de l'Empire 1789-1815, Paris, o.J., S. 789-790.


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