Uwe Jens Wandel

Geheimagenten an die deutschen Universitäten

Georg Kerners Plan zur Zeit der Französischen Revolution


Ein Werkstattbericht
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Hamburg 05. August 2003
Der Herausgeber


Im Teilnachlaß Georg Kerners im Deutschen Literaturarchiv Marbach ist unter verschiedenen fragmentarischen Manuskripten ein gleichfalls unvollständiges Konzept enthalten, das einen Plan zur »Entsendung von Geheimagenten an die Universitäten Deutschlands« entwirft, wobei Tübingen eine besondere Rolle zugedacht war (1). Bevor darauf näher eingegangen wird, sei ein kurzer Abriß des Lebens von Georg Kerner vorangestellt.(2)

Georg Kerner, ein älterer Bruder des Dichters Justinus Kerner, ist am 9. April 1770 in Ludwigsburg als Sohn des dortigen Oberamtmanns Christian Ludwig Kerner geboren worden. Von dem konservativen Vater empfing er eine strenge Erziehung. Schon 1779 wurde er Zögling der damaligen Militärakademie, der späteren Hohen Karlsschule, die 1782 Universitätsrang erhielt, Obschon Kerner lieber zum Militär gegangen wäre, studierte er Medizin und erwarb 1791 den Dr. med.

Für die Französische Revolution hatte er sich früh begeistert; schon 1790 war er nach Straßburg gereist, um die dortigen Ereignisse mitzuerleben, und an der Karlsschule war er an verschiedenen Vorkommnissen beteiligt, die revolutionäre Sympathien ausdrücken sollten (3). Er verbrannte den Adelsbrief seiner Familie; bei einer öffentlichen Maskerade, an der französische Emigrés teilnahmen, wurden einer als Adel kostümierten Maske von drei Karlsschülern, darunter Kerner, die mit der Trikolore auftraten, Wappen und Stammbaum hinweggerissen; bei einer anderen Veranstaltung verteilte eine die Zeit symbolisierende Maske - gefertigt von dem Bildhauer Johann Heinrich Dannecker und dem späteren Maler Joseph Anton Koch, der 1791 nach Straßburg entwich - Parolen gegen Adel. Klerus und französische Emigrés.


Abb.1
Georg Kerner (1770-1812)
(Duncker/Kerner Familienbuch - Scan WKC)

Kerners Urteil über die Karlsschule und deren Gründer, den Herzog Karl Eugen, ist zwar kritisch, doch auch differenziert (4): »Kein Fürst hat in einem kleinen Bezirk der Freyheit so viele Proselyten durch seine Laster geworben, als dieser ihr auf diesem Wege zuführte. Sein unmäßiger Übermuth mußte in jedem fühlenden Herzen den brennendsten Haß gegen fürstlichen Druck entflammen, und sein unbegrenzter Ehrgeitz schuf in seinem Lande durch nützliche Anstalten, die mehr seiner Eitelkeit als seiner Philosophie, mehr seiner Ruhmsucht als seiner Vaterlandsliebe ihren Ursprung danken - eine Lichtmasse, die endlich die Überreste willkührlicher Gewalt verzehren und zu einer reinern Ordnung der Dinge ein Volk führen muß, das, so klein es ist, zu den edelsten Völkern Teutschlands gehört...« - »Die ursprüngliche Bestimmung dieses Instituts war, Mamelucken zu erziehen und in einem Lande, das sich einer etwas freiern Verfassung rühmte, in diesen jungen Mamelucken sich künftighin blindlings ergebene Diener, d.h. tüchtige Subjekte für die Landeskollegien zu erwerben... Dieser also erzognen Jugend gab der Fürst ... eine auserwählte Zahl trefflicher Lehrer und Professoren, wie man sie in schönerm Verein in keiner gleichzeitigen Erziehungsanstalt des übrigen Europas so leicht finden konnte«.

Es verwundert nicht, daß sich Kerner 1791 entschloß, seine Studien in Straßburg fortzusetzen. Anfänglich genoß er sogar ein herzogliches Stipendium, das ihm Karl Eugen aber wieder entzog, als ruchbar geworden war, daß er sich dem Straßburger Jakobinerklub angeschlossen hatte (5). Im Klub bekleidete er den Posten eines Sekretärs und nahm als solcher die Aufnahme des Christoph Friedrich Cotta, älterer Bruder des berühmten Verlegers und ehemaliger Doctor legens an der Karlsschule, vor. Auch traf er dort den früheren Hofkaplan des Herzogs, Eulogius Schneider, später öffentlicher Ankläger zu Straßburg (1794 guillotiniert).

Im November 1791 wandte sich Kerner nach Paris, wo er sich an deutsche Landsleute anschloß wie Oelsner, Schlabrendorf, Georg Forster, Wedekind und Adam Lux, der als Fürsprecher der Mörderin Marats 1793 hingerichtet wurde. Kerner stand den Girondisten nahe, beim Tuileriensturm im August 1792 verteidigte er als Nationalgardist den König und, allezeit gewohnt, seine Ansichten offen zu äußern, machte er sich den Jakobinern verdächtig. Im Frühjahr 1794 mußte er in die Schweiz fliehen, was nur dank eines Passes gelang, den ihm der im Auswärtigen Amt beschäftigte Landsmann Karl Friedrich Reinhard (1761-1837), der Pfarrerssohn aus Schorndorf (6), besorgt hatte. Gleichwohl wirkte Kerner in der Schweiz für die Interessen seines Wahlvaterlandes. Im Herbst 1794 reiste er zweimal nach Württemberg und, um dort den Gang der Dinge in seinem Sinne zu beeinflussen und seinem Geburtslande den Schutz der Neutralität zukommen zu lassen, verschaffte er sich sogar Zutritt beim Vertrauten des nunmehrigen Herzogs Ludwig Eugen, dem früheren Professor an der Karlsschule Christoph Schwab (Vater des Dichters Gustav ,Schwab). Seine Bemühungen blieben freilich fruchtlos.

1795 wurde Kerner Privatsekretär des ihm freundschaftlich verbundenen Reinhard, der zum französischen Gesandten bei den Hansestädten ernannt worden war, und reiste mit diesem im Herbst des Jahres nach Hamburg. Für Reinhard hatte er auch verschiedene Aufträge zu erledigen, wobei ihm sein Mangel an diplomatischer Geschicklichkeit hinderlich war.So scheiterten auch seine Bemühungen um einen eigenständigen Posten, da er seine Kritik an den herrschenden Zuständen unter dem Regime des Direktoriums zu deutlich äußerte. Er begleitete Reinhard auf dessen neuer Mission nach Florenz und auf der Flucht vor den heranrückenden Österreichern 1799 zurück nach Frankreich. Reinhard wurde nun Außenminister Frankreichs, bis ihn der 18. Brumaire des Napoleon Bonaparte entmachtete. Kerner war zu dieser Zeit in amtlichem Auftrag in Holland tätig gewesen.

Im Jahre 1800 gingen beide nach Bern, wo Reinhard als Gesandter wirkte. Im folgenden Jahre aber trennten sich ihre Wege, da sich Kerner nicht mit der immer klarer hervortretenden Alleinherrschaft Napoleons abfinden wollte. Er ging nach Hamburg, wo er sich ohne Erfolg als Publizist versuchte, bildete sich sodann auf der Universität Kopenhagen als Arzt weiter und kehrte 1803 nach Hamburg zurück. In der Folge arbeitete er dort als Armen- und Zuchthausarzt und wurde schließlich ein Opfer seines Berufs: Am 7. April 1812 starb er am Flecktyphus.

Das eingangs erwähnte Schriftstück, das nur die Seiten 5 bis 12 umfaßt, auf diesen in 18 Punkten das Agentenprojekt entwirft, ist zwar signiert, aber nicht datiert. Die anderen Fragmente in dem Faszikel gehören nicht dazu, ein Zusammenhang ist nicht erkennbar. Es ist jedoch zu vermuten, daß das Manuskript im Gefolge der beiden Reisen nach Württemberg 1794 entstanden ist, nach dem Tode des Herzogs (gemeint ist wohl Karl Eugen, gestorben am 24. Oktober 1793) jedenfalls, da hierauf Bezug genommen wird; es wird dessen Gesandter erwähnt, wohl der Legationsrat Wilhelm von Wolzogen, der noch bis 1793 in Paris weilte. Möglicherweise hat Kerner seinen Bericht im Jahre 1795 verfaßt, als er wegen Krankheit Paris nicht verlassen konnte.

In der Denkschrift wird der Plan entwickelt, geheime Agenten an die deutschen Universitäten zu entsenden, die sich als Studenten tarnen, Verbindungen mit Studenten und Professoren anknüpfen und Nachrichten sammeln sollten; besonders aber sollten die Agenten ihre neugewonnenen Freunde im Sinne der französischen Regierung beeinflussen (dem Direktorium gegenüber sagt Kerner wohlweislich nicht: für die Revolution!) und sie sogar zu publizistischer Unterstützung der Republik veranlassen.

Für Tübingen ist der Punkt 15 besonders beachtenswert: Er enthält die Weisung, daß die Agenten während der Dauer des Krieges ihren amtlichen Schriftverkehr über den Agenten in Tübingen zu führen hätten. Über die dortigen Verhältnisse (7) dürfte Kerner gut unterrichtet gewesen sein, wohl vor allem über den Verleger Johann Friedrich Cotta und seinen Redakteur Ernst Ludwig Posselt, mit denen Kerner korrespondierte. Posselt war als wiewohl gemäßigter - Anhänger der Revolution bekannt. Von dem politischen Klub im Stift hat Kerner sicherlich gewußt. Das am meisten kompromittierte Mitglied des Klubs, August Wetzel, mußte im Mai 1793 nach Frankreich fliehen und wandte sich zunächst nach Straßburg, wo er schon im Jahre zuvor Mitglied des Jakobinerklubs geworden war. Auch die Gerüchte von dem Tübinger Freiheitsbaum - der Kern der Legende könnte die Feier des Bastillesturms in einem Tübinger Gartenhaus 1793 sein werden zu Kerner gedrungen sein. Allgemein, und noch Jahre später, galt die Universität als pro- französisch, als »Foyer der Revolution«, wie es einmal heißt (8). Übrigens hatte Kerner schon 1792 der französischen Regierung vorgeschlagen, Württemberg über die Hochschulen zu revolutionieren - die Studenten der Karlsschule seien als glühende Freiheitsfreunde bekannt, die Tübinger ließen sich dadurch für die Revolution gewinnen, indem man ihre Verärgerung über die Konkurrenzanstalt schüre (9).

Bis jetzt gibt es keine Anzeichen dafür, daß je Kerners Projekte auch nur ansatzweise verwirklicht worden wären. Ich habe aber vor, dieser Frage noch weiter nachzugehen; der vorliegende Beitrag versteht sich nur als Werkstattbericht.

Der nun folgende Text von Kerners Manuskript hält sich genau an seine Schreibweise, nur die Zeichensetzung ist um der besseren Verständlichkeit willen modernisiert worden. Die Seitenangaben in spitzen Klammern beziehen sich auf die Seitenzählung im Textfragment. Eckige Klammern enthalten Zusätze des Bearbeiters.


De l'envoi d'agents secrets dans les universités d'Allemagne
(Originaltext - Transkription Uwe Jens Wandel)
(Seite 5)

1) Les dites agents seront pendant la durée de la guerre de la France avec l'empire et même après le retablissement de la paix compté parmi le nombre des agents secrets.

2) Ils s'inscriront comme etudiants dans les livres de l'université et frequenteront un ou plusieurs cours publics.

3) Ils tacheront de lier connoissance avec les professeurs et les etudiants les plus distingués par leurs lumières et leurs vertus.

4) Ils profiteront des ses liaisons pour se procurer [gestrichen: recolter soigneusement] les notions politiques [gestrichen: toutes les nouvelles] les plus exactes des pays de leur residence, de la nature et des moyens des gouvernants et des gouvernés. Ils recolteront avec soin toutes les decouvertes dans la vaste domaine des arts et des sciences - leurs regards fixés sur tout ce qui peut intresser la Republique n'oublieront pas le commerce et l'agriculture. Le comité [gestrichen: la commission] des Finances et du commerce, celui des arts et de l'instruction publique, enfin le comité d'agriculture seront a cette[!] effet consulté pour la rédaction des instructions que le Gouvernement donnera à ces agents.

(Seite 6)

5) Ils chercheront se procurer principalement la connoissance et J'amitié des etudiants deja avancés dans la carrière des études - ils chercheront de preference l'amitié de ceux dont la conduite fait entrevoir un esprit s'elevant au dessus des prejugés ordinaires et qui ajoutent a leur savoir celui de le pouvoir communiquer avec une eloquence à la fois instructif et seduisante. Ils s'attacheront enfin principalement à ceux de ces jeunes savants aux quels la fortune etait moins favorable que la nature. Ils prendront les precautions necessaires pour pouvoir leurs[!] offrir des Faibles secours sans blesser une delicatesse due à l'honorable indigençe[!] des talents. Les professeurs ordinairs ne sont pas les seuls qui président à l'instruction sur les universités allemandes. Il-y-a encore des professeurs extraordinairs, - il-y-a enfin des magistres lisants, ou des jeunes savants qui commencent à debiter [gemeint ist: débuter] sur les chairs publiques. Plusieurs de ces derniers ont commencé de lire pour la premiere fois un cours novellistique ou plutot une Statis[ti]que du jour de tous les pays de l'Europe. Ils ont supplé au manque des nouvelles directes par les papiers publics subordonnes dans

(Seite 7)

presque tous les pays au Despotisme et a ses agents. Leur source a été impure et tout, ce qu'ils y-ont puisé de même. Chacun doué de quelques lumières sent de lui même l'importance majeure de cette partie de l'instruction publique.

6) Les dits agents francais s'empareront [gestrichen: choisiront] de cette branche des leçons publiques et ils choisiront parmi les personnes mentionnés dans le cinquième article les sujets les plus capables pour inoculer à la jeunesse européene les maximes politiques que le Gouvernement de la Republique voudroit faire adoptés dans notre partie du globe.

7) Ils fourniront a ce but aux dites personnes des nouvelles intressantes tireés de la correspondance qu'ils entretièndront soit avec leurs collègues, soit avec leurs amis.

8) Ils préféreront si l'occasion se présente les professeurs ordinairs pourvû qu'il reunissent les qualités necessaires.

9) Ils feront composer par les mêmes personnes des memoires sur des objets que

(Seite 8)

le gouvernement de la Françe voudroit repandre dans l'etranger. Ils en soigneront l'impression et l'expedition rapide. Ils feront sous ce point de vue très bien de rechercher la liaison des liberaires versés dans leur etat.

10) Avant de faire imprimer des tels memoires an les enverra à l'agent général, qui prononcera sur leur merite et ordonnera ou l'impression ou une meilleure redaction. Dans des cas très pressés ou dans le cas qu'on est persuadé de la capacité parfaite des agents an s'abandonnera à leur propre jugement.

11) Quelque important que soit un tel memoire le nombre des exemplaires ne pourra pas surmonter celui de mille: si l'ouvrage est mauvais, il ne merite pas d'être connu: s'il est bon les contrefacteurs ne manqueront pas de remedier à sa rarité, qui de plus servira encore d'irriter la curiosité et d'augmenter la renommée de l'ouvrage.

12) Tous ces agents chercheront à continuer leurs liaisons même alors que ceux qui en sont l'objet abandonnent

(Seite 9)

l'université, soit pour occuper une fonction publique, soit pour embrasser un etat quelconque, soit pour se perfectionner par des voyages. Ils etabliront avec eux une correspondance active dont le contenu sera adapté au but politique et littéraire à atteindre.

13) Ils prendront enfin les mesures necessaires pour que toute cette operation s'execute d'une manière à ne pas être devoilee, chose d'autant moins à craindre que la stupidité des gouvernements germaniques egale a leur profond corruption.

14) Le Gouvernement de la Republique les instruira après le retablissement de la paix avec l'empire s'il faut qu'ils gardent leurs incognito ou non. - Ils pourront alors dans le dernier cas rendre aux jeunes voyageurs Francais qui veulent ajouter a leurs connoissances deja acquises celles qu'on ne peut acquerir qu'à la sourçe même - les mêmes services que les consuls rendent ordinairement aux negociants de leur pays.

(Seite 10)

15) Ils adresseront pendant la durée de la guerre avec l'empire toute leur correspondance officielle à l'agent qui reside à Tübingue.

16) L'agent residant à Tubingue la fera parvenir par la voie la plus sure à l'agent général qui pendant la guerre residera en Suisse et apres le retablissement de la paix et de la communication avec l'Allemagne - à Strasbourg .

17) Le dit agent général fera un extrait succint de tous les rapports qui lui seront envoyés - il l'adressera avec les originaux au gouvernement. Il transmettera aux autres agents les ordres et les demandes que le dit gouvernement juge à propos de leur faire parvenir.


Abb 2
Seite 10 des Manuskripts mit der Erwähnung Tübingens (Zeilen 4 und 5)
(Photo: Deutsches Literaturarchiv Marbach a.N.)

18) Chaque de ces agents recevrera 6000 £ en monnoie du pays ou il reside, ceux de Gottingue et de Leipsic auront 1000 £ de plus. 2000 £ de ce traitement seront censé [d'] être alloué aux operations exposées dans les articles 5. 6. 7. B. 9. 10. Il. 12. Les fraies du burreau seront payé separement et [gestrichen: estimé] censé de se porter

(Seite 11)

à 500 £. L'agent général aura 8000 £ dont 2 mille sont censé d'être alloués aux fraies du bureau. La somme totale de cette operation politique et litteraire se porte ainsi à peu près à 74000 £. - Eh bien le feu Duc de Virtemberg a payé à un miserable envoyé qu'il avait à Paris 30000 £ en argent comptant. Le gouvernement de la Republique voudroit-il balancer entre les avantages multipliés d'une telle operation et les fraies modiques qu'elle exige? Ce que j'ai dit, ce que j'ai proposé suffit - que chacun l'examine avec impartialité. J'observe seulment, qu'il est très ordinaire en Allemagne de voir des hommes d'un age deja avancé se ranger parmi les etudiants. J'observe de plus que ces agents présenteront à la France une pepiniere intressante qui lui fourniroit des hommes en etat de rendre des grands services, soit en consacrant dans les etablissements nationaux leurs acquisitions

(Seite 12)

litteraires à l'instruction publique, soit en consacrant leurs experiences politiques aux missions plus importantes dont an jugeroit a propos de les charger après qu'ils se seront bien acquitté de leur consulat.

George Kerner.

Über die Entsendung von Geheimagenten an die Universitäten Deutschlands
(Übersetzung von Uwe Jens Wandel)
(Seite 5)

1) Die genannten Agenten sollen während der Dauer des Kriegs zwischen Frankreich und dem Reich und auch nach der Wiederherstellung des Friedens unter die Zahl der Geheimagenten gerechnet werden.

2) Sie sollen sich wie Studenten in die Matrikel der Universität einschreiben und eine oder mehrere öffentliche Vorlesungen besuchen.

3) Sie sollen versuchen, Bekanntschaft mit den Professoren und Studenten zu knüpfen, die sich am meisten durch Einsicht und Tugend auszeichnen.

4) Sie sollen ihre Beziehungen dazu nützen, um sich genaueste politische Kenntnisse des Landes ihrer Niederlassung zu verschaffen, über das Wesen und die Mittel der Regierenden und der Regierten. Sie sollen sorgfältig alle Entdeckungen auf dem weiten Feld der Künste und Wissenschaften zusammentragen - ihre Aufmerksamkeit mit festem Blick auf alles, was der Republik wichtig sein könnte, soll Handel und Landwirtschaft nicht vergessen. Der Ausschuß für Finanzen und Handel, der für Künste und Volksbildung, schließlich der Ausschuß für Landwirtschaft sollen zu diesem Zweck bei der Abfassung der Instruktionen, die die Regierung diesen Agenten geben wird, zu Rate gezogen werden.

(Seite 6)

5) Sie sollen danach trachten, sich zuvörderst die Bekanntschaft und die Freundschaft solcher Studenten zu verschaffen, die im Gang ihrer Studien schon fortgeschritten sind - sie sollen vorzugsweise die Freundschaft derer suchen, deren Betragen erkennen läßt, daß ihr Verstand sich über die gewöhnlichen Vorurteile erhoben hat und die mit ihrer Gelehrsamkeit die Fähigkeit verbinden, sie mit gleichermaßen belehrender und bestechender Beredsamkeit weiterzugeben. Sie sollen schließlich zuvörderst solche dieser jungen Gelehrten für sich gewinnen, die mit Glücksgütern weniger gesegnet sind als mit Talenten. Sie sollen die notwendigen Maßregeln treffen, um ihnen kleine Hilfen anzubieten, ohne das Zartgefühl zu verletzen, das der ehrenwerten Bedürftigkeit der Talente geschuldet wird. Die ordentlichen Professoren sind nicht die einzigen, die auf den deutschen Universitäten Lehrtätigkeit ausüben. Es gibt dazuhin außerordentliche Professoren, endlich gibt es lehrende Magister oder junge Gelehrte, die anfangen, einen öffentlichen Lehrstuhl anzustreben. Mehrere dieser letztgenannten haben begonnen, zum ersten Male eine "Novellistik"-Vorlesung oder vielmehr eine aktuelle "Statistik" der Länder Europas vorzutragen (10). Sie haben den Mangel unmittelbarer Nachrichten durch die öffentlichen Zeitungsblätter wettgemacht, die fast in allen Ländern

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dem Despotismus und seinen Agenten unterworfen sind. Ihre Quelle ist unrein gewesen und alles, was sie daraus geschöpft haben, ebenso. Jeder, der auch nur mit einiger Einsicht begabt ist, empfindet von selbst die beträchtliche Bedeutung dieses Teils des öffentlichen Bildungswesens.

6) Die besagten französischen Agenten sollen sich dieses Zweigs der öffentlichen Vorlesungen bemächtigen und dazu unter den Personen, die unter Punkt 5 genannt sind, die fähigsten Individuen auswählen, um der Jugend Europas die politischen Grundsätze einzupflanzen, die die Regierung der Republik in unserem Teil des Erdballs angenommen haben möchte.

7) Sie sollen zu diesem Zweck den genannten Personen interessante Nachrichten aus dem Schriftwechsel verschaffen, den sie, sei es mit ihren Kollegen, sei es mit ihren Freunden unterhalten sollen.

8) Sie sollen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, ordentliche Professoren bevorzugen, vorausgesetzt, diese vereinigen in sich die erforderlichen Eigenschaften.

9) Sie sollen durch die besagten Personen Aufsätze über Gegenstände abfassen lassen,

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die die Regierung Frankreichs im Ausland verbreiten möchte. Sie sollen den raschen Druck und Vertrieb besorgen. Sie werden unter diesem Gesichtspunkt sehr gut daran tun, Verbindung mit Verlegern zu suchen, die in ihrem Gewerbe bewandert sind.

10) Vor der Drucklegung sollen solche Abhandlungen dem Generalagenten übersandt werden, der sich über ihren Wert äußern und entweder den Druck oder eine Überarbeitung anordnen soll. In sehr eiligen Fällen oder in Fällen, in denen man von der vollkommenen Tüchtigkeit der Agenten überzeugt ist, wird man sich auf deren eigenes Urteil verlassen.

11) Wie bedeutend eine solche Abhandlung auch sein mag, soll doch die Auflage niemals die Zahl 1000 überschreiten: wenn die Arbeit schlecht ist, verdient sie nicht, bekannt zu werden: wenn sie gut ist, werden die Nachdrucker nicht versäumen, ihrer Seltenheit abzuhelfen, die außerdem noch dazu dienen wird, die Neugierde anzustacheln und das Aufsehen zu vergrößern.

12) Alle Agenten sollen danach trachten, ihre Verbindungen aufrechtzuerhalten, auch wenn diejenigen, denen sie gelten, von der

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Universität abgehen, sei es, um einen öffentlichen Posten anzutreten, sei es, um irgendeinen Beruf zu ergreifen, sei es, um sich durch Reisen weiterzubilden. Sie sollen mit ihnen einen regen Schriftwechsel aufbauen, dessen Inhalt dem zu erreichenden politischen und literarischen Ziel angepaßt sein soll.

13) Sie sollen schließlich alle notwendigen Maßregeln vorkehren, jeden Einsatz nur in solcher Weise abwickeln, daß er nicht aufgedeckt werde, was zumal umso weniger zu befürchten ist, als die Beschränktheit der deutschen Regierungen ihrer tiefen Verkommenheit gleich steht.

14) Die Regierung der Republik wird sie nach der Wiederherstellung des Friedens mit dem Reich anweisen, ob es nötig ist, daß sie ihr Inkognito wahren oder nicht. Im letztern Falle dürfen sie dann den jungen französischen Reisenden, die ihren schon erworbenen Kenntnissen jene hinzufügen wollen, die man nur an der Quelle selbst erwerben kann - die gleichen Dienste erweisen, die die Konsuln gewöhnlich den Kaufleuten ihres Landes erweisen.

(Seite 10)

15) Sie sollen während der Dauer des Krieges mit dem Reich allen ihren amtlichen Schriftwechsel an den Agenten richten, der seinen Sitz in Tübingen hat.

16) Der Agent zu Tübingen soll ihn auf dem sichersten Wege an den Generalagenten weiterleiten, der während des Krieges seinen Sitz in der Schweiz und nach der Wiederherstellung des Friedens und des diplomatischen Verkehrs mit Deutschland in Straßburg haben wird.

17) Der besagte Generalagent soll einen knappen Auszug aus allen Berichten fertigen, die ihm übersandt werden - er soll ihn mit den Originalen an die Regierung weiterleiten. Er soll den andern Agenten die Anordnungen und Aufträge übermitteln, die die genannte Regierung ihnen zukommen zu lassen für ratsam erachtet.

18) Jeder dieser Agenten soll 6000 Livres in der Währung des Landes seiner Niederlassung erhalten, der in Göttingen und der in Leipzig sollen 1000 Livres zusätzlich bekommen. 2000 Livres dieser Besoldung sind für Aufwendungen gedacht, wie sie unter Punkt 5-12 aufgeführt sind. Der Schreibaufwand wird besonders bezahlt und wird

(Seite 11)

für 500 Livres angenommen. Der Generalagent soll 8000 Livres bekommen, von denen 2000 für Schreibaufwand vorgesehen sind. Die Gesamtsumme dieser politisch-literarischen Operation stellt sich somit auf ungefähr 74000 Livres. Nun hat der weiland Herzog von Württemberg einem erbärmlichen Gesandten, den er in Paris hatte, 30000 Livres in bar bezahlt. Sollte da die Regierung der Republik abwägen zwischen den vielfachen Vorteilen einer solchen Operation und dem mäßigen Aufwand, den sie erfordert? Was ich gesagt,was ich vorgeschlagen habe, genügt, daß jeder es mit Unparteilichkeit prüfe. Ich bemerke nur noch, daß es in Deutschland ganz gewöhnlich ist, daß sich Männer in fortgeschrittenem Alter unter die Studenten reihen. Ich bemerke ferner, daß diese Agenten Frankreich eine gewinnbringende Pflanzstätte darbieten, die dem Lande Männer liefern wird, die imstande sind, große Dienste zu leisten, sei es, daß sie in den nationalen Anstalten ihre

(Seite 12)

literarischen Erwerbungen der Volksbildung widmen, sei es, daß sie ihre politischen Erfahrungen den bedeutenderen Missionen weihen, mit denen man sie zu betrauen für ratsam finden wird, nachdem sie ihr Konsulat gut erledigt haben.

Georg Kerner.

Anmerkungen

1
Signatur: Z 3097. Dem Deutschen Literaturarchiv Marbach danke ich für die Abdruckerlaubnis.

2
Nach Adolf Wohlwill: Georg Kerner. Hamburg und Leipzig 1886.
Georg Kerner. Jakobiner und Armenarzt. (Hg. von Hedwig Voegt). Berlin/DDR 1978.
Eine neue Biographie ist von Hellmut G. Haasis geplant.
Unzuverlässig Justinus Kerners "Bilderbuch" (Wohlwill S. 91-100).

3
Vgl. Chrisloph Heinrich Pfaff: Lebenserinnerungen. Kiel 1854, S. 46. 57-61.

4
Nach Adolf Wohlwill: Georg Kerner. Hamburg und Leipzig 1886, S. 141.
Georg Kerner. Jakobiner und Armenarzt. (Hg. von Hedwig Voegt). Berlin/DDR 1978 S. 285-287.

5
Hauptstaatsarchiv Stuttgart A 8 Bü 360 Nr. 187; Bü 363. Wohlwill (wie Anm. 2), S. 12, 104 f. Voegt (wie Anm. 2), S. 15f.

6
Über ihn: Wilhelm Lang: Graf Reinhard. Bamberg 1896.

7
Dazu siehe Uwe Jens Wandel: Verdacht von Democratismus? (Contubernium; Bd. 31) Tübingen 1981, bes. S. 47-75 etc.

8
Dazu siehe Uwe Jens Wandel: Verdacht von Democratismus? (Contubernium; Bd. 31) Tübingen 1981,bes. S.165.

9
Hermann Munz: Reinhard, ein Schwabe im Dienste des revolutionären und konsularischen Frankreich.
Phil. Diss. Tübingen 1952 (Masch.), S. 13.

10
Novellistik ließe sich ungefähr mit Zeitgeschichte, Statistik mit Länderkunde wiedergeben.


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Erstmalig erschienen in "Bausteine zur Tübinger Universitätsgeschichte" Folge 3
(Werkschriften des Universitätsarchivs Tübingen. Reihe 1, Heft 12) Tübingen1987
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