Geschichte

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff"
Eine immer noch fast vergessene Tragödie zur See


Schiffsdaten
Kartendarstellung
Zeitzeugenbericht

 

Der Untergang des britischen Luxusliners "Titanic" ist uns allen wohlbekannt. Dieses Schiffsunglück war eine Tragödie für viele tausende von Menschen, die Angehörigen also der Toten.

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" brachte weit mehr Menschen den Tod und entsprechendes Leid über weit mehr Menschen - den Angehörigen eben der Toten der Gustloff.

Während die Jungfernfahrt der "Titanic" vor einem feucht-fröhlichem und vor allen Dingen friedlichen Hintergrund stattfand, war die letzte Reise der "Wilhelm Gustloff" von Anfang an vom Furcht, Schrecken, Grauen und Verweiflung geprägt.

Die Dimension des Untergangs der "Titanic" erfährt die schreckliche Dramatik durch die scheinbare Normalität der Reise, das Eingebettetsein in den Frieden, scheinbaren Fortschritts der Menschheit.

Der Untergang der Gustloff hingegen beginnt schon in der Abnormität der Lage der Menschen, die das
Schiff besteigen, ihrem Untergang zu entgehen.

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" beendete auf entsetzliche Weise die Leben vor allen Dingen von Flüchtlingen. Frauen und Kindern, Greisen und Gebrechlichen,  die aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches kommend, der Roten Armee zu entkommen suchten.

Die Zahl der Toten der "Gustloff" ist drei bis vier mal so hoch wie die Zahl der Toten der "Titanic".
Erinnerungen an Tragödien sollte die Menschheit jedoch, unabhängig von der Zahl der Opfer, bewahren,
da jeder Einzelne die letzten Minuten seines Lebens allein, schlimmstenfalls in der Dimension der Einsamkeit  - bestenfalls in der Gewißheit, die der Glaube an Gott zu geben vermag, zu durchleben hat. Wir sollten uns dagegen wehren, Leid über Quantifizierung zu dimensionieren - Dies ist Irrweg - Gestorben wird immer allein!

Leider ist diese Tragödie, wie ihr erschütterndes Ausmaß nur wenigen Menschen bekannt, ja wird weitgehend verdrängt obwohl sie jeden Menschen zutiefst berühren und erschüttern sollte. Man hatte sich damals an Tote wie das Sterben gewöhnt. Den Menschen, die die Zeiten damals erlebten, sind die seitenlangen Todesanzeigen mit Kreuz, eiserenem Kreuz oder Hakenkreuz (Gefallen für Führer Volk und Vaterland) noch sehr gut in Erinnerung. Eineinhalb Jahre zuvor hatte Hamburg ein dreitägiges Bombardement erlebt. Das Ereignis ging als "die Katastrophe" in Hamburgs Geschichte ein. Es starben
in diesen drei Tagen im Juli 1943 etwa 40.000 Menschen - Etwa die gleiche Zahl an Soldaten verlor
Hamburg im ganzen 1.Weltkrieg.

So sollten wir uns ein paar Minuten Zeit nehmen, die Geschichte, die Erinnerung an die tragischen Ereignisse der Nacht vom Dienstag den 30. auf Mittwoch den 31. Januar 1945 in uns lebendig
werden zu lassen:

Nachdem 1945 im letzten Januardrittel die deutsche Ostfront zusammengebrochen war, riegelten die Sowjets in mehreren Zangenbewegungen Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und Hinterpommern vom westlichen Teil des Reiches ab. Sie drängten die dort kämpfenden Truppen wie auch die Zivilbevölkerung an die Küste der Danziger Bucht zusammen.

In verzweifeltem Hin und Her, bei Temperaturen unter minus 20°C, zogen Trecks von Zivilisten - meist Frauen, Kinder, Alte und Gebrechliche - über die wenigen Weichselbrücken, das Eis des Frischen Haffs, durch das Samland in die rettenden Häfen Pillau, Danzig und Gotenhafen. Viele erfroren, gerieten zwischen die Fronten, wurden von Tieffliegern und Artillerie beschossen oder starben an Erschöpfung. Für die in panischer Angst vor der Roten Armee fliehende deutsche Zivilbevölkerung gab es nur noch eine Rettungsmöglichkeit: mit einem Schiff über die Ostsee in Richtung Westen zu entkommen...

Als die "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 in Gotenhafen ablegte, waren nach Schätzungen ca. 60.000 Menschen im Hafen versammelt. Die "Gustloff" hatte nur einen Bruchteil dieser Menge aufnehmen. Infolgedessen kam es zu einem Sturm auf die vergleichsweise wenigen Plätze an Bord. Nur mit Mühe konnte das Einschiffen in einigermaßen geordneten Bahnen vorgenommen werden. Es wurden hauptsächlich Frauen mit Kindern, alte Menschen und Schwerverwundete aufgenommen. Zusätzlich kamen über dreihundert Funkhelferinnen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren an Bord und wurden im ehemaligen Schwimmbad der Gustloff untergebracht.

Am Nachmittag dieses 30. Januar warf die "Wilhelm Gustloff" die Leinen los. Gegen 19 Uhr umrundete sie die Halbinsel Hela. Einziger Geleitschutz war das Torpedoboot "Löwe". Wegen schweren Seegangs und ständig sich erneuernder Vereisung der Aufbauten konnte die "Löwe" nicht auf den vorgeschriebenen Zick-Zack-Kurs gehen. Die "Wilhelm Gustloff" fuhr aus maschinentechnischen Gründen ebenfalls nur auf normalem Kurs voraus. Dies erleichterte gegnerische Angriffe erheblich. Feindliche U-Boote waren in dem Seegebiet zwar nicht gemeldet, aber dennoch präsent.

Über ihre Aufklärung war den Russen bekannt geworden, daß die Evakuierung von zig-tausenden Deutschen, über See erfolgte. Um 21.08 Uhr hatte sich das russische U-Boot S-13 auf Schußweite genähert und drei Torpedos abfeuert. Alle drei Torpedos schlugen seitlich an verschiedenen Stellen unterhalb der Wasserlinie in die "Wilhelm Gustloff" ein und explodierten.

An Bord der "Wilhelm Gustloff" lösten die Explosionen Panik aus. Für die Funkhelferinnen im ehemaligen Schwimmbecken des Schiffes gab es keine Rettung, sie fielen bis auf drei dem 2. Torpedotreffer, der direkt unter dem Schwimmbecken auf dem E-Deck explodierte, zum Opfer. Das Schiff hatte sofort fünf Grad Schlagseite nach Backbord und krängte allmählich auf 15 Grad.

Die Ereignisse überschlugen sich: Auf der Steuerbordseite konnten die Rettungsboote nicht zu Wasser gelassen werden. Auf der Backbordseite waren mehrere Rettungsboote in den Halterungen festgefroren, einige wurden zu früh ausgeklinkt und stürzten ins Meer, andere schlugen beim Aufsetzen auf das Wasser um, weil sie überladen waren. Auf dem Oberdeck wurde um die Rettungsboote gekämpft, an vielen Aufgängen kam es zu Tumulten, sogar Schüsse fielen. Frauen gaben mit letzter Kraft ihre Kleinkinder an die Besatzungen der übervollen Rettungsboote, mit der Bitte, wenigstens das Kind zu retten, ab. Als das Schiff nach zwanzig Minuten nicht weiter zu sinken schien, klang die Panik ab. Über die Lautsprecher beschworen die Offiziere die Leute, Ruhe zu bewahren, Hilfe sei bereits unterwegs. Viele blieben daraufhin an Bord, der eisigen Kälte zu entgehen. Andere suchten sich Absprungplätze auf der Steuerbordseite. Viele fielen ins eiskalte, mit Eisschollen bedeckte Wasser..

Gegen 22 Uhr durchlief die "Wilhelm Gustloff" ein starkes Zittern. Der Rumpf kränge weiter rollte ganz zur Seite, die Decks tauchten senkrecht ins Wasser. Wasser drang überall ein. Nach nur wenigen Minuten versank die Gustloff in den Fluten der Ostsee. Hunderten gelang es noch, ins Wasser zu springen. Aber die meisten erfroren schon nach kurzer Zeit.

Ein Augenzeuge berichtete später: "Ich dachte, mein Leben sei fast zu Ende. Ich sprang ins Wasser und schwamm schnell vom sinkenden Schiff weg, damit der Sog mich nicht mit in die Tiefe reißt. Zuerst spürte ich die eisige Kälte des Wassers nicht. Ich griff nach der Außenwand eines voll beladenen Rettungsbootes, um mich in Sicherheit zu bringen. Was sich dann um mich herum abspielte, war schrecklich. Kinder lagen tot in ihren Rettungswesten, viele Leichen trieben bereits kopfüber im Wasser. Todesschreie und Hilferufe gellten durch die dunkle Nacht. Zwei Kinder, die noch am Leben waren, weinten nach ihrer Mutter. Ich zog sie so gut ich konnte ins überfüllte Rettungsboot. Die vordere Hälfte des Schiffes schon vollständig unter Wasser war. Es waren aber noch unzählige Menschen an Bord, die in Todesangst schrien. Das Schiff sank schneller und schneller. Dann plötzlich Totenstille über dem Meer. Die "Wilhelm Gustloff" war in den hohen Wellen der See verschwunden."

Den herbeigeeilten Marineeinheiten bot sich ein Bild des Grauens. Die Unglücksstelle war von Trümmern und unzähligen Leichen übersät.

Es konnten nur 937 Schiffbrüchige gerettet werden. Zusammen mit den Wehrmachtshelferinnen und den meisten der an Bord befindlichen Verwundeten starben Tausende von Müttern, Kindern, Babies, Gebrechlichen und Greisen vor Pommern in den eisigen Fluten der Ostsee.



 



Kartendarstellung (Situation Anfang 1945)
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