Stefan Mannes

Die demographische Dimension der Wanderungsbewegungen in Deutschland 1945


 
 
 
 
 



Vorwort

Der Autor, Stefan Mannes, fertigte diese Arbeit im Rahmen des Hauptseminars:
"Die Zäsur von 1945 - Aspekte alliierter und deutscher Politik" an. Copyright: Stefan Mannes.

Mannes war zu der Zeit Student an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg - Historisches Seminar) - Dozent : PD Dr. Wolfram Wette.

Wir danken Stefan Mannes für die Erlaubnis, diesen Artikel im Rahmen unserer Seiten
bringen zu dürfen. Das Copyright liegt bei Stefan Mannes. Die können den Autor unter
der hier anklickbaren eBrief-Adresse direkt erreichen (stefan_mannes@gmx.net)

Stefan Mannes engagiert sich heute stark im Geschichtsprojekt "SHOA". Diese Seiten erreichen Sie indem Sie diese Internetadresse anklicken: www.shoa.de

Wir erlaubten uns, die teilweise längeren Absätze zusätzlich zu gliedern, dadurch die Übersichtlichkeit weiter zu erhöhen. Die Texte wurden selbstverständlich nicht verändert.

Hamburg 9.3.2002
Walther Kerner
 



Einleitung

Eine der wohl gravierendsten Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland, die zweifelsohne die politische und wirtschaftliche Entwicklung in der Nachkriegszeit nachhaltig beeinflußt haben, waren die enormen demographischen Verschiebungen durch Flüchtlinge, Evakuierte, Vertriebene und Kriegsgefangene.

Diese Arbeit ist der Versuch einer Darstellung der wichtigsten Bevölkerungsverschiebungen, ihrer Ursachen und ihres Ablaufs, aber vor allem ihrer demographischen Dimension sein. Dabei soll weniger das tragische Schicksal all jener Menschen thematisiert werden, die von den genannten Ereignissen betroffen wurden, vielmehr interessiert hier ein Eindruck der Größenordnung vermittelt werden, um die es bei der vorübergehenden oder endgültigen Wanderung vieler Deutschen bei Kriegsende ging.

Schließlich soll versucht werden, einen Ausblick auf die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der demographischen Verschiebungen zu geben. Aufgrund der Komplexität dieses Themas können die Geschehnisse allerdings nur grob in die Zusammenhänge der deutschen Nachkriegsgeschichte eingereiht werden.

Es bleibt zu erwähnen, daß die Literaturlage bei den größten Wanderungsgruppen, den Flüchtlingen und Vertriebenen, weitgehend unüberschaubare Formen angenommen hat. Die Fülle von guten wissenschaftlichen Arbeiten, jedoch auch vieler tendenziöser Literatur, wurde jedoch von Gertrud Krallert-Sattler in ihrer kommentierten Bibliographie vorbildlich geordnet. Sie gibt viele hilfreiche Einstiegsinformationen in das Thema sowie Literaturhilfen zu jedem nur denkbarem Vertiefungsgebiet.



Die Zwangsrücksiedlung von Volksdeutschen ins Reich ab1939

Die gewaltigen demographischen Verschiebungen, die mit der Flucht und Vertreibung von Millionen von Ostdeutschen ihren Höhepunkt erreichten, deuteten sich schon Jahre zuvor mit Hitlers "Heim ins Reich" Politik an. Die Entwurzelung und Zerstreuung der Deutschen in den Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas begann schon während des Krieges und stellte für viele Menschen nur den Anfang einer Wanderung dar, die sie 1945 noch weiter nach Westen führen sollte.

Seit dem elften Jahrhundert hatte eine intensive Siedlungstätigkeit für das Entstehen von großen deutschen Minderheiten in den Ländern Ost- und Südosteuropas gesorgt.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges befanden sich 1,5 Millionen Deutsche in der Sowjetunion, 1,2 Millionen in Polen, 3,5 Millionen in der Tschechoslowakei, 120.000 in Litauen, 550.000 in Ungarn, 800.000 in Rumänien, 700.000 in Jugoslawien, 70.000 in Litauen und 30.000 in Estland.

[1] Das politische Interesse an diesen fast 8,5 Millionen Deutschen wuchs aber erst mit der Machtergreifung Hitlers. Die pangermanischen Theorien der Nationalsozialisten zielten darauf ab, alle Deutschen in einem großen Reich zu vereinen. Der Anschluß Österreichs und die Übernahme des Sudetenlandes stellten hierbei die ersten großen politischen Aktionen dar.

Nach dem raschen Sieg über Polen im Herbst 1939 befand sich das Deutsche Reich in einer politischen und militärischen Situation, die es ihm erlaubte, konkrete Forderungen über die Rückführung von Deutschen auch an andere ost- und südosteuropäische Länder zu stellen. Die Umsiedlung ganzer deutscher Volksgruppen sollte mit dem Ziel durchgeführt werden, die östliche Grenze des deutschen Sprachraums zu festigen und zu erweitern. Vor allem die eingegliederten Gebiete Polens sollten nach dem Willen des "Reichskommisars für die Festigung des deutschen Volkstums", Heinrich Himmler, eingedeutscht werden.

Mit der brutalen Ausweisung von Millionen von Polen aus diesen Gebieten wurde ausreichend Platz geschaffen, die aus dem Osten eintreffenden Deutschen in diesen Gebieten anzusiedeln.[2] Die in den eingegliederten Gebieten eintreffenden deutschen Siedler erhielten dabei meist völlig ausgestatte Höfe, von denen die polnischen Besitzer z.T. nur Stunden zuvor vertrieben worden waren. Das Fernziel dieser Siedlungsaktion, wie sie 1941 schließlich im "Generalplan Ost" formuliert wurde, war die Errichtung eines einheitlich deutschen Siedlungsgebietes, das im Osten von einer Linie Krim-Leningrad begrenzt werden sollte. Die slawische Bevölkerung sollte dabei, sofern sie nicht als Arbeitsheloten gebraucht würde, jenseits der deutschen Wehrgrenze entlang dem Ural abgeschoben werden.

Um die "Volksdeutschen", die nur in den wenigsten Fällen die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, umzusiedeln, kam es zu einer Reihe von Verträgen mit den einzelnen Ländern, in deren Machtbereich die Siedlungen der Volksdeutschen lagen.

Mit Estland und Litauen einigte man sich noch im Oktober 1939 über die Umsiedelung von insgesamt 60.000 Volksdeutschen, mit Kroatien wurde im Oktober 1942 die Überführung von 30.000 Deutschen vereinbart und schließlich gab es seit 1939 vier Verträge, welche mit der Sowjetunion die Umsiedlung von ca. 350.000 Menschen regelten.[3] Auf diese Weise gelang es, die erste Welle der Umsiedler in humanitärer und friedlicher Weise zu transferieren.

Diese Praxis sollte sich erst mit dem Fortschreiten des Krieges ändern. Da mehr und mehr Gebiete, in denen deutsche Minderheiten beheimatet waren, unter direkte deutsche Verwaltung fielen, wurden Umsiedlungsaktionen bald nur noch als rein deutsche Verwaltungsmaßnahmen zwangsweise durchgeführt.

[4] Von 1940 bis 1944 wurden aufgrund bilateraler Verträge oder administrativer Maßnahmen des Deutschen Reiches 166.000 Deutsche aus Polen, 127.000 aus den Baltischen Staaten, 370.000 aus der Sowjetunion, 212.000 aus Rumänien und 35.000 aus Jugoslawien umgesiedelt.[5] Diese insgesamt 910.000 Deutschen fanden in den eingegliederten Ostgebieten, dem "Generalgouvernement" oder im Altreich Aufnahme. Vor allem für diejenigen Menschen, die in den zwei erstgenannten Gebieten eine neue Heimat bekamen, stand eine unsichere Zukunft und ein erneuter Heimatverlust durch Flucht und Vertreibung bevor.



Die Evakuierung der Bevölkerung aus den Städten
Die Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus den Ballungsgebieten und Städten stellte ein klares Eingeständnis der deutschen Führung dar, über kein weiteres Mittel zur Minderung der Auswirkungen des schweren Luftkrieges mehr zu verfügen.

Die ersten Betroffenen dieser Geschehnisse waren Kinder im Alter bis zu 14 Jahren, die ab September 1940 auf einen Vorschlag des "Hauptamtes für Volkswohlfahrt" aus Hamburg und Berlin in die Mark Brandenburg, nach Oberösterreich, Sachsen, Thüringen und den Warthegau verschickt wurden.

[6] Ab 1941 wurde die jetzt "erweiterte Kinderlandverschickung" genannte Aktion ausgedehnt und mit Anstrich einer reinen Wohlfahrtsaktion versehen, so daß Begriffe wie "Ausquartierung" oder "Evakuierung" vermieden werden konnten. Der Kreis der zu evakuierenden Kinder umfaßte allein in Berlin und Hamburg etwa 935.000 Kinder.

[7] Die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" übernahm die Betreuung der Kinder bis zu zehn Jahren in Familienpflegestellen oder in Heimen. Die Unterbringung der Älteren, welche der Verantwortung der Hitlerjugend unterlagen, fand in Hotels, eigens eingerichteten Heimen oder schlichtweg in Lagern statt. Das Leben gestaltete sich nach einem festen Tagesplan, der sowohl Unterricht wie auch Sport und Spiele einschloß. Obwohl der große Widerstand meist katholischer Eltern aus der Befürchtung resultierte, der Staat werde die KVL-Lager zu intensiver politischer Indoktrination nutzen, gingen solche Bestrebungen meist nie über das Maß bisheriger HJ-Aktivitäten hinaus.

[8] Gegen Ende des Krieges wurde aber auch die Situation in den KLV-Lagern aufgrund von Versorgungs- und Unterbringungsproblemen deutlich schlechter und es erfolgten auch Einziehungen zum RAD, Volkssturm oder in SS-Ausbildungslager. Bis zum 8. Mai 1945 wurden rund 2,5 Millionen Mädchen und Jungen in fast 9.000 KLV-Lager evakuiert.[9] Die ordnungsgemäße Rückführung dieser Kinder wurde jedoch durch den Zusammenbruch des Deutschen Reiches jäh unterbrochen, so daß viele KLV-Lager im In- und Ausland noch bis weit ins Jahr 1946 bestanden.[10]

Mit der Verschärfung des britischen Nachtbombardements ab Frühjahr 1943 und der massenhaften Vernichtung von Wohnraum erreichte die Evakuierungsproblematik eine neue Dimension. Oberstes Ziel wurde nun, den in der Rüstungsindustrie Tätigen auch bei der Zerstörung ihrer Wohnungen eine Unterkunft am Betriebsort zu sichern. Dazu schien es unausweichlich die Großstädte von "überflüssigen" Menschen frei zu machen. Gemeint waren damit außer Kindern vor allem Mütter und alte Menschen, die nicht in kriegswichtigen Betrieben arbeiteten.

Am 19. April 1943 gab der Reichsminister für Propaganda, Joseph Goebbels, schließlich den Erlaß über die "Umquartierung wegen Luftgefährdung und Bombenschäden" an alle Reichsstatthalter, Regierungspräsidenten und Polizeipräsidenten heraus.[11] In diesem Erlaß waren drei Formen der Umqartierungen vorgesehen : zunächst die Umsetzung im Wohnort selbst, die in Sammelunterkünften oder in Privatquartieren erfolgen sollte; dann die Unterbringung in der Nähe von Industriestädten und schließlich die zusätzlichen Wohnraum ergebende Evakuierung "nicht kriegswichtiger" Personen, die entweder auf der Basis von Verwandtenhilfe oder auf Vermittlung der Partei in bestimmte Gebiete gelenkt werden sollten.

Die Aufnahmegebiete erstreckten sich dabei auf alle Reichsgebiete, aber auch auf besetzte und befreundete Staaten, von Italien bis in die eingegliederten polnischen Gebiete und Ostpreußen. Die Widerstände großer Teile der deutschen Bevölkerung gegen ihre Evakuierung lösten sich jedoch erst Anfang Juni 1943 durch massierte Bombardements der RAF weitgehend auf.

Bis zum 21.1.1945 wurden im Deutschen Reich insgesamt 8.944.976 Menschen evakuiert.
[12] Man muß jedoch hierbei bedenken, daß davon 2,1 Millionen im Zuge der Kampfhandlungen an der West- und Ostfront aus den Gefechtsgebieten evakuiert worden waren, sowie 841.105 Personen im Zuge von Betriebsverlagerungen ihren Heimatort verlassen hatten.[13] So hatten alleine aufgrund des Luftkrieges rund sechs Millionen Menschen, also fast ein Fünftel der großstädtischen Gesamtbevölkerung des Jahres 1939 ihre Heimat verlassen müssen. Jeder sechste Evakuierte stammte aus Berlin, das den größten Exodus erfahren hatte.

Die im Januar 1945 als evakuiert registrierten 1.017.337 Berliner wurden in nicht weniger als zehn verschiedene Gaue verteilt.[14] An dieser Verteilung zeigte sich auch, wie willkürlich die Verteilung der Flüchtlinge meist erfolgt war.

Die Evakuierungsprogramme erhöhten jedoch im Laufe der Zeit immer stärker die sozialen Spannungen im Dritten Reich und belasteten darüber hinaus das Wirtschafts-, Versorgungs- und Verkehrssystem in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Die Flüchtlinge mußten untergebracht und versorgt werden, fanden jedoch in ihren Aufnahmegebieten nur selten Arbeit. Auch die psychologische Streßsituation der teilweise von den Einheimischen angefeindeten Evakuierten kann nicht vernachlässigt werden. Vielen dieser Flüchtlinge wurde nach Beendigung des Krieges die Rückkehr in ihre Heimatstadt aufgrund von Zonengrenzen oder einfach durch die Überfüllung der Städte versagt.



Die Flucht der deutschen Bevölkerung vor der Roten Armee.

Die Fluchtbewegung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten leitete die größte Bevölkerungswanderung des Zweiten Weltkrieges ein. Bis zum Zusammenbruch der Heeresgruppe "Mitte" im Sommer 1944, der die Rote Armee schlagartig in die Nähe der Reichsgrenzen brachte, schien der deutsche Osten fern ab von jeglichem Kriegsgeschehen. Die Seltenheit von Luftangriffen und die bislang große Entfernung zum Frontverlauf hatten die dortige Bevölkerung in trügerischer Ruhe gelassen.

Als im Oktober 1944 Rotarmisten zum ersten Mal deutschen Boden betraten, hatten sie vor allem die menschenverachtende Besatzungsherrschaft der Deutschen in der Sowjetunion in Erinnerung. Aufgestauter Haß über Plünderungen, Vergewaltigungen und willkürliche Erschießungen entlud sich nun an der deutschen Zivilbevölkerung.

Die barbarischen Ausschreitungen der sowjetischen Soldaten auf deutschem Boden erreichten entsetzliche Ausmaße und nahmen der Zivilbevölkerung jede Hoffnung, ihr Leben auf eine andere Weise als durch Flucht retten zu können.

[15] Aufgrund des Widerstandes fanatischer NSDAP Funktionäre wurde jede Vorbereitung zur Flucht unter Todesstrafe verboten. Es war für die Partei unvorstellbar, das Land kampflos vor dem Feind zu räumen. Da den Gauleitern als Reichsverteidigungs- kommissaren" die oberste Weisungsbefugnis in Verteidigungsfragen zukam, häuften sich ebenso militärische Fehlentscheidungen, welche die Rettungsmaßnahmen der Wehrmacht zusätzlich behinderten. Infolgedessen verliefen die mit der sowjetischen Winteroffensive 1945 einsetzenden Fluchtbewegungen meist völlig chaotisch und panikartig.

Viele Orte wurden von den Bewohnern erst verlassen, als die Rote Armee in unmittelbarer Nähe war. Es kam dabei oft zu erschütternden Szenen, wenn Flüchtlingstrecks in Kämpfe gerieten oder einfach von vorrückenden sowjetischen Einheiten überrollt wurden. Sofern die winterliche Flucht gelang, verlief sie unter erbärmlichen Umständen und unter großen Entbehrungen. Bis zum Jahresanfang 1945 flohen vier bis fünf Millionen deutsche Zivilisten aus dem Warthegau, Ostpreußen, Danzig, Pommern, Schlesien und Ostbrandenburg nach Westen.[16]

Am 26. Januar 1945 wurde Ostpreußen durch einen Vorstoß der Roten Armee ans Frische Haff abgeschnitten, und der Bevölkerung blieb als einziger Ausweg die Flucht über das zugefrorene Haff zu den noch erreichbaren Ostseehäfen. Viele Menschen starben in der klirrenden Kälte durch die fortlaufenden sowjetischen Tieffliegerangriffe oder wenn ihr Wagen ins Eis einbrach.

Auf der Ostsee wurde indessen eine gewaltige Rettungsaktion, an der fast 800 Militär-, Handels- und Passagierschiffe teilnahmen, organisiert. Bis zum Mai 1945 konnten so über den Seeweg zwei bis drei Millionen Menschen evakuiert werden, wobei nur ein Prozent von ihnen ums Leben kam.

[17] Um einen Eindruck der Ereignisse zu geben, sei hier die Flucht einer Frau mit ihrer Mutter und zwei Söhnen aus der pommerschen Stadt Bütow beschrieben :

Die Flucht am Morgen des 3. März 1945 geschah erst bei unmittelbarer Nähe der Front. Mangels eines Fahrzeuges konnte nur das Nötigste mitgenommen werden. Aufgrund des mittlerweile erfolgten Räumungsbefehles wurden schließlich jedoch offene Lastwagen bereitgestellt, welche die Flüchtlinge dicht zusammengedrängt in eisiger Kälte nach Osten fuhren. Erst am Abend des selben Tages erreichte die Lastwagenkolonne über die überfüllten Straßen die 60 km entfernte Stadt Stolp. Obwohl mittlerweile bekannt war, daß der Fluchtweg nach Westen von sowjetischen Streitkräften abgeschnitten war, wurde den Menschen das Ziel ihrer Flucht nach Osten nicht bekanntgegeben. In den nächsten Tagen gelangten sie teils zu Fuß, teils auf Wehrmachtswagen dem allgemeinen Flüchtlingsstrom im nördlichen Pommern folgend, am 10. März nach Gotenhafen. In der mit Flüchtlingen überfüllten Stadt schien es zunächst nicht möglich, Schiffskarten für eine Überfahrt nach Westen zu erhalten. Glücklicherweise bot sich der Leiter eines Heimes der Kinderlandverschickung an, die zwei Frauen und Kinder zusammen mit seiner Kindergruppe mitzunehmen. Nach tumultartigen Zuständen, die entstanden, weil nur der kleinste Teil der Flüchtlinge Karten durch das Rote Kreuz erhalten hatte, gelangten sie schließlich an Bord der Goya. Die Überfahrt zusammen mit 3.000 anderen Flüchtlingen auf dem überfüllten Schiff verlief glatt, so daß sie nach wenigen Tagen in Swinemünde eintrafen. Im Juni 1945 gelangten die zwei Frauen mit den zwei Kindern schließlich nach neuen Strapazen nach Hamburg.[18]



Die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten.

Die von dem Deutschen Reich so brutal betriebene Politik der nationalen Flurbereinigung schlug nun um ein Vielfaches zurück. Parallel zur Repatriierung, der von der Expansionspolitik Hitlers produzierten Flüchtlinge und "Displaced Persons", begann die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten und Osteuropa. Schon auf der Konferenz von Teheran 1943 hatten die Alliierten sich auf eine Westverschiebung Polens und einen Transfer aller Deutschen grundsätzlich geeinigt.

Für die Durchführung dieses Bevölkerungstransfers verwies Churchill auf einen griechisch- türkischen Präzedenzfall nach dem ersten Weltkrieg.[19] Es sollten die Konflikte von zukünftigen Minderheiten in besetzten Gebieten, sowie Revisionsforderungen einzelner Staaten von vornherein verhindert werden. Indessen hatte Stalin bereits gehandelt und eine polnische Marionettenregierung am 5. Februar 1945 eingesetzt, die die deutschen Ostgebiete unter polnische Verwaltung nahm.

Da die Westalliierten sich zu diesem Zeitpunkt noch zu keiner klaren Stellungnahme zu diesen Ereignissen bewegen ließen, verkündete die polnische Regierung im März 1945 die formelle Eingliederung von Pommern, Ostbrandenburg, Westpreußen, Schlesien und südliches Ostpreußen als die neuen polnischen Woiwodschaften Masuren, Pommern, Ober- und Niederschlesien sowie Danzig. Die sowjetisch-polnische Politik der vollendeten Tatsachen hatte sich ausgezahlt.

Obwohl Stalin diese Vorgänge mit der Aussage, es seien alle Deutschen bereits vor der Roten Armee geflohen, verteidigte, lebten zu diesem Zeitpunkt noch ca. fünf Millionen Deutsche in diesen Gebieten.[20] Bis die polnische Regierung die Oderübergänge im Juni 1945 für rückkehrende deutsche Flüchtlinge schloß, war es außerdem bereits über einer Million Menschen gelungen, wieder in ihre Heimatorte zurückzukehren, wie sie es schon nach dem Ersten Weltkrieg getan hatten. Ihr Aufenthalt dort sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein.

Die ansässige deutsche Bevölkerung in Polen und der Tschechoslowakei wurde in den Monaten April bis August 1945 Opfer der sogenannten "wilden" Vertreibungen, die zusammen mit Raub, Plünderungen, Vergewaltigungen und Mordtaten über die Menschen hereinbrachen. Über 300.000 Menschen aus den Oder-Neiße-Gebieten und 800.000 im Sudetenland wurden unter solchen Bedingungen vertrieben, bis sich die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz überhaupt mit der Frage des Bevölkerungstransfers auseinandersetzten.

[21] Die Empörung der Westalliierten, die sich auf der Konferenz zeigte, hatte ihren Grund jedoch weniger darin, daß die Sowjetunion die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße faktisch aus ihrer Besatzungszone ausgegliedert und den Polen übereignet hatte, sondern weil das in einem einseitigen polnisch-sowjetischen Akt geschehen war.

Die Lösung der Konflikte um die deutschen Ostgebiete hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur untergeordnete Bedeutung für die Westalliierten. Die westliche Sanktionierung der polnischen Verwaltung der "früher deutschen" Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie und der Zustimmung Washingtons und Londons zur Massenausweisung der deutschen Bevölkerung aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn wurde nur als Mittel gesehen, wiederum sowjetische Zugeständnisse bei der Regelung der Reparationsfrage zu erhalten.

[22] Die Westalliierten erreichten so ihr primäres Ziel, die Sowjetunion dazu zu bringen, ihre Reparationsforderungen aus der eigenen Zone zu befriedigen.

Der Artikel XIII des Potsdamer Abkommens sollte schließlich die ordnungsgemäße Überführung deutscher Bevölkerungsteile aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn regeln.
[23] Die Betonung dieser Formulierung lag dabei auf "ordnungsgemäß", da man die bisherigen Bedingungen der Vertreibung etwas bessern wollte. Der Einfluß der Westmächte auf den Ablauf der Aussiedlungen war in der Praxis jedoch sehr begrenzt.

Trotz kleinerer moralischer Skrupel, vor allem auf Seiten der USA, schien es nicht opportun, sich zum Anwalt eines Volkes zu machen, das kurz zuvor einen Kontinent mit Krieg überzogen hatte. Die Verständigung innerhalb der Anti-Hitler-Koalition wurde somit nicht mit, sondern nur auf Kosten Deutschlands erreicht. Die Vertreibungen in allen betroffenen Ländern liefen mit nur wenig verminderter Härte weiter. Ein US-Korrespondent berichtete im Oktober 1945 über den Ablauf der Vertreibungen im Sudetenland :

"Eine andere Frau mit Narben von Peitschenhieben quer über dem Gesicht sagte, als die Gruppe, mit der sie in Oberschlesien zur Eisenbahn marschierte, durch Sagan kam, standen polnische Zivilisten links und rechts der Straße, und die Flüchtlinge wurden systematisch beraubt und geschlagen, als sie vorübergingen [...] Sie schloß ihre Aussagen mit der Vermutung, sie sei schwanger. Auf der Reise nach Berlin war sie dreißigmal vergewaltigt worden."[24]

Von den 16,558 Millionen deutscher Ostbevölkerung, die bei Kriegsende noch in den Oder-Neiße-Gebieten (9,575 Millionen), der Tschechoslowakei (3,477 Millionen), den Baltischen Staaten (250.000), Danzig (380.000), Polen (1,371 Millionen), Ungarn (623.000), Jugoslawien (537.000) und Rumänien (786.000) lebten, kamen in wenigen Monaten nach Kriegsende insgesamt 11,73 Millionen durch Flucht und Vertreibung in den Westen.
[25] 2,111 Millionen Menschen kamen dabei ums Leben, während 2,645 Millionen in ihrer Heimat verblieben.

[26] In den folgenden Jahren begann aber, nicht zuletzt aufgrund der politischen Zustände in den ost- und südosteuropäischen Staaten, ein fortlaufender Abwanderungsprozess deutschstämmiger Menschen, der bis heute anhält.



Das Problem der "Displaced Persons"

Auch nichtdeutsche Staatsbürger waren in großem Maße von Bevölkerungsverschiebungen in Deutschland betroffen. Eine Gruppe, deren Einfluß auf die Entwicklung in Nachkriegs- deutschland weniger prägend war, in den ersten Nachkriegsjahren für die Alliierten und die deutsche Verwaltung aber ein gravierendes Problem darstellte, waren die "Displaced Persons".

Laut Definition der Alliierten waren dies Personen, die als Zwangsarbeiter oder aus rassischen, religiösen oder politischen Gründen ihr Land verlassen mußten und jetzt in den vier Besatzungszonen festsaßen. [27] Bei Kriegsende befanden sich ca. acht bis zehn Millionen DP's aus Polen, der Sowjetunion, der Ukraine, Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Frankreich in Deutschland.

[28] Die meisten von ihnen waren als Zwangsarbeiter nach Deutschland gekommen, doch es befanden sich auch Kriegsgefangene und befreite Internierte aus den zahlreichen Konzentrationslagern darunter.

Da es den meisten dieser Menschen nicht möglich war, mit eigenen Mitteln in ihr Heimatland zurückzukehren und ihre Versorgung erhebliche Probleme hervorrief, begannen ab Mai 1945 ausgedehnte Repatriierungsaktionen durch die Alliierten. Bis zum September desselben Jahres wurden so in regulären Transporten 4,622 Millionen DP's aus den Westzonen in ihre jeweilige Heimat gebracht.

[29] Diese Bemühungen erwiesen sich jedoch besonders im Fall der osteuropäischen Staaten als außerordentlich schwierig, da viele Menschen wegen der dort herrschenden politischen Verhältnisse zögerten oder es ganz ablehnten, zurückzukehren. Um einen Eindruck der Schicksale dieser Menschen zu geben, sei das Beispiel eines polnischen DP genannt :

"Ein polnischer Gymnasiallehrer, 1908 geboren, seit 1937 verheiratet (1 Kind), am 14. Februar 1940 bei einer sogenannten Fangaktion aus der Straßenbahn in Warschau heraus verhaftet und nach Deutschland verbracht; dort Zwangsarbeiter beim Bau der großen Schleuse in Wilhelmshaven; bei mangelhafter Verpflegung und Unterbringung 12 Stunden Arbeit täglich (in wechselnden Tag- und Nachtschichten); nach der Befreiung notdürftig in einer Bremer Kaserne untergebracht, 1947 Verweigerung der Rückkehr nach Polen wegen der dort entstandenen politischen Lage; Lagerleben bis 1949, dann Ausreisebewilligung nach Kanada; seit 1950 Industriearbeiter in Toronto, erfährt erst dort vom Tode seiner Familie im Warschauer Aufstand 1944; Wiederaufnahme akademischer Tätigkeit an Sprachschwierigkeiten und Alter gescheitert, 1956 Frühinvalide wegen schlecht verheilter TB"[30]

Für die sowjetischen Kriegsgefangenen ergab sich dabei eine besondere Zwangslage. Die ehemaligen Mitglieder der Wlassow-Armee, die an der Seite der Deutschen gekämpft hatten, erwartete der sichere Tod in ihrer Heimat, aber auch den Soldaten, die in deutscher Gefangenschaft verblieben waren, drohte ein nur wenig besseres Schicksal, da Stalin 1942 per Dekret alle von den Feinden gefangenen Sowjetsoldaten zu Vaterlandsverrätern erklärt hatte. [31] Da ein in Jalta unterzeichnetes Geheimabkommen die wechselseitige Repatriierung der Kriegsgefangenen vorsah, begingen viele Sowjetsoldaten, die Deportation vor Augen, Selbstmord.[32]

Trotz der Fortschritte der Repatriierung befanden sich im Frühjahr 1947 noch etwa eine Million Ausländer in den vier Besatzungszonen, davon allein 575.000 in der britischen und 275.000 in der amerikanischen Zone.[33] Im März 1949 befanden sich in den drei Westzonen noch 411.654 DP's, die meist in Lagern oder geschlossenen Siedlungen lebten.

Die deutsche Bevölkerung hatte die oft umherziehenden Ausländer aufgrund maßlos übertriebener Berichte über Gewalttaten, meist nur als Gefahr wahrgenommen. Das Fehlen beiderseitiger Kommunikation und ein schlechtes politisches Gewissen der Deutschen hatte ein Übriges dazu beigetragen, daß Integrationsversuche dieser Menschen beinahe erfolglos waren. So sollte es bis zum April 1951 dauern, bis auf Druck der Alliierten die Bundesregierung den "heimatlosen Ausländern" ein besonderes Aufenthalts- und Niederlassungsrecht zugestand. Der endgültige Verlauf und die Probleme ihrer Eingliederung ist bis heute jedoch weitgehend unerforscht.
 



Deutsche Kriegsgefangene in alliierter Gefangenschaft.

Mit der Einziehung von Millionen von deutschen Männern zur Wehrmacht begann ein weiteres Kapitel des Bevölkerungswandels, das erst Jahre nach Kriegsende mit der Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen abgeschlossen sein sollte. Seit Beginn des Krieges machten die immer größer werdenden Besatzungsgebiete, schließlich aber auch die großen Verluste an Menschen, die Einberufung immer mehr Männer zum Kriegsdienst notwendig. Alleine bis zum Mai 1944 wurden im Gebiet des Deutschen Reiches rund 10,7 Millionen Menschen zum Kriegsdienst einberufen.

[34] Zählt man zu dieser Zahl noch die Verbände der SS, SA, des RAD, der OT sowie den Volkssturm dazu, so kommt man auf fast 20 Millionen Deutsche, die bis 1945 mittelbar oder unmittelbar am Kriegsgeschehen beteiligt waren.

Ihr Ausscheiden aus dem Zivilleben und aus der Wirtschaft wurde meist durch den Einsatz von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern ausgeglichen. Ebenso übernahmen auch die Frauen zahlreiche Funktionen, die durch das Fehlen der Männer vakant geworden waren. Gerade die Rolle der Frauen sollte noch an Bedeutung gewinnen, als mit dem Ende des Krieges die Unterstützung durch Zwangsarbeiter wegfiel, sich die Männer jedoch immer noch in Kriegsgefangenschaft befanden.

Bis zum Frühsommer 1945 waren über 11 Millionen Deutsche zu Gefangenen der Alliierten geworden, ca. 7,745 Millionen auf Seiten der Westmächte und 3,349 Millionen bei den Sowjets.

[35] Noch kurz vor der Kapitulation hatte der Nachfolger Hitlers, Großadmiral Dönitz, versucht, durch Verhandlungen mit den Westalliierten und mittels Teilkapitulationen von Wehrmachtteilen, das Gros der deutschen Soldaten dem sowjetischen Zugriff zu entziehen. Die unerbittliche Härte des im Osten geführten Krieges ließ die Bedingungen für deutsche Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft äußerst schlecht erscheinen.

Obwohl der alliierte Oberkommandierende, General Eisenhower, die Bemühungen Dönitz weitgehend ablehnte, gelang es noch, von den 3,34 Millionen an der Ostfront stehenden deutschen Soldaten ca. 1,85 in westliche Gefangenschaft zu überführen.[36]

Unter dem Codenamen "ECLIPSE" begannen die Amerikaner schon ab Mitte Mai 1945 mit der Entlassung von Männern, die Erfahrung in Bergbau, Landwirtschaft und Transportwesen hatten.

[37] Der hohe Arbeitskräftebedarf der übrigen Alliierten verhinderte derartige Schritte. England, Frankreich und die Sowjetunion waren aufgrund der hohen Zerstörungen in ihren Ländern auf zusätzliche Arbeitskräfte dringend angewiesen. Schließlich setzen die Amerikaner ihr Repatriierungsprogramm aus und überstellten 740.000 Mann an Frankreich, 123.000 an Großbritannien, 14.000 an Holland, 30.000 Belgien und 5.000 an Luxemburg.

[38] Die Arbeitsbedingungen variierten dabei je nach Land. Während Deutsche in amerikanischer Gefangenschaft ausgezeichnet untergebracht und ernährt wurden, waren die Verhältnisse in britischer Gefangenschaft gut und in Frankreich schon deutlich schlechter. In der Sowjetunion herrschten schließlich meist so unerträgliche Zustände in den abgelegenen Arbeitslagern, daß viele der Gefangenen an Erschöpfung oder Krankheiten starben.

Trotz dieser Heranziehung zum Wiederaufbau wurde bis 1946 vor allem von den Westalliierten eine große Anzahl von Deutschen entlassen. Obwohl über die genaue Anzahl keine Zahlen vorliegen, kann sie jedoch im Bereich einiger Millionen angesiedelt werden.

Die ersten offiziellen Zahlen der Alliierten, die deutschen Kriegsgefangenen betreffend, wurden auf der Moskauer Konferenz im März und April 1947 bekanntgegeben. Großbritannien besaß nach eigenen Angaben zu diesem Zeitpunkt noch 435.295, Frankreich 641.483 und die USA nur noch 14.000 Gefangene.[39] Die von sowjetischer Seite genannte Zahl von 890.432 Internierten schien jedoch unglaubwürdig, da Stalin sich noch 1945 gebrüstet hatte, über drei Millionen Deutsche gefangengenommen zu haben.

[40] Auf amerikanisches Betreiben hin einigte man sich auf der Konferenz schließlich darauf, die deutschen Kriegsgefangenen, die sich noch in der Hand der Alliierten befanden, bis zum 31. Dezember 1948 nach Deutschland zu entlassen. Während die Westalliierten diesem Plan weitgehend entsprachen, zeigte sich die Sowjetunion aufgrund des beginnenden Kalten Krieges unkooperativ und an der Einhaltung von Abkommen mit den Westmächten nicht mehr interessiert.

Während die Westalliierten 1950 gemäß dem Abkommen keinerlei Kriegsgefangene mehr besaßen, kam ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats über die kommunistische Behandlung der Kriegsgefangenen zu dem Schluß, daß in diesem Jahr die Sowjetunion noch ca. 1,952 Millionen Deutsche interniert oder ihr Schicksal nicht anderweitig aufgeklärt hatte.

Die letzte größere Entlassung von Kriegsgefangenen erfolgte erst im September 1955. Das Schicksal von fast einer Million deutscher Soldaten, von denen man die meisten in sowjetischer Gefangenschaft glaubte ist heute noch weitgehend ungeklärt.

Der überwiegende Teil der deutschen Soldaten kehrte zwischen 1945 und 1949 ins Zivilleben zurück. Meist aus europäischen, aber auch aus überseeischen Lagern entlassen, fanden sie sich bald im Konkurrenzkampf mit Flüchtlingen, Vertriebenen, Evakuierten und "Displaced Persons" wieder, die alle versuchten, ihren Lebensunterhalt so gut wie möglich zu sichern.

Der frustrierende Kampf um Nahrung, Wohnung und Arbeit führt oft zu einer zusätzlichen starken Belastung der Veteranen und zu Konflikten mit Familie und Freunden. Gefangene aus sowjetischer Gefangenschaft kehrten zu fast 90 Prozent arbeitsunfähig zurück und bedurften intensiver Betreuung.

[41] Die deutschen Behörden und viele Hilfsorganisationen sowie das Rote Kreuz, der CVJM und die Caritas nahmen sich ihrer an so gut es ihre ebenfalls sehr beschränkten Möglichkeiten zuließen, jedoch stellten die Veteranen zumindestens in der Zeit unmittelbar nach ihrer Rückkehr eine deutliche Belastung dar.



Soziale und politische Auswirkungen der demographischen Verschiebungen.

Die riesenhafte Fluchtbewegung der ostdeutschen Bevölkerung vor der Roten Armee, die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa, die Evakuierungen aus den Städten und die Gefangenschaft des größten Teiles der männlichen Bevölkerung lösten einen tiefgreifenden demographischen Wandel in Deutschland aus.

In den ersten Jahren der Nachkriegszeit bewirkten die ungeheuren Menschenmassen, die vorübergehend oder endgültig heimatlos waren, eine ungeheure Verschärfung der ökonomischen, sozialen und politischen Probleme. Die hohe Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen glich die hohen Kriegsverluste aber mehr als aus. Die Gesamtbevölkerung in den vier Besatzungszonen einschließlich Berlins war bis 1946 von 59,794 Millionen (1939) auf 65,93 Millionen gestiegen.

[42] Auch wenn die kriegsbedingten Bevölkerungsverluste nominal ausgeglichen waren, so hatte sich jedoch eine starke Verzerrung der Alterspyramide und ein hoher Frauenüberschuß ergeben. Die männliche Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter war entweder im Krieg gefallen oder kehrte erst allmählich aus der Kriegsgefangenschaft zurück. 1946 kamen in allen vier Zonen einschließlich Berlins auf 29,316 Millionen Männer 36,595 Millionen Frauen.

[43] Der Anteil der leistungsfähigsten Altersgruppen zwischen 25 und 40 Jahren sank im amerikanisch-britischen Besatzungsgebiet von 26,7 Prozent (1939) auf 20,5 Prozent (1946).[44] Betrachtet man dabei nur die männliche Bevölkerung, so kommt man sogar auf ein Absinken von 27,3 auf 17,6 Prozent.[45]

Im Hinblick auf den Wiederaufbau bedeuteten die vielen Zuwanderer ein starkes Hemmnis bei der Ernährungs- und Wohnungssituation, auf die sich die Alliierten, die deutschen Behörden und schließlich auch die junge Bundesrepublik ausrichten mußten. Leider war die regionale Verteilung der Heimatlosen durch die Alliierten nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgt, so daß meist dort Arbeitskräfte konzentriert waren, wo es keine Arbeitsplätze gab, sie andererseits aber in Regionen fehlten, in denen man sie dringend brauchte. Es kann aber keinesfalls übersehen werden, daß diese Menschen für den industriellen Wiederaufbau Deutschlands als sofort verfügbares Arbeitskräftepotenial ein bedeutsamer Faktor waren.[46]

Durch die Tatsache, daß Millionen von Menschen aufgrund von Luftkriegsevakuierung oder Vertreibung aus dem Osten sich eine neue Heimat irgendwo in Deutschland suchen mußten, erfolgte eine starke Durchmischung der Bevölkerung, die eine Fülle von sozialen und politischen Folgen hatte.

Die Aufnahme von Flüchtlingen, die im Extremfall schließlich über 50 Prozent der Bevölkerung eines Ortes stellen konnten, hatte bei vielen Anwohnern gravierende Auswirkungen. Vielerorts sahen sich vertriebene Ostpreußen, Pommern oder Schlesier in bayrische, niedersächsische oder holsteinische Ortschaften versetzt, die seit dem Dreißigjährigen Krieg keine gravierenden Veränderungen in Konfession und Sozialstruktur erfahren hatten.

Die Eingliederungsbemühungen in der Nachkriegszeit, die somit immer von zwei Seiten, die der Einzugliedernden und die der Eingliedernden, gesehen werden müssen, hatten jedoch überwiegend positive Auswirkungen. Tradierte Verhaltensweisen und Mentalitäten wurden aufgelockert, die soziale Mobilität erhöht. Man kann ebenso davon ausgehen, daß die neuen regionalen und konfessionellen Strukturen zum Aufbrechen alter festgefügter Traditionen z.B. im Bereich der politischen Parteien mit bestimmten regionalen und konfessionellen Zentren führten und damit letztendlich auch eine größere Flexibilität des parlamentarischen Systems bewirkten.[47]

Nicht in allen Bereichen bewirkten diese ungeheuren sozialen Erschütterungen jedoch solch positive Auswirkungen. In einigen Fällen führten die gravierenden Umstellungen der Lebensgewohnheiten bei den Einzugliedernden oder den Einheimischen zu einer Abgrenzung und Rückbesinnung auf alte vertraute Werte. So sind Tendenzen zur Restabilisierung überkommener Wertvorstellungen und Verhaltensmuster vor allem im Bereich der Familie und in der Einstellung zu Öffentlichkeit und Politik erkennbar.

[48]Vor allem Ostvertriebene lebten noch bis in die 50'er Jahre oft in festgefügten landsmannschaftlichen Gruppen, in denen man die eigenkulturellen Werte betonte und nach Möglichkeit die eigene Lebensweise bewahrte.[49] Es waren auch meist diese Gruppen, die noch nach Jahrzehnten die Zugehörigkeit ihrer ehemaligen Heimat zu Deutschland propagierten.



Schlußbetrachtung.

Wie in keinem anderem Industriestaat der Welt wurden in diesem Jahrhundert Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft Deutschlands durch demographische Verschiebungen größten Ausmaßes geprägt. Die Auswirkungen dieser Ereignisse, die ihre Ursachen im Zweiten Weltkrieg haben, lassen sich aber nur verstehen, wenn man sich die Dimension der Bevölkerungswanderungen vor Augen führt.

Die demographischen Verschiebungen während und am Ende des Krieges setzten sich aus einer Vielzahl von Einzelströmen und Faktoren zusammen, die sich teilweise wechselseitig beeinflußten. So wurden die während des Krieges aus dem Ausland heimgeführten fast eine Million Volksdeutschen fast ausschließlich in Gebieten angesiedelt, wo sie gegen Ende des Krieges zusammen mit etwa 12 Millionen anderen Deutschen schließlich Opfer von Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten und Osteuropa wurden.

Ebenfalls gerieten viele der sechs Millionen Luftkriegsevakuierten und der 2,5 Millionen verschickten Kinder in den Strudel dieser Ereignisse, sofern sie sich in den vermeintlich sicheren Ostgebieten aufgehalten hatten. Doch auch wenn sie sich in den übrigen Gebieten des geschlagenen Reiches befanden, blieb ihr Schicksal oft ungewiß.

11 Millionen Deutsche, die als Kriegsgefangene in alliierter Gefangenschaft waren und erst langsam nach Kriegsende zurückkehrten sowie etwa 10 Millionen "Displaced Persons", die heimatlos durch Deutschland streiften, vergrößerten das Chaos. Zwei von fünf Deutschen befanden sich bei Kriegsende nicht in ihrem Heimatort oder waren irgendwo unterwegs in den Ruinen des zerstörten Deutschland.

Und doch wurden die anfangs riesigen Versorgungs- Unterbringungs- und Eingliederungsprobleme gemeistert. Obwohl diese gewaltsame Heterogenisierung der Bevölkerung den Wiederaufbau in den ersten Jahren nach dem Krieg behinderte, so hat sie sich doch, nach Abwägung aller positiven und negativen Auswirkungen, als förderlich für den wirtschaftlichen, sozialen und vor allem demokratischen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland erwiesen.



Literatur

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SCHECHTMAN, JOSEPH B., European Population Transfers 1939-1945, New York 1946.

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TOLKSDORF, ULRICH, Phasen der kulturellen Integration bei Flüchtlingen und Aussiedlern, in : Bade, Klaus, Neue Heimat im Westen. Vertriebene - Flüchtlinge - Aussiedler, Münster 1990.



Anmerkungen:
[1] Vgl. Joseph B. Schechtman, European Population Transfers 1939-1945, New York 1946 : 29.

[2] Vgl. Schechtman : 347.

[3] Vgl. Schechtman : 482 - 483.

[4] Vgl. Gerhard Reichling, Die deutschen Vertriebenen in Zahlen, Teil I : Umsiedler, Verschleppte, Vertriebene, Aussiedler 1940-1985 : 21.

[5] Vgl. Reichling : 21.

[6] Vgl. Olaf Groehler, Bombenkrieg gegen Deutschland, Berlin 1990 : 265.

[7] Vgl. Groehler : 265.

[8] Der Reichsjugendführer Baldur von Schirach setzte sich, fast bis zuletzt erfolgreich, dagegen ein, aus der HJ eine paramilitärische Staats- und Zwangsjugend zu machen. Vgl. Gerhard Dabel, KLV. Die erweiterte Kinder-Land-Verschickung. KLV-Lager 1940-1945, Freiburg 1981 : 121.

[9] Vgl. Dabel : 14.

[10] Vgl. Dabel : 277.

[11] Vgl. Groehler : 266.

[12] Vgl. Groehler : 282.

[13] Vgl. Groehler : 282.

[14] Vgl. Groehler : 282.

[15] Vgl. Rolf-Dieter Müller / Gerd R. Ueberschär, Kriegsende 1945. Dokumente zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, München 1982 : 114.

[16] Vgl. Müller : 114.

[17] Vgl. Müller : 116.

[18] Erlebnisbericht von Frau Charlotte Dölling aus Bütow in Pommern. Original, 10. Januar 1953, 38 Seiten. Auszugsweiser Abdruck in : Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte, Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße, unter Mitarbeit von Theodor Schieder, Bonn 1960 : 247-256.

[19] Am 30. Januar 1923 hatte der Völkerbund den zwangsweisen Austausch von 400.000 Türken und 1,3 Millionen Griechen vorgeschlagen um die Streitfrage der Minderheiten beider Länder beizulegen. Obwohl die Umsiedelungen mit zahlreichen Härten verbunden waren, galten sie jedoch bald als vorbildlicher Präzedenzfall. Vgl. auch Klaus - Dietmar Henke, Der Weg nach Potsdam - Die Alliierten und die Vertreibung, in : Benz, Wolfgang (Hrsg.), Die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Ursachen, Ereignisse, Folgen, Frankfurt 1985 : 50.

[20] Vgl. Müller : 119.

[21] Vgl. Müller : 120.

[22] Vgl. Henke : 54.

[23] Vgl. Henke : 68.

[24] Zitiert bei : Müller : 122.

[25] Vgl. Müller : 123.

[26] Vgl. Müller : 123.

[27] Vgl. Christoph Kleßmann, Die doppelte Staatsgründung. Deutsche Geschichte 1945 - 1955, Bonn 1991 : 43.

[28] Vgl. Kleßmann : 43.

[29] Vgl. Kleßmann : 43.

[30] Bericht in : Kleßmann : 44.

[31] Vgl. Ludger Kühnhardt, Die Flüchtlingsfrage als Weltordnungsproblem. Massenzwang-wanderungen in Geschichte und Politik, Wien 1984 : 57.

[32] Vgl. Kühnhard : 57.

[33] Vgl. Kleßmann : 43.

[34] Vgl. Schieder : 1E

[35] Vgl. Arthur Smith, Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Entlassung der deutschen Kriegsgefangenen, Stuttgart 1985 : 11.

[36] Vgl. Lothar Gruchmann, Totaler Krieg. Vom Blitzkrieg zur bedingungslosen Kapitulation, München 1991 : 228.

[37] Vgl. Smith : 13.

[38] Vgl. Smith : 27.

[39] Vgl. Smith : 62.

[40] Vgl. Smith : 62.

[41] Vgl. Smith : 107.

[42] Vgl. Kleßmann : 41.

[43] Vgl. Kleßmann : 42.

[44] Vgl. Kleßmann : 42.

[45] Vgl. Kleßmann : 42.

[46] Vgl. Uwe Kleinert, Die Flüchtlinge als Arbeitskräfte - zur Eingliederung der Flüchtlinge in Nordrhein-Westfalen nach 1945, in : Bade, Klaus, Neue Heimat im Westen. Vertriebene - Flüchtlinge - Aussiedler, Münster 1990 : 42.

[47] Vgl. Kleßmann : 42.

[48] Vgl. Kleßmann : 42.

[49] Vgl. Ulrich Tolksdorf, Phasen der kulturellen Integration bei Flüchtlingen und Aussiedlern, in : Bade, Klaus, Neue Heimat im Westen. Vertriebene - Flüchtlinge - Aussiedler, Münster 1990 : 114.