COLLASIUS

ALINA WISZNIEWSKA - KUZBORSKA

Die Spuren der deutschen Kultur in Vilnius


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Inhaltsverzeichnis
1. Wilna als mittelalterliche Hauptstadt des Großfürstentum Litauen
2. Das Magdeburger Stadtrecht
3. Die Deutsche Straße
4. Reformation in Wilna
5. Begräbnisstätten und Friedhöfe
6. Versuch einer statistischen Übersicht
7. Anmerkungen

Bildverzeichnis
1. Deutsche Straße Nr. 20 - Das Tor, welches zur Kirche führt.
2. Inschrift am Hause Nr. 20 der Deutschen Straße
3. Innenansicht der lutherischen Kirche vor dem Kriege
4. Junge Lutheraner in Vilnius im Jahre 1991
5. Portal der evangelisch-reformierten Kirche
6. Nicolaus Christopher Radziwill, genannt "der Schwarze"
7. Die evangelische Friedhofskapelle aus dem 19. Jh.

Bevölkerungsstatistiken (Nationalitäten - Konfessionen)
1. A.H. Kirkor aus amtlichen Quellen (Konfessionen)
2. März 1916 (Konfessionen)
3. Deutsche Volkszählung im Januar 1917 (Nationalitäten)

Hinweise
Der Artikel wurde etwa im Jahre 1991 geschrieben, ist aber heute noch im Kern aktuell. Die Autorin hieß damals WISZNIEWSKA und heute KUZBORSKA. Unter Ihrem heutigen Namen finden Sie in diesem Netz zwei weitere Artikel in der Rubrik Literatur
 


Wilna als mittelalterliche Hauptstadt des Großfürstentums Litauen

Die Geschichte, die geographische Lage und demographische Situation brachten es mit sich, daß Wilna (1), noch bevor der Ort als solcher gegründet war, schon zu einer Stadt mit reichen kulturellen Traditionen prädestiniert war. Der Ort, auf sieben Hügeln gebaut, wunderschön und einmalig, zog viele Reisende und Händler an. Hier trafen sich Ost und West, römische und byzantinische Kulturen. Die historische und gegenwärtige Hauptstadt Litauens wurde zum ersten Male im Jahre 1323 in den Quedlinburger Annalen erwähnt. Man hält den litauischen Großfürsten Gediminas (2) für den Gründer der Stadt. Mit der Entstehung der Stadt in jener hügeligen Gegend, mit einer Burg auf dem höchsten der Hügel, ist eine Legende von einem eisernen Wolf verbunden. Sie ist in der Buchovets'-Chronik aus dem 16. Jahrhundert nachzulesen: Es begab sich einst der Großfürst Gediminas auf die Jagd. Es wurde spät. Zu spät um zu seinem Wohnsitz(3)zurückzukehren. Er fand einen schönen Hügel bei einem weiten Tal, wo er dann übernachtete. Dem Großfürsten träumte, daß da auf dem Hügel, der früher Krummer Hügel hieß, jetzt aber Kahler Hügel genannt wird, ein großer, eiserner Wolf stehe und so laut wie einhundert Wölfe heule. Er erwachte und sagte zu seinem Wahrsager Lizdeika: "Ich habe einen wundersamen Traum gesehen", und erzählte ihm alles, wovon er in der Nacht geträumt hatte. Lizdeika sagte ihm: "Mein Großfürst, der große Wolf bedeutet: hier wird eine Hauptstadt stehen; und das mächtige Heulen ist ihr Ruhm, der durch die ganze Welt hallen wird." Am nächsten Morgen verblieb der Großfürst Gediminas dortselbst und ließ viele Leute zu sich kommen. Eine erste Burg, die später Niedere Burg genannt wurde, ließ er im Tal bauen, eine andere auf dem Krummen oder Kahlen Hügel. So erzählt es die Sage. Seitdem wurde Wilna zum Thronsitz der litauischen Großfürsten.

Litauen wurde als letztes der europäischen Länder christianisiert. Das heidnische Land war über lange Zeiten das begehrte Ziel seiner Nachbarstaaten, die ihren Einfluß erweitern wollten. So kann man die ersten Kontakte mit den Deutschen als feindlich bezeichnen. Die Kreuzritter versuchten im Laufe von über einhundert Jahren das Land mit dem Schwert zu taufen. Doch kam die christliche Religion von Polen her, was diese zwei Länder für eine lange Zeit in einer Union(4) miteinander verband. Die Taufe Litauens war sein erster Schritt zu Europa.



Das Magdeburger Stadtrecht

Im Jahr der Taufe, 1387, bekam Wilna als erste Stadt im Großfürstentum Litauen vom polnischen König, der zugleich Großfürst von Litauen war, Jagiello, das Privileg auf das Magdeburger Stadtrecht und organisierte dann seine eigene Stadtverwaltung. Im Jahre 1408 bekam auch Kowna (5), die zweitgrößte Stadt des Landes, ein analoges Recht. Es begann ein reges Handelsleben, da diese Städte zum Hansebund gehörten. In jener Zeit entstanden viele Kramläden auch in kleinen Städtchen. Neben den traditionellen Handelswegen am Ende des 14. Jahrhunderts (Wilna - Riga - Pskow - Nowgorod - Polozk - Moskau - Kiew - Königsberg - Danzig) wächst auch die Bedeutung des Handels mit Polen, vor allem mit der Stadt Lublin und der damaligen Hauptstadt des Königreiches, Krakau. Riga war im Mittelalter und auch später einer der wichtigsten Handelspartner Litauens. Diese Stadt konkurrierte dadurch sogar mit den deutschen Städten des Hansebundes. Von 1400 bis 1532 wirkte in Kowno ein hanseatisches Kontor, das von Danziger Kaufleuten geführt wurde, die vor allem Wachs aufkauften. In Wilna aber hatte die Hanse keine offizielle Handelsvertretung. Wilna führte einen regen Handel mit Danzig - noch vor Elbing, Thorn und Königsberg. Die Stadt hatte Verbindungen mit so weit entfernten deutschen Städten wie Lübeck und Bremen. Nach Litauen wurden hauptsächlich Salz, Eisenerzeugnisse, Wollstoffe, Wein und andere Waren eingeführt. Unter den Exportwaren spielten Tabak, Wachs und Holz eine wichtige Rolle.

Im 16. Jahrhundert erlebt die Stadt ihre Blütezeit. Es entstehen viele Backsteinbauten, schöne, prächtige Kirchen. Im Jahre 1579 wird vom polnischen König und litauischen Großfürsten Stefan Bathori (6) eine Universität in Wilna gegründet. Diese, nunmehr über 400 Jahre alte Hochschule ist eine der ältesten in Mitteleuropa. Nach Wilna kommen nun Leute aus verschiedenen Ländern. Die Stadt wird allmählich zum kulturellen Mittelpunkt und Zentrum des Landes. Diese Hauptstadt war damals, wie auch das ganze Großfürstentum wegen seines großen Territoriums(7), international. Hier verflochten sich viele Nationen, Sprachen, Kulturen, Sitten und Bräuche, Religionen. Es entstanden jedoch keine nationalen Antagonismen. Nur die religionsbedingten Widersprüche brachten manchmal die Vertreter ein und derselben Nationalität in Auseinandersetzungen.



Die Deutsche Straße

In Wilna wurde den Deutschen im Mittelalter besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Eine der bedeutendsten und ältesten Straßen der Stadt, die nämlich als wesentliche Arterie vom Rathaus aus lief, war den Deutschen zur Verfügung gestellt worden. Für jene Deutschen, die Wilna besuchen wollten, wurde ein "Deutsches Haus" erbaut. Es kamen deutsche Ansiedler, zunächst hauptsächlich aus Riga. Es waren Kaufleute und Handwerker. Im 15. Jahrhundert hieß diese Straße Gastold-Straße (8), im 16. - Münzenstraße, da sich hier ein Münzhof befand. Von jener Zeit an bis an das Ende des Zweiten Weltkrieges hieß sie Deutsche Straße. Von ihrer Bedeutung zeugt die Tatsache, daß sie schon in den Stadtbeschreibungen von Braun und Hogenberg im Jahre 1576 erwähnt wurde. Der größte Teil der Häuser stammte aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Sie wurden mehrere Male modernisiert und umgebaut. Heute können wir ihre ursprüngliche Gestalt nur erahnen. - Neben der Deutschen Straße lief eine engbebaute Judenstraße. In der unmittelbaren Nachbarschaft befand sich also das sogenannte "Jüdische Ghetto" oder die ""Schwarze Stadt". Die Juden durften nach dem Dekret von Wladislaus IV. nur dieses ihnen zur Verfügung gestellte Stadtviertel bewohnen. Dort kochte der berühmte jüdische Handel. Es war eng und laut. Hierzu muß angemerkt werden, daß in Wilna immer sehr viele Juden lebten (9). Das bedingte vielleicht die Tatsache, daß die Deutsche Straße im 18. Jahrhundert schon ihren "deutschen" Charakter im mittelalterlichen Sinne fast endgültig verloren hatte. J. I. Kraszewski(10) zitiert Jachimowicz: "Die berühmte Deutsche Straße, aber nur dem Namen nach, weil es die Deutschen hier kaum noch gibt, fast alles Juden ..."

Die alte Deutsche Straße wurde in den Jahren der Sowjetmacht in die Museumsstraße umbenannt. "Das Museum", zu dem diese Straße führt, ist das ehemalige Rathaus, in dem sich jetzt ein Kunstmuseum befindet. Die linke Seite dieser Straße, wie auch die ganze parallel laufende Judenstraße wurden durch Bombenangriffe im letzten Kriege völlig zerstört. Sie wurden leider nicht wieder aufgebaut. Aus diesen beiden Straßen wurde eine sehr breite, mit einer Grünanlage in der Mitte, gemacht. Heute allerdings heißt sie "Vokieciu gatvé", was, aus dem Litauischen übersetzt, der früheren Benennung - Deutsche Straße - entspricht. Das Haus Nr. 20


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Deutsche Straße Nr. 20 - Das Tor, das zur Kirche führt

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Detail des Hauses Nr. 20 der Deutschen Straße mit Fragment einer Inschrift
Auf dem Bild darüber oben links!

in dieser Straße ist bemerkenswert. Im Innenhof desselben steht die lutherische Kirche, die Gott sei Dank noch stehenblieb und ein stummes Zeugnis von der früheren Anwesenheit der Deutschen ablegt. Eine Inschrift auf dem pseudogotischen Glockenturm berichtet, daß die Kirche aus dem Jahre 1555 stammt, der Glockenturm dagegen erst 1872 errichtet wurde.


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Innenansicht der lutherischen Kirche vor dem Kriege

Aus den Materialien, die sich im historischen Stadtarchiv zu Vilnius befinden (11), kann man mancherlei Information über die Zugehörigkeit der Häuser in der Deutschen Straße zu Anfang des 19. Jahrhunderts bekommen. Die Inhaber zweier zweistöckiger Häuser zusammen mit der Kirche waren evangelischer Konfession. Ein dreistöckiges Haus gehörte der Familie Müller, ein anderes deren von Wittenhof. Den Evangelischen gehörten auch vier zweistöckige Häuser in der benachbarten Franziskanergasse. Diese ist durch ihre Innenhöfe, Tore und Übergänge an die Deutsche Straße angeknüpft. Dieses bedeutet, daß die Deutschen, die sich zur lutherischen Lehre bekannten, kompakt um ihre Kirche wohnten. - Das Thema der Entstehung des Protestantismus in Litauen bedarf jedoch einer ausführlichen Erläuterung.



Reformation in Wilna

Das evangelische Bekenntnis repräsentieren schon seit dem 16. Jahrhundert und bis zum heutigen Tage zwei verschiedene Konfessionsarten: die evangelisch-reformierte oder kalvinistische und die evangelisch-lutherische oder augsburgische. Die erstere vereinigte Leute verschiedener Nationalitäten und war dadurch attraktiv, daß sie den Gläubigen mehr Freiheiten im Vergleich zum Katholizismus erlaubte. Die lutherische Kirche dagegen wurde ursprünglich nur von den Deutschen gebildet.

Die lutherische Lehre kam 1521 nach Wilna. Das ist mit dem Namen eines Franziskaners, Franz Lismanini, verbunden. Er wurde zusammen mit dem königlichen (12) Sekretär Ludwig Decius zu Martin Luther geschickt, damit seine Lehre auch nach Wilna gelange. Lismanini wurde später zum Lehrer des jungen Sigismundus August (13) bestellt, was auch bedeuten könnte, daß die Ideen zur Reformation vom königlichen Hof ausgingen. Zu den ersten berühmten Lutheranern gehörten der litauische Priester Stanislaus Rapegalan (litauisch: Rapolionis) und der Doktor der Theologie Abraham Kulva (litauisch: Kulvietis), der wegen seiner religiösen Ideen nach Königsberg fliehen mußte, wo er später an der dortigen Universität tätig war. Für den Gründer der lutherischen Kirche in Wilna wird der Reformator John Wiclif gehalten. Er stiftete im Hause des Wilnaer Kaufmanns Moorstein in der Deutschen Straße eine Schule, die etwa 60 Schüler zählte. Später, im Jahre 1555 wurde hier die erste Sächsische Kirche errichtet. Ursprünglich war es ein Holzgebäude; nach dem Brand von 1662 aber wurde es aus Backsteinen erbaut. Ihre letzte Gestalt erhielt die Kirche nach der Restauration im Jahre 1740. Die Außenfassade dieses Einnavengebäudes schien einfach gewesen zu sein, nur der Giebel war mit zierlichen Rokokokonturen geschmückt worden. Auch die Innengestaltung wurde im Rokokostil ausgeführt. Besonders schön war der Altar, der aus dem Jahre 1624 stammt und dessen Fundator der Bürgermeister Jakob Giebel war. Später wurde der Altar nach dem jeweiligen Zeitgeschmack modernisiert. Eine neue Orgel hat der Meister Rodowitsch in der Kirche errichtet. Der Glockenturm stammt aus dem Jahre 1872 und ist im pseudogotischen Stil gebaut worden. - Heute ist diese Kirche mehr oder weniger eine schmerzliche Ruine. Vor der vorderen Fassade ist ein großer Baum aufgewachsen. Im Inneren befinden sich Produktions- und Restaurations-werkstätten. Ungeachtet dessen - es existiert heute in Wilna eine evangelisch-lutherische Gemeinde, die etwa 200 Gläubige zählt. Es wurden ihnen ein paar Häuser in den Innenhöfen der Deutschen Straße wiedergegeben.


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Junge Lutheraner in Vilnius im Jahre 1991

Dort versammeln sie sich sonntags zu den Gottesdiensten. Auch gibt es hier ein Zimmer für einen Gastpfarrer, da an jedem dritten Sonntag im Monat in einem größeren Raum ein regulärer Gottesdienst gefeiert wird. Auch ein Gastzimmer und eines mit einer Foto-Ausstellung befindet sich dort. - Die Gläubigen haben sich viel vorgenommen, vor allem die Renovierung der Kirche und des Glockenturms. Die lutherische Kirche in Deutschland, zu der die Vilniusser Gemeinde gute Kontakte hat, versprach, materielle Hilfe zu leisten. Manchmal kommen auch Lutheraner aus Norwegen, aus der Gemeinde Hövik bei Oslo, nach Vilnius. Das Konsistorium der litauischen Lutheraner hat seinen Sitz seit vielen Jahren in der Stadt Tauragd (Tauroggen). Dort amtiert der lutherische Bischof Jonas Kalvanas. Im August d. J. wird er in Vilnius erwartet, da nun erstmals nach 50 Jahren wieder eine Konfirmation von Kindern ansteht. Doch sind die heutigen Vilniusser Lutheraner nicht mehr die Deutschen, fühlen sich aber meistens mit der deutschen Kultur verbunden, da sie aus Kleinlitauen (= Ostpreußen) oder dem Memelland stammen. Der größte Teil von ihnen spricht oder versteht deutsch. Manchmal werden auch Gottesdienste in deutscher Sprache gehalten. Unter den Gläubigen gibt es auch Jugendliche. Zwei junge Männer studieren Theologie in Westeuropa, und alle hoffen, daß sie nach Wilna zurückkommen.


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Portal der evangelisch-reformierten Kirche

Der Kalvinismus oder die evangelisch-reformierte Kirche hat in der Hauptstadt Litauens eine sehr alte Tradition. Schon im Jahre 1553 fanden im Palast der damaligen Würdenträger Radziwill(14) Gottesdienste der Kalvinisten statt. In dieser Zeit spielte einer der einflußreichsten Leute seiner Epoche, Nikolaus Radziwill der Schwarze, Kanzler des Großfürstentums Litauen, eine wichtige Rolle in der Reformationsbewegung. Er gründete die litauische evangelisch-reformierte Kirche. Der König Sigismundus August erließ 1563 und 1568 Priviligien, die ebenfalls als Fundament der Rechte und Freiheiten der Evangelischen im Staate gelten können. Im Zeitraum vom 16. bis hin zum 18. Jahrhundert umfaßte die kalvinistische "litauische Einheit" bereits über 200 Gemeinden.


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Nicolaus Christopher Radziwill, genannt "Der Schwarze"

Die einzige, auch heute noch bestehende evangelisch-reformierte Kirche befindet sich in der Pylimo gatvé (15). Die erste Kirche dieser Konfession lag gegenüber der St. Michael-Kirche in der Altstadt. Nach ihrer Zerstörung durch die Katholiken mußten die Kalvinisten im Jahre 1640 eine neue Kirche, jedoch außerhalb der Stadt, erbauen lassen. Die heutige evangelisch-reformierte Kirche wurde 1830-1835 nach einem Entwurf von Prof. K. Podczaszynski im klassizistischen Stil erbaut. Sie ist einem römischen Tempel nachempfunden. Ein schönes Portal mit sechs Säulen im korinthischen Stil ist mit Plastiken von Prof. K. Jelski geschmückt. Sie stellen Christus unter seinen Jüngern dar. Eine Hochreliefkomposition desselben Künstlers schildert den Glauben als eine Frau im Zentrum mit zwei knienden Engeln zu beiden Seiten. Das Innere der Kirche war durch die puritanische Einfachheit gekennzeichnet. Es gab einige Gedenktafeln, die den berühmten Protestanten gewidmet waren: dem Dichter Nikolaj Rej (1505-1569), dem Buchdrucker Andreas Wollan (1530-1610), Rafael Downar (1771-1854)(16), dem Aufstandsführer Szymon Konarski (1808-1838) und manchen anderen. In den kommunistischen Nachkriegsjahren wurde die Kirche zwangsweise geschlossen. Die stalinistische Regierung richtete darin das Kino "Chronik" ein. Zu Anfang des Jahres 1991 wurde die Kirche den Gläubigen zurückgegeben. Zur Zeit finden die Renovierungsarbeiten darinnen statt. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg lag dieser Kirche gegenüber in der Wallstraße ein großes Gebäude des evangelisch-reformierten Kollegiums mit einem prächtigen Rokokotor. Die Bibliothek des Kollegiums hatte außergewöhnlich wertvolle kalvinistische Schriften aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Am Anfang der Reformationsbewegung gelang es den litauischen Protestanten nicht, eine gemeinsame kirchliche Repräsentation zu bilden. Das ergab sich aus den tiefen religiösen Außen- und Innenunterschieden. Wie der kirchlichen Enzyklopädie zu entnehmen ist, hatten die Auseinandersetzungen unter den Gläubigen der evangelischen Konfession auch einen nationalen Charakter, wobei die deutschen Ansiedler gegen die polnischen Kalvinisten auftraten. Es wurde im Jahre 1578 in Wilna ein "concordium Vilnensem roter germanicas et polonicas ecclesias constitutam" zusammengestellt (17).

Man kann aber daraus nicht schlußfolgern, daß sich alle Deutschen in Wilna zum Protestantismus bekannten. Die Polen und Litauer waren größtenteils, ja überwiegend, römisch-katholisch. Die meisten Deutschen dagegen lutherisch, wenn man einmal das Verhältnis Nation = Religion heranziehen will. Dennoch gab es auch römisch-katholische Deutsche in Wilna. Noch im Jahre 1916 war eine deutsche Inschrift an einem Hause in der Wilnaer Straße, das einem Bund des Heiligen Martin gehörte, und worin sich ein Krankenhaus befand, zu lesen:

Im Jahr, Tausend sechs Hundert vierzig
Baute ein Maurer Brüderherzig
Für Deutschkathol'sche dies Krankenhaus
Zur Zeit des Königs Wladislaus
Balthasar der Hinker ward er genannt
Als Muster der Tugend wohl bekannt
Entsagte deshalb auf ewige Zeit
Das Recht daruf = bloß = als ein Menschn Feind(18)
Diese Inschrift ist heute nicht mehr zu finden.


Begräbnisstätten und Friedhöfe

In der Nähe der evangelisch-reformierten Kirche befand sich früher der evangelische Friedhof, sowohl für Lutheraner als auch für Kalvinisten. Er lag in der Straße Mala Pohulanka(19). Man begann dort im Jahre 1809 zu bestatten, zunächst nur diejenigen, die sich zur lutherischen Lehre bekannt hatten, später, ab 1830, auch die Bekenner des Kalvinismus. Auf diesem Friedhof wurden viele berühmte Professoren der Wilnaer Universität begraben: Jan Fryderyk Nischkowski (1774-1816), der Chirurgie- und Pathologieprofessor Adolf Abicht (1793-1860), auch der Medizinprofessor Alexander Woelk (1869), der Professor für deutsche Sprache und Literatur, Benjamin Hausstein, und viele andere.

Wenn wir über die deutsche Kultur in diesem Teil Europas zu sprechen versuchen, können wir leider nur ihre Spuren beschreiben. Warum ist das so? Der Zahn der Zeit, aber auch böse Kriege, Phantasien und Geschmack - oder mehr das Fehlen beider bei den Menschen - haben die Kulturwerte verfallen lassen. Dennoch gibt es, Gott sei Dank, noch stumme Zeugen der Zeit, Chroniken, Beschreibungen, Fotos. Von jenem historischen. Friedhof, allerdings, sind heutzutage keine Spuren mehr auszumachen. In den 50er Jahren unseres traurigen Jahrhunderts wurden die evangelischen Begräbnisstätten, wie auch viele andere, Schlichtweg liquidiert. Nur die bedeutendsten Grabsteine wurden auf den Friedhof Rossa (20) verlagert. Auf der Stelle, wo sich früher der evangelische Friedhof befand, steht heute nur noch ein stummer Zeuge jener Epoche, die Friedhofskapelle, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.


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Die evangelische Friedhofskapelle

Ringsum liegt ein Park mit über 100 Jahre alten Bäumen. Ein imposantes, modernes Gebäude, dessentwegen der "nicht passende Nachbar" beseitigt wurde, ist der Trauungspalast. Das war ja folgerichtig, wahrhaft symbolisch, für den damaligen östlichen Stil ...

Auch der sogenannte "Heldenfriedhof", der 1915 von den Deutschen am Rande des größten Stadtparks (21)eingerichtet worden war, existiert heute nicht mehr. Er wurde in den fatalen 50er Jahren zerstört. Die alten Bürger der Stadt erinnern sich noch an diese Begräbnisstätte deutscher Soldaten.

Auf dem Kriegerfriedhof Antakalnis kann man die Grabsteine deutscher Soldaten finden, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Auf diesem Gottesacker liegen sie nun beieinander, die Feinde von gestern aus verschiedenen Ländern: Russen, Deutsche, Litauer, Polen.

Die meisten Friedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg sind in Litauen erhalten geblieben. Der letzte Krieg aber bleibt ohne Grabkreuze: ehemalige Feinde, die an der Elbe oder am Rhein wohnten, sollten auch im Tode noch vernichtet werden. Das kann so nicht zum Frieden dienen. Darum entstand vor kurzem in Litauen eine Gesellschaft "Begräbnisstätten der Soldaten". Herr Paul Gec'as, Mitglied dieser Gesellschaft, befaßt sich mit den Begräbnisstätten deutscher Soldaten. Sein Großvater war Deutscher. Auf seinen Appell in den populärsten Zeitungen der Republik, Begräbnisstätten solcher Soldaten zu beschreiben, Fotos einzuschicken, genaue Lagebeschreibungen anzufertigen, haben viele Leute reagiert und vieles mitgeteilt. Er hat diese Stellen auf der Karte Litauens vermerkt. Außerdem besitzt er über 200 Briefe von Zeugen der Exekution von Kriegsgefangenen. -Der gefallene Soldat muß geehrt werden. Er ist kein Feind mehr. Der Tote muß begraben werden, und seine Ruhestätte muß ein Symbol tragen!



Versuch einer statistischen Übersicht

Es ist nicht immer leicht, statistisch die Nationalitäten von Einwohnern einer Stadt zu erfassen, ja, festzustellen. Früher war die Konfessionszugehörigkeit, die Religion am wichtigsten, keineswegs die Volkszugehörigkeit. Es bezeichneten sich die Einwohner des Großfürstentums Litauen als Litauer, auch wenn sie kein Litauisch verstanden ... Der Religion nach kann man also, wie auch immer, schlußfolgern, wieviele Deutsche im 19. Jahrhundert in Wilna wohnen konnten. Die evangelisch-augsburgische Gemeinde in der Stadt wurde schon seit ihrer Gründung von zwei Pastoren, dem deutschen und dem polnischen, bedient. Die Gemeinde bestand in der Überzahl hauptsächlich aus den Deutschen. Davon zeugt auch das Archivdokument, ein Register der Gläubigen der Wilnaer evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, datiert von 1834 (22)

Von allen 543 in die Liste eingetragenen Namen sind die meisten deutsch (Kochstrom, Schlack, Bechert, Sorgenfrei u. a.). Sehr viele dieser Menschen sind schon in Wilna geboren. Als Geburtsorte anderer Gemeindemitglieder werden folgende Städte genannt: Stockholm, Warschau, Memel, Königsberg, Leipzig, Tilsit, Dresden, Riga, Petersburg u. a.

A. H. Kirkor macht folgende Angaben über die Einwohner der Stadt aus den amtlichen Quellen (23). Er teilt die Leute ihrer Konfession nach ein:

Konfession Personen
orthodox
13405
Raskolniki
752
römisch-katholisch
34036
evangelisch-augsburgisch
1775
evangelisch-reformiert
171
Juden
56708
Karaiten
80
Mohammedaner
359
Total
107286

Als die deutsche Armee während des Ersten Weltkrieges Wilna besetzt hatte, wurde nach anderthalb Monaten ihrer Anwesenheit in der Stadt die erste Haushaltungsliste der Einwohner erstellt. Hier wurden Name, Beruf, Wohnung, Nationalität, Familienstand, Glaubensbekenntnis,

Viehbesitz, Dampfmaschinen und Motore, Fahrzeuge und Grundbesitz aufs genaueste registriert. Drei solcher Registrierungen gab es: am 1.November 1915, am 9. Mai 1916 und am 14. Dezember 1916 (bis zum 10. Januar 1917). Die Stadt wurde in neun Bezirke eingeteilt. Jede Bezirkskommission hatte je einen Vertreter dieser drei Nationalitäten: einen Polen, einen Litauer und einen Juden. Michal Brenstein, der berühmte Wilnaer Wissenschaftler und Humanist, war an der Arbeit dieser Kommissionen ebenfalls beteiligt.

Er gibt genaue Angaben der Volkszählung in der Stadt zur Zeit des Ersten Weltkrieges (24) zunächst nach Konfessionen wieder (März 1916):
 

Konfession Personen
römisch-katholisch
76196
evangelisch
1158
orthodox
2049
Juden
61233
andere
204
Juden
56708
Total
140840


Die letzte Volkszählung der Deutschen im Januar 1917 weist folgenden nationalen Bestand aus:
 

Nationalität Personen
%
Polen
70628
50,15
Juden
61625
43,50
Litauer
3699
2,60
Russen
2030
1,46
Weißrussen
1917
1,36
Deutsche
1000
0,72
Total
140840
100,00

Ein kleines statistisches Jahrbuch aus dem Jahre 1938 (25) weist lediglich 600 Menschen aus, d. h. 0,3 % der damaligen Gesamtzahl von 195 000), die als Einwohner von Wilna im Jahre 1931 Deutsch als ihre Muttersprache angaben. Das waren u. a. 598,9 von allen 835,2 Evangelischen, die sich in Wilna aufhielten und Deutsch als ihre Muttersprache bezeichneten.

Heute leben in der Stadt etwa 100 Deutsche. Eine genaue Zahl ist schwer festzustellen. Es gibt nur die Information über den Nationalitätenstand der ganzen Republik. Danach wohnten in Litauen im Jahre 1979 noch 2 616 Deutsche, im Jahre 1989 aber nur 2 058. Die Deutschen bilden

0,1 % der gesamten Einwohnerzahl Litauens. Von den 2 053 Deutschen hielten aber nur 42,1 % Deutsch für ihre Muttersprache, während es vor zehn Jahren immerhin noch 63,6 % gewesen waren. Fast die Hälfte der gegenwärtigen Deutschen wohnt in Klaipéda (Memel) und in seiner

Umgebung. Die andere Hälfte ist über viele Städte und Dörfer der Republik verstreut.


Anmerkungen

(1)
Vilnius ist der litauische Name der Stadt. In den mittelalterlichen Chroniken ist die Stadt bis ins 19. Jahrhundert unter dem Namen Wilna bekannt. Verbreitet ist auch die polnische Variante Wilno, da diese Stadt lange durch die polnische Sprache und Kultur beeinflußt wurde. Deutscherseits findet man auch die Bezeichnung - Wilde.

(2)
Gediminas, der litauische Großfürst, regierte 1316-1341.

(3)
Troki, litauisch Trakai, die Stammburg und der Hauptsitz der litauischen Fürsten.

(4)
Die Union zu Krewa (1387) ist die Folge der Heirat des litauischen Fürsten Jagiello (litauisch Jogaila) mit der polnischen Königin Hedwig (polnisch Jadviga), dem die Taufe Litauens folgte.

(5)
Kowna - auch Kowno - heißt litauisch Kaunas.

(6)
Stefan Bathori (1576-1586) polnischer König und Großfürst von Litauen.

(7)
Das Großfürstentum Litauen umfaßte damals einen großen Teil russischer Territorien.

(8)
Nach dem Namen des Kanzlers des Großfürstentums, Gastold, benannt.

(9)
Im 19. Jahrhundert machten die Juden mehr als die Hälfte aller Einwohner der Stadt aus: von 107.236 Einwohnern waren 56.707 Juden. Nach A. H. Kirkor, Przewodnik po Wilnie i okolicach. Wilno, 1888, S. 97.

(10)
J. I. Kraszewski, Wilno od jego poczotków do roku 1750, t. 3. Wilno, 1841, S. 324.

(11)
in russischer Sprache

(12)
König von Polen und Großfürst von Litauen Sigismundus I, der Alte.

(13)
Sohn von Sigismundus I und Bona Sforza (1548-1572). Der letzte Vertreter der Jagiel lonendynastie. luden Jahren seiner Regierung wurde die Lubliner Union (1569) geschlossen, infolg dererdas Großfürstentum Litauen und das Königreich Polen einen gemeinsamen Staat unter dem Namen Rzeczpospolita (d. h. Republik) bildeten. Sigismund I liebte Wilna sehr. In der Kathedrale sind zwei seiner Frauen beigesetzt: Elisabeth und Barbara.

(14)
Radziwill (litauisch: Radvita), eine berühmte litauische Magnatenfamilie.

(15)
Pylimo-gatvé-d.h.Wall-Straße;hießindenJahrenderSowjetherrschaftKomsomolzenstraße; trägt heute wieder ihren historischen Namen.

(16)
Litauisch: Daunoras

(17)
Encyklopedia powszechna t.8, Warszawa, 1861, S. 567.

(18)
"Wilna" von Paul Clemen. Sonderabdruck aus dem August-Heft 1916 von Velhagen und Klasings Monatsheften, Seite 4.

(19)
Heute: Kalinausko-Straße.

(20)
Der Friedhof Rossa (litauisch: Rasos) ist der älteste Friedhof in der Stadt; dort sind viele berühmte Persönlichkeiten begraben worden.

(21)
Heute: Vingiu parkas

(22)
In russischer Sprache

(23)
A. H. Kirkor, op. cit. S. 96-97

(24)
M. Brensztejn, Spisy ludnosci m. Wilna za okupacji niemieckiej. Warszawa, 1919. S. 21

(25)
Maly rocznik statystyczny. Warszawa 1938. S. 26


Copyright by the author - Druckrechte beim Autor
Der Artikel erschien u.a. in "Heimatgruß" Jahrbuch der Deutschen aus Litauen 1993
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