Dr. Widar Lehnemann

Hermann Löns' "Der Wehrwolf"
Einleitung zur 1. italienischen Ausgabe


Einführung

Löns' Wehrwolf erschien im Jahre 1999 erstmalig in italienischer Sprache. Dr. Widar Lehnemann, Lünen, schrieb die Einleitung zur italienischen Übersetzung. Wir bringen sie mit freundlicher Genehmigung des Autors in deutscher Sprache. Dr. Lehnemann ist Mitglied und war früher Präsident des Löns-Verbandes.

Das Buch:
Hermann Löns, Il Wehrwolf, Romanzo, Erstausgabe in italienischer Sprache, 272 Seiten, Taschenbuch 19,5 x 11,5 cm, Herrenhaus Edizioni di Andrea Sandri Seregno 1999, Via Giuseppe Verdi 59, I-20038 Seregno MI (Lombardia), in Zusammenarbeit mit dem Löns-Verband herausgegeben, Einleitung: Dr. Widar Lehnemann, Übersetzung: Alessandra Borgonovo, Preis: 16,60 Euro, ISBN 88-87761-06-X

Hamburg 24.10.2003
Walther Kerner



Einleitung

Diese „Bauernchronik“ aus dem Dreißigjährigen Krieg ist ein umstrittenes Buch. Im Laufe seiner bisherigen       Rezeptionsgeschichte hat es, offensichtlich in Abhängigkeit vom jeweiligen Zeitgeist, höchst unterschiedliche Einschätzungen erfahren. Dabei spielten nicht zuletzt auch Mißverständnisse eine Rolle.

Das folgenschwerste Mißverständnis ergibt sich für viele Leser - und selbst für Kritiker - aus dem Titel. Löns selbst hat betont, daß seine „Wehrwölfe“ keine „Werwölfe“ sind. Die beiden Wörter werden zwar geringfügig verschieden geschrieben, sie werden aber gleichlautend ausgesprochen; sie sind also Homophone. Ihr Grundwort („Wolf“) ist identisch, ihre Bedeutungen sind allerdings verschieden. Die Bezeichnung „Wolf“ hat in ihrer Anwendung auf den Menschen eine lange Geschichte. Diese reicht als Kennzeichnung eines bestimmten Typs bis in die antike Fabeltradition zurück. Bei dem englischen Philosophen Thomas Hobbes (1588 - 1679) wird die Natur des Menschen als „wölfisch“ charakterisiert. Das berühmte Wort aus dem „Leviathan“ (1651, lateinische Fassung 1668) lautet: „homo homini lupus“ - „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“.

Die Unterscheidung der beiden Arten von Wölfen erfolgt durch das Bestimmungswort: während der „Werwolf“ (ohne h) auf das lateinische Wort „vir“ (Mann) verweist, leiten sich die „Wehrwölfe“ (mit h) von dem Verbum „sich wehren“ her. Ihre Selbstcharakterisierung kommt einer Definition gleich: „Dennso bin ich der Meinung, daß wir uns die Wehrwölfe nennen und zum Zeichen, wo wir der Niedertracht gewehrt haben, drei Beilhiebe hinterlassen, einen hin, einen her und den dritten in die Quer“ (Die Wehrwölfe). Mit den drei Beilhieben bekennen sie sich durch ihr Zeichen, die Wolfsangel, zu ihrer Tat. Die Wolfsangel war ein Gerät zum Fang von Wölfen mit einem Doppelhaken als Träger des Köders. Sie fand als Forstsymbol, als  Steinmetzzeichen und als Hausmarke Verwendung und kommt auch im Wappen adeliger Familien vor.

Ein „Werwolf“ oder „Mannwolf“ ist ein Mensch, der sich von Zeit zu Zeit in eine reißende Bestie verwandelt. Die „Wehrwölfe“ hingegen sind und bleiben Menschen; sie sind Bauern, die sich im Kriege, in einem Zustand extremer Not, um des Überlebens willen wehren. Sie wehren sich gegen eine Soldateska und gegen Marodeure. Dabei laufen sie Gefahr zu verrohen.

Das Mißverständnis um den Titel hat aber noch eine andere, eine politisch-aktuelle Dimension: das Buch wurde und wird in die Nähe jener Kampfbünde gerückt, die unter der Bezeichnung „Werwolf“ (meist ohne h) nach dem Ersten Weltkrieg und in der Schlußphase des Zweiten Weltkrieges operierten. Diese hatten kein Recht, sich auf den Roman zu berufen. Der Autor und seine Figuren können sich aber gegen nachträgliche Vereinnahmungen nicht schützen. Die Geschichte kennt weitere Beispiele solcher Art.

Löns und sein Werk sind oft verherrlicht und oft verdammt worden. Gegen Pauschalurteile solcher Art ist Skepsis  angebracht. Im Interesse einer angemessenen Beurteilung des Romans sei der Blick daher abschließend noch einmal auf das Verhalten der Bauern gerichtet. Auffällig ist seine Ambivalenz: einerseits äußern sie ihr Bedauern darüber, daß sie sich zu ihrem blutigen Tun gezwungen sehen; andererseits setzen sie es bis zum Schluß fort und sind bereit, es in seiner Härte sogar noch zu steigern. Mit Viekenludolf fordert einer ihrer Obmänner: „Wehrwölfe waren wir, jetzt müssen wir Beißwölfe erden“ (Die Kirchenleute).

Daß die Bauern sich wehren, ist ihnen schwerlich zum Vorwurf zu machen. Wie sie es mitunter tun und wie sie sich darüber äußern, ist jedoch nur schwer - wenn überhaupt - zu begreifen.Selbst das Wort „Wehrarbeit“ fällt. Ist das unverblümter Zynismus, oder ist es der Versuch, sich durch euphemistische - beschönigende, verhüllende - Redeweise von dem Schrecklichen, in das sie sich verwickelt sehen, zu distanzieren?

Eine Stellungnahme sollte das gesamte Potential des Buches berücksichtigen und nicht voreilige Schlüsse ziehen, wie manche Kritiker es tun.

Mit Andreas Gryphius (1616 - 1664) hat ein berühmter Dichter den Verlust der Menschlichkeit im Dreißigjährigen Kriege beklagt. In seinem Sonett „Tränen des Vaterlandes/Anno 1636“ schreibt er nach der Darstellung der Kriegsgreuel: „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,/Was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot:/Daß auch der Seelen-Schatz so vielen abgezwungen.“

Es muß zur Ehre des Erzählers Hermann Löns gesagt werden, daß er demselben Gedanken Raum gibt: „Der Prediger hatte einen schweren Stand, daß er seine Gemeinde bei Christi Wort und Lehre hielt, denn wie an der Pest die Leiber, so siechten an der greulichen Zeit die Seelen hin. - Das Herz wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erzählen hörte, in welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen...“ (Die Hochzeiter).

Als 1648 zu Münster und Osnabrück der Westfälische Friede besiegelt wurde, ging von dort die Botschaft in alle Lande, daß der Friede „das beste aller Dinge“ - das höchste Gut - sei: „Pax optima rerum“. Der heutige Leser, der in seiner Sensibilität durch die Zeitgenossenschaft von Krieg und Bürgerkrieg auf allen Kontinenten geprägt ist, müßte nach der Lektüre des Romans „Der Wehrwolf“ zu derselben Überzeugung gelangen.Falls nicht, sollte er das Schlußkapitel noch einmal lesen.


Anhang

Für den interessierten Leser hier zum Begriff "Werwolf" - dem von Löns nicht gemeinten Wolf - hier die entsprechenden Passagen aus zwei Nachschlagewerken:

Werwolf

Kluge, Etymologisches Wörterbuch (1960):

m. spätahd. mhd. wërwolf, frühnhd. wär-, beer-, neerwolf, ags. (Napier, Betri. 23.571) wë(e)wulf 'Wolf, in dem die Seele eines Menschen steckt'. Erster Wortteil ist ahd. wër 'Mann' (s.Welt, Wergeld), die richtige Deutung schon zu Beginn des 13.Jh. bei Gervasius v. Tilbury, Otia imp. 895 Anglici werewolf dicunt: were enim Anglice virum sonat, wolf lupum. Bei uns ist Werwolfsglaube seit Burchard v. Worms um 1000 bezeugt: "(verwerflich der Glaube, Schicksalsgöttinnen könnten dem Menschen Kraft geben) ut quandocunque voluerit in lupum transformari possit, quos vulgaris stultitia werwolf vocat". Westfäl. entspricht Böxenwolf 'Wolf in Hosen', anord. vargülfr (norw. varulv, schwed. varulv, dän. woerulf) 'schlimmer, verbrecherischer Wolf'. Aus dem Germ. entlehnt sind mlat. guerulfus, normann. (12.Jh.) garwalf, frz. loup-garou. Denselben Glauben bezeugen gr. lykanthropos, lat. versipellis.

Der Große Brockhaus (1955-7):

1) ['Mannwolf'] im Volksglauben der in einen Wolf verwandelte Mensch. Die zeitlich begrenzte Verwandlung geschieht durch Anlegen eines Wolfsfelles oder eines Gürtels, doch wird auch von unfreiwilliger Verwandlung berichtet. Der W. fällt Haustiere und Menschen an und frißt oder zerreißt sie. Verwandt ist der hessisch-westfäl. Böxenwolf, der in Wolfsgestalt den Menschen aufhockt. Der stellenweise heute noch festgehaltene Glaube, daß Menschen sich zeitweise in Raubiere verwandeln, ist in Asien und Europa verbretet (vgl. Bd.11, S.525: Das Tier in Religion, Volksglauben...) Hierher gehört, zum Teil wenigstens, die griech. Lykanthropie. Die ältesten Belege im german. Bereich finden sich bei Bonifatius und Burschard von Worms, im Norden in der Völsungasaga.

2) Wehrverband, gegr. 1923 in Halle a.d.S., bes. in Mitteldtl. verbreitet, stellte ein eigenes Wirtschaftsprogramm auf. 1933 wurde der W. in die nat.-soz. SA. eingegliedert.

3) Freischärlerbewegung, die in der Endphase des 2. Welkriegs durch die nat.-soz. Führung befohlen wurde, aber mangels Widerhall im Volk keine Bedeutung gewann.


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