Marianne Weil

Der Wehrwolf von Hermann Löns


Werwolfgeschichten sind viel älter als das Christentum. Die slawischen und germanischen Völker haben sie auf ihrer Wanderung nach Westen mitgebracht. ,Wer` heißt in den altgermanischen Dialekten ,Mann' oder ,Mensch' Werwölfe sind also Menschenwölfe: Menschen in Wolfsgestalt. Der Werwolf raubt, mordet, überfällt Tiere und Menschen und zerfleischt sie. In den alten Geschichten, die über Jahrhunderte erzählt wurden, ist es ein Zauber, der die Verwandlung bewirkt: ein Spruch, ein übergeworfenes Wolfsfell, ein Gürtel aus Wolfshaut, eine Salbe.
Ist der Werwolf einmal verwandelt, kann er nicht anders: er handelt unter Zwang, ist ein wildes Tier und ist so blutig böse, wie die Menschen den Wolf sich vorstellen. Das Mittelalter verfolgte die Werwölfe. Die Christen fürchteten sich auf den Tod vor dem Teufel, den sie hier am Werk sahen. Viele Werwölfe wurden wie die Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt

Bei Hermann Löns ist das alles ganz anders. Sein 1910 geschriebener Roman Der Wehrwolf schreibt sich mit ,h`. Die Werwolfsage in der überlieferten Form spielt darin keine Rolle. Der Autor ärgerte sich schon seinerzeit über Interpretationen von Kritikern. "Dann schreibt sich einer Schwielen in seine Kritikerseele, um rauszukriegen, was der Name Wehrwolf bedeutet. Daß das weiter nichts bedeutet, als daß Harm Wulf sich wehrt; da kommt kein Mensch drauf. Faseln sie da alles mögliche zusammen."(1)

Ort der Handlung ist die Lüneburger heide, ein Dorf bei Celle. Zeit: der Dreißigjährige Krieg. Im Untertitel heißt das Buch Eine Bauernchronik. Und doch ,kokettiert` dieser Roman mit der Urbedeutung seines Titels. Er handelt von Menschen und Wölfen und vor allem von der Schwierigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden.

Doch fangen wir mit dem Anfang an. Dieser Anfang ist bemerkenswert. Er ist sehr anspruchsvoll. Feierlich wie die Schöpfungsgeschichte beginnt der Roman:

"Am Anfang war es wüst und leer in der Haide. Der Adler führte über Tage das große Wort und bei Nacht hatte es der Uhu; Bär und Wolf waren Herren im Lande und hat ten Macht über jegliches Getier.
Kein Mensch wehrte es ihnen, denn die paar armseligen Wilden, die dort vom Jagen und Fischen lebten, waren froh, wenn sie das Leben hatten und gingen den Untieren liebendgern aus der Kehr.
Da kamen eines Abends andere Menschen zugereist, die blanke Gesichter und gelbes Haar hatten; mit Pferd und Wagen, Kind und Kegel kamen sie an, und mit Hunden und Federvieh.
Es gefiel ihnen gut in der Haide, denn sie kamen daher, wo das Eis noch bis in den Mai auf den Pümpen stand und im Oktober schon wieder Schnee fiel.
Ein jeder suchte sich einen Platz und baute sich darauf ein breites Haus mit spitzem Dach, das mit Reet und Plag gen gedeckt war und am Giebel ein paar bunte Pferde köpfe aus Holz aufwies.
Jeglicher Hof lag für sich. Ganz zuhinterst in der Heide wohnte Reineke; sein Nachbar war Hingst; auf ihn folgte Marten, darauf Hennig, hinterher Hors, und dann Bock und Bolle und Otte und Katz und Duw und Specht und Petz und Ul und wie sie alle hießen, und zuletzt Wulf, ein langer Mann mit lustigen Augen und einer hellen Stimme, der sich da angebaut hatte, wo der Bruch anfing."

Das merkt man gleich: Hier erzählt nicht einfach einer eine Geschichte. Hier fängt einer ganz von vorne an. So als wäre der Anfang noch unklar oder unvollständig oder als wäre er bisher immer falsch erzählt worden. Dabei er zählt er einen ganz bestimmten Anfang für ganz bestimmte Leute: Jenen Anfang für die blonden Leute aus dem Norden, die sich einst in der Heide niederließen. Kein Anfang für die, die schon da waren. Für diese, die hier ,armselige Wilde` genannt werden, ist dieser Anfang ein Ende.

Der Autor des Wehrwolf liebte den Beginn seines Romans und hat ihn immer wieder vorgelesen und in Briefen zitiert. Wie viele seiner Zeitgenossen hielt er einen neuen Anfang für nötig.

"Im Grunde mag ich nur alte Kunst, Ägypter, Mittelalter; nach der Reformation ging es reißend bergab mit der Kunst; es fehlt das Grundgebälk: die Weltanschauung".(2)

"Grundgebälk" - das will Hermann Löns bauen, will Traditionen stiften, ohne daran zu denken, daß es künstliche Traditionen nicht gibt. Er hält die seinen für die echten und will damit seinem Volk den Rücken stärken, es wappnen für einen Kampf, den er für unumgänglich hält, ja nach dem er sich sehnt.

In dieser Zeit - um 1900 - waren viele Mythenköche am Werk. Deutschland war in wenigen Jahrzehnten groß und stark geworden, aber es lebte weder im Innern in Frieden, noch im Äußern in Übereinstimmung mit seinen Nachbarn. Vielleicht war es zu schnell zu groß geworden. Nun dampften die Mythenküchen. Deutschland sollte eine neue Vergangenheit bekommen. Viele Rezepte wurden vorgekocht, die im Laufe des 20. Jahrhunderts als Gericht auf den ideologischen Speisezettel gesetzt werden sollten.

Eines davon lautete: Die Germanen sind nur äußerlich von Karl dem Großen christianisiert und domestiziert worden. Im Innern blieb ein wilder Rest, der auf den Augenblick wartet, die römisch-katholisch-humanistischen Fesseln abzuwerfen. "Der Wulfshof hatte das beste Weideland von allen Höfen, aber der Bauer hatte auch am meisten mit den Wölfen und Bären zu tun und mit den schwarzbraunen Leuten, die hinten im Bruche lebten. Doch das war ihm gerade recht und seinen Jungens nicht minder; je bunter es herging, umso lieber war es ihnen, und so wurden es Kerle wie die Bäume, mit Händen wie Bärenpfoten; aber dennoch konnte sie ein jeder gern leiden, dieweil sie so grau in die Welt sahen und allewege lachten."

Da steht er, Harm Wulf, ein blonder Raufbold, der allewege lacht. Er ist der Held des Romans und mehr noch: er ist die positive Figur im Gesamtwerk von Hermann Löns, mit der er den Krankheiten seiner Zeit entgegenwirken wollte. "Ich bin aus der Empfindungszeit in die Wollenperiode geraten. "(3) So schreibt er in einem Brief vom 27. Februar 1909 an Lastelle - im gleichen Brief übrigens, in dem er sich von der ,schlagsahnigen Fresserei` absetzt.

Und an anderer Stelle bezeichnet er seine Bücher als Tendenzromane: "In jedem wehrt sich ein Mann gegen sein Geschick, in dem einen (Der letzte Hanbur) gegen seine böse Veranlagung, in dem anderen (Dahinten in der Heide) gegen sein selbstverschuldetes Unglück. Und als ich neugierig den Kasten aufschlug, in dem ich Zettel mit dreißig bis vierzig Romanentwürfen aufhebe, finde ich, daß in allen, hier deutlich, da verloschen, die Absicht zutage tritt, der weichlichen Folgerung, die so viele modische Schriftsteller aus der Vererbungstheorie ziehen, indem sie ihre Helden zu willenlosen Werkzeugen von Veranlagung und Schicksal machen, das Gegenteil entgegenzusetzen, nämlich Menschen zu zeichnen, die mit sich selber und dem, was man Schicksal nennt, den Kampf aufzunehmen. "(4)

Vorbild für diesen willenstarken Eroberungs- und Kämpfertyp ist Napoleon, über den Löns 1906 eine hymnische Studie angefertigt hat, ein Musterbeispiel politischer Projektion und zugleich so psychologisch zugespitzt, daß Lastelle meint, es handele sich um den Versuch, "an der Gestalt des korsischen Welteroberers seine eigene Persönlichkeit zu ergründen."

"Es findet sich zuerst die für einen Nervenmenschen bezeichnende Erscheinung äußerster Zusammengesetztheit: warmes Blut, kühler Wille; jähe Laune, zähes Zielhalten; explosive Kraftäußerungen, neurasthenische Zusammenbrüche; heiße Ruhmsucht, kalte Menschenverachtung; stürmische Genußsucht, besonnene Aszetik; es liegt also ein Charakter von irisierenden Erscheinungen vor. Das Organ für produktive Phantasie ist stark entwickelt und sein Sekret, das Ideal, reichlich vorhanden; er nimmt die Welt nicht in der überlieferten Form, er schafft sie nach dem Widerbilde seiner Einbildungskraft; er ist also Revolutionär, Neugestalter, ein Mann ohne Tradition, ein Mensch ohne Respekt, ein Vorwärtsseher, eine Kraft in seiner Zeit, nicht eins ihrer Produkte; er paßt nicht sich der Zeit, er paßt sie sich an." (5)

Das ist der faustische Mensch: der schöpferische, gottähnliche, Kultur hervorbringende, nicht nachahmende Held der politischen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts, in denen auf der einen Seite die Masse und auf der anderen das Individuum steht. Seit das deutsche Reich sich groß genug fühlt, um seinen Nachbarn mit Anspruch entgegenzutreten, ist auch das deutsche Individuum groß, laut, anspruchsvoll; seit ein den gesellschaftlichen Verhältnissen verständnisbereit angepaßter Darwinismus den "Kampf ums Dasein" unter die Leute gebracht hat, geht das große Individuum immer aus einem Kampf hervor, und zwar siegreich. Noch befinden wir uns vor dem ersten Weltkrieg. Politische Aktualität erreicht der Streit erst nach 1918. Aber die Argumente werden schon lange vorformuliert und die Bilder auch.

Hans Schwerte hat die Verschiebung vom problematischen Individuum zum herrischen Individuum am Beispiel der Faustinterpretationen und der Geschichte des Wortes ,faustisch` gezeigt. Er hat damit eines der ersten rühmenswerten Beispiele germanistischer Selbstkritik geliefert. Unter der Überschrift "Ideologische Aufhöhung seit 1870" schreibt er:

"Das imperiale Reichsdenken hatte von ,Faust'Besitz ergriffen. Der nationale Aufschwung und Ausgriff wurde ,faustisch' interpretiert - und umgekehrt: ,faustisch faustisch' wurde ein ,visionäres` Leitwort nationalen Selbstbewußtseins und ideologischer Selbstberuhigung und Selbstverherrlichung, bis in die Schützengräben des ersten Weltkrieges, bis in die nationalen Manifeste der Weimarer Zeit und noch in die des Nationalsozialismus. Die Reichsgründung von 1871 verteilte jene Gewichte neu,wenigstens nach ,außen' . Die weiterhin kritischen, ablehnenden, verurteilenden Stimmen wurden zurückgedrängt, sie hielten sich nur am Rande der offiziellen ,faustischen` Hochstimmung. Diese setzte sich jetzt mehr und mehr durch, in ihr erzog man die kommenden Generationen (. . .) Die nationale Ideologie hatte das heimlich vorbereitet stehende Fahrzeug des ,Faustischen' gekapert und segelte in ihm mit breit geschwellten Segeln auf dem scheinbar so glatten Meer geschichtlicher Zukunft und Sendung dahin." (6)

In diesem Geist schreibt der befreundete Maler Knottnerus-Meyer über Hermann Löns: "Er war der faustische Mensch par excellence (. . .) er lebte einem erbarmungslosen Müssen, vor dem es keine Rettung gibt, und so mußte er die eigentliche Tragik des schöpferischen Menschen erleiden, allein zu leben in einer anderen Welt (. . .) Ein Besessener, ein Berufener war Löns. Er war beherrscht und tyrannisiert, gejagt und gepeinigt von seinem Dämon, der die Peitsche über ihn schwang, ihn in die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen menschlicher Erkenntnis, menschlicher Lust und menschlichen Leidens hetzte."(7)

Ohne ideologische Verklärung, ohne den Zwang zur Überhöhung, zeichnet der gleiche Freund ein anderes Bild:
"Jeder Mann spürte sofort den Ernst der Situation, und daß Löns bis in die Fingerspitzen leidenschaftlicher Kämpfer war, und jede, aber auch jede Konsequenz ziehen und tragen würde. Löns war ja jede nur denkbare Form des Kampfes recht, ob mit der Feder oder mit der Faust, mit dem Knüppel, mit Säbel oder Pistole, das war ihm einerlei. Kampf, in welcher Form auch immer, war ihm Glück, Leben schlechthin."(8)

Hermann Löns verschafft im Wehrwolf seinem Helden eine germanische Ahnengalerie, bei der sich ein lachend kämpfender Wulf an den andern reiht. Der erste lacht, wenn er erzählt, wie die Haidebauern den Bergbauern im Teutoburger Wald halfen, die Römer aus dem Land zu jagen: "Junge , (. ..) das war ein Spaß! Was haben wir die krummen Hunde geweift! So Stücker zwanzig habe ich allein vor den Brägen geschlagen, daß es nur so ballerte (. . . ) ". Dann kamen die Franken: "Ein Wulf war dabei gewesen, als Weking das fränkische Heer am Süntel zu rohem Mett hackte." Doch Karl der Große zwang den Sachsen den christlichen Glauben auf. Alle mußten wenigstens nach außen hin ordentliche Christen werden. Und als ein Hof nach dem andern der fremden Lehnsordnung unterworfen wurde, war es einzig der Wulfsbauer, der ein freier Mann blieb und sich gegen jeden wehrte, der ihm an den Kragen wollte: "Wenn der Bauer pflügte, hatte er während dem den Speer und die Armbrust bei seiner Jacke liegen (...) seine Augen blieben hell und das Lachen verlernte er auch nicht. " (S. 3f.) - Nun steht der letzte in der Ahnenreihe da: Harm Wulf, der Held des Romans. Noch lacht auch er, denn es mußte schon sehr schlimm kommen, wenn einem Wulfsbauern das Lachen verloren gehen sollte.

"Das tat es denn auch. Es gingen im Jahre 1623 allerlei Gerüchte von einem Kriege um, den der Kaiser mit den Böhmen wegen der neuen Lehre führte und der immer weiter fraß. Zudem hatte es sehr viele wunderliche Zeichen gegeben. Es waren Rosen gewachsen, aus denen wieder Rosen kamen, das Brot hatte geblutet, auf den Koppelwegen lagen Sternschnuppen, drei Tage hintereinander im Juli kamen Unmassen von Schillerbolden (das sind Libellen) über die Haide geflogen und hinterher ebensoviele Buttervögel (das sind Schmetterlinge); es gab mehr Mißgeburten beim Vieh denn je zuvor, die Mäuse heckten unmäßig, Pest- und Sterbevögel ließen sich sehen, am Himmel zeigten sich feurige Männer und ein Stern, der wie ein Schwert aussah, fiel herunter. " (S. 6)

Eines Tages stößt auch Harm Wulf mit diesem Krieg zusammen, der zwischen den Katholiken und Protestanten, zwischen dem Kaiser des Römischen Reiches und den norddeutschen Fürsten geführt wurde und der von 1618 bis 1648 dauerte. Ein Drittel seiner Bevölkerung verlor Deutschland in diesem Krieg. Jahrzehnte dauerte es, bis der Verlust an Menschen wieder ausgeglichen, die verwüsteten Felder wieder fruchtbar und die zerstörten Dörfer und Städte wieder aufgebaut waren. Daran muß man denken, wenn man diesen Roman liest, der ja ein positives Zeichen setzen und ein Vorbild zeichnen will.

Harm Wulf reitet in die Stadt, um seine Steuern zu bezahlen. Es ist ein schöner Tag und er reitet früh los, um desto eher wieder zu Hause zu sein. Doch in der Stadt trifft er auf einen Trupp Kriegsvolk: Die Mansfelder. Sie suchen Soldaten. Und sie sind in ihren Anwerbungsmethoden auch nicht feiner als zum Beispiel der Hessische Landesfürst, der seine Untertanen kurzerhand in ferne Kriegsgebiete verkaufte, wenn die Staatskassen leer waren.

Sie versuchen es mit einer krummen Tour. Harm Wulf wird von einem falschen Freund überrumpelt. "Bruderhärz mainiges! Wie lange habben wirr uns nicht gesähenn? Aberr die Freide, die Freide! Auf das wollen wirr aberr einen trrinkenn!" (S. 13) Und wenn ihn nicht die Großmagd, die aus seinem Heimatdorf stammt, gewarnt hätte, wer weiß, ob er sich nicht schon am nächsten Tag irgendwo für irgendwen hätte totschießen lassen müssen. Diesmal ist er noch glücklich davongekommen. Doch nun wollen sie sein Pferd. Genauer: sie nehmen es sich einfach. Als er in den Stall kommt, steht da sein Falber mit einem fremden herrschaftlichen Geschirr um und zwei aufgeschnallten Mantelsäcken. Er nimmt das Geschirr ab und führt sein Pferd aus dem Stall.

Schon war er fast vom Hofe, da kommt ihm ein Reiter entgegen mit einem roten Bart bis über den Kragen und schnauzt ihn an, wo er mit dem Pferd hinwolle. Das sei doch von jeher sein Falber gewesen, gab der Bauer zurück. Das schreit der rotbärtige Mensch:

"Ferdl, Tonio, Pitter, Wladslaw, daher, daher! (. ..) Wem ist das Pferd hier, diesem Mann da oder Koporal Tipmann Anspach? Häh? Ruft ihn mal her! Wollen doch mal sehen, wessen Wort mehr gilt, das von einem ehrlichen Kriegsmann, der für die reine Lehre fechten tut, oder von so `nem Bauern, der zu Fuße kommt und zu Pferde weiter will!" Der Korporal kommt und schwört, daß es sich bei dem Falben um sein Pferd handele. "So wahr ich hier auf zwei Beinen stehe, ( . ..) verdammigt will ich sein, wenn das nicht der Falbe ist, den ich zu Martini von Schlorre Schmul zu Kölle am Rhing für dreißig schwere Taler und einen guten Weinkauf erstanden habe. Darauf will ich leben und sterben, so wahr ich ein getreuer Christenmensch und kein papistischer Hundsfott bin!" (S. I5) Der Bauer bekommt einen roten Kopf und faßt nach der Hosennaht, wo er das Messer stecken hat. Doch, er ist einer gegen anderthalb Dutzend, bald sind es dreißig oder mehr verwegene Kerle, denen es auf eine Handvoll Menschenblut nicht ankommt. Da gibt er sich geschlagen, macht noch ein paar Witzchen und sieht, daß er davonkommt.

Harm Wulf und sein Schwiegervater versuchen bei der Obrigkeit in Celle gegen den unrechtmäßigen Pferdeklau zu protestieren. Doch schneller als Kleists Kohlhaas sehen sie ein, daß ihnen Recht auf diesem Wege nicht gegeben wird, und anders als Kohlhaas geht es ihnen nicht ums Recht, sondern um ihr Pferd. Sie haben Einsicht in den Lauf der Welt und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand.

Wie man das machen kann, wie andere Dörfer das schon längst tun, das lassen sie sich im Dorfkrug erzählen. "Tatern (das sind Zigeuner) und anderes fremdes Volk, das sich bei uns sehen läßt, das wird ohne weiteres mit derPeitsche begrüßt, denn die Bande zeigt den Räubern, denn was anderes sind doch diese Kriegsknechte nicht, bloß den Weg, wo es was zu holen gibt. In Ehlershausen haben sie vorige Woche zwei von diesen Kerlen, die ein Pferd von der Weide geholt hatten, in aller Heimlichkeit aufgehängt und beigerodet. Und das ist ganz recht so: denn erstens sind es keine richtigen Menschen, und außerdem, warum bleiben sie nicht, wo sie hingehören?" (S. 27)

Noch zögert Harm Wulf, noch erschreckt er sich über frisches Blut, das am Stock des Bauern Drewes klebt, doch es braucht nicht viel mehr, um ihn von der Notwendigkeit dieser Lösung zu überzeugen. Und was er braucht, das liefert der Autor auf den folgenden Seiten nach. Kaum nähert Harm Wulf sich seinem Hof, da kommt ihm sein Knecht entgegengelaufen und erzählt unter Stottern, daß ein paar Halunken sich an Bier und Schnaps vergriffen haben und schließlich auch an die Hühner wollten, daß ihnen da aber die Bäuerin Einhalt geboten habe, woraufhin die Gauner ihr mit dem Gewehr auf den Leib geschlagen hätten. Die Bäurin aber, die schwanger gewesen war, habe das Kind nur tot zur Welt gebracht. Da kommt Harm Wulf die befreiende Erkenntnis:

"Ja, Drewes hat recht, (. . .) jeder ist sich selber der Nächste. Besser fremdes Blut am Messer, als ein fremdes Messer im eigenen Blut!"

Mit diesem Vorsatz gewappnet, besteht Harm Wulf das nächste Abenteuer. Wieder geht es um die Pferde. Ein Trupp Soldaten braucht das Gespann. Und weil der Offizier sein Wort gegeben hat, begleitet Harm Wulf den Haufen bis zur nächsten Station, wo er seine Pferde wiederhaben soll. Dort aber geht alles seinen räuberischen Kriegsgang. Sein Geld wird ihm geraubt und versoffen, und als er seine Pferde haben will, wird ihm ins Gesicht geschlagen. Der Autor gibt sich bei der Schilderung Mühe, sowohl die grobe Mißhandlung des Bauern zu zeigen als auch dessen Besonnenheit und Zurückhaltung, bis endlich eine Situation dringender Notwehr hergestellt zu sein scheint und die Empörung des Lesers nach einer Lösung der Spannung verlangt.

Dem Verlangen wird auf den folgenden Seiten stattgegeben. Harm Wulf lauert dem Trupp am Wege auf. In der Heide, zwischen Moor und Bruch, da ist er einer Vielzahl von Gegnern überlegen. Er erschießt seinen Beleidiger aus dem Hinterhalt und entzieht sich seinen Verfolgern, von denen mehrere im Morast versinken. Zum Schluß nimmt er sich das Geld eines der Toten und wenigstens eines seiner Pferde zurück.

So könnte man den Handlungsablauf beschreiben. Er stünde dann unter der Überschrift: Harm Wulf in Notwehr oder: Harm Wulf verschafft sich selbst sein Recht. Doch es gibt noch eine andere, diese erste überlagernde Handlung mit der Überschrift: Wie Harm Wulf wieder fröhlich wird. Dazu gehört das Folgende: "Dann nahm er den Mann auf das Korn, gerade in dem Augenblick, als der Oberst ihm das volle Gesicht zudrehte. Erst zielte er auf die Brust, aber dann ging er tiefer (.. .) ". (S. 42) Dazu gehurt das lustige Quatschen und Spritzen des Moors, in dem die Verfolger versinken. Dazu gehört vor allem die gemütliche Mahlzeit neben der geplünderten Leiche, in deren Taschen Harm Wulf zu allem Überfluß noch eine Flasche Schnaps, weißes Brot, ein gebratenes Huhn und Salz findet. Erst nachdem er dies in aller Ruhe verzehrt und abschließend noch ein Pfeifchen geraucht hat, macht er sich auf den Heimweg. Er ist zufrieden und weiß, wo es lang geht.

"Er war so aufgekratzt und hatte so blanke Augen, daß seine Frau sich über ihn wundern mußte, und die Angst, die sie den Tag vorher und die Nacht gehabt hatte, schlug bei ihr in lauter Freude um. So wurde es ein Tag, wie er auf dem Hofe lange nicht mehr gewesen war, so viel Lachen und Flöten gab es. Harm trug seinen Jungen Huckepack, ließ ihn auf den Knien reiten und sang ihm dazu das Lied vor, das der Trompeter den Morgen geblasen hatte. " (S. 45)

Das Muster ist da. Harm Wulf hat Drewes' Maxime in die Tat umgesetzt. Nun muß das Muster nur noch übertragen werden. "Wenn in jedem Dorfe ein tüchtiger Kerl ist, und der holt alles zusammen, was sich wehren kann, und ein Dorf hilft dem anderen, dennso würde das schon gehen. Den Donner auch, wir sind doch nicht dazu da, daß Hans Hungerdarm und Jans Schmach tlapp mit uns Schindluder spielt! Das sage ich dir, und so sollte es ein jeder halten: ehe daß ich mir und meinen Leuten einen Finger ritzen lasse, lieber will ich bis über die Enkel im Blute gehen!" (S. 29) Das ist die Idee vom Wehrwolf.

Der Bauer Drewes versammelt die Männer der Umgebung zu einer echt germanischen Beratung. Unter freiem Himmel bei schönstem Erntewetter stehen sie am Berg und Drewes hält seinen Stock hoch. Einhundertsiebzehn Kerben befinden sich auf der einen und zweiunddreißig auf der anderen Seite. Die zweiunddreißig bedeuten, daß Drewes eine ebensolche Zahl von Menschen mit seiner Axt erledigt hat, die übrigen markieren die Anzahl, bei deren Erledigung er nur mitgeholfen hat.

"Unser Herrgott wird mir das vergeben. Auge um Auge, Zahn um Zahn, so lehrt uns die Schrift. Wir sind hier keine Räuber und Mörder, aber wenn der Wolf uns über das Weidevieh kommt und der Marder uns an die Hühner geht, dann besinnen wir uns nicht lange (...) lieber wäre es mir, ich hätte reine Finger. Aber was sein muß, muß sein, und ich schlafe so gut als wie vordem. "

Das erste Argument gilt der kirchlichen Autorität. Das zweite, an die weltliche Autorität gerichtet, folgt auf dem Fuß.

"Was wir taten, mußten wir tun, aber es war uns nicht nach der Mütze, daß wir es ohne die Erlaubnis unseres Herrn Herzogs (...) tun mußten. Von heute ab (...) ist das anders. Denn unser lieber Herr Herzog (. . .) hat uns wissen lassen, wir sollen zusehen, daß wir uns so gut wehren sollen, wie wir irgend können, und alle Hundsfötter, die hier nicht hergehören, totschießen wie tolle Hunde. " (S. 54)

Und wie um auch den letzten Zweifel zu beseitigen, läßt der Autor während der Versammlung das Dorf überfallen. Er läßt die Häuser plündern, verwüsten und anzünden. Die Bewohner müssen fliehen. Sie retten sich in die sogenannte Burg, einen im Gehölz verborgenen und durch einen Wall geschützten Fleck. Harm Wulfs Hof wird bis auf den Grund abgebrannt, seine Frau und beide Kinder kommen dabei um.

Mit der Gründung des Wehrwolfs und dem Rückzug in die Fluchtburg ist der Roman an seinem visionären Ziel. Stofflich gesehen stammt beides aus der Vergangenheit - doch es war politisch gemeint und prägte die Zukunft.

Schilderungen solcher Fluchtburgen aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges kannte Hermann Löns aus Gustav Freytags Bilder aus der deutschen Vergangenheit.

"Auf die Kirchtürme und hohen Punkte wurden Wachen aufgestellt, die ein Zeichen gaben, wenn Truppen in der Ferne sichtbar wurden. Dann brachte der Landmann, was er retten konnte, die Frauen und Kinder und leichtbewegliche Habe, eilig in einen entfernten Versteck. Solche Verstecke wurden mit großem Scharfsinn ausgesucht, durch Nachhilfe noch unzugänglicher gemacht, und wochen-, ja monatelang fristeten dort die Flüchtlinge ihr angstvolles Dasein. Im schwarzen Moor zwischen Gräben, Binsen und Edengebüsch, in dunkler Waldesschlucht, in alten Lehmgruben und verfallenem Mauerwerk suchten sie die letzte Rettung. Noch jetzt zeigt in manchen Orten der Landmann mit Teilnahme auf solche Stellen. Zu Aspach in einem alten Turm ist sechzehn Fuß über dem Boden ein großes Gewölbe mit eiserner Tür, dorthin flüchteten die Aspacher, so oft kleine Banden auf das Dorf marschierten; für längere Flucht aber hatten sie ein Feld von mehreren Ackern, das mit Hainbuchen dicht umwachsen war, darum pflanzten sie Dorngebüsch, welches auf dem fruchtbaren Boden hoch wie Bäume wurde und dicht wie eine Mauer stand. In diesem Verhack, zu dem man nur auf dem Bauche kriechend gelangen konnte, hat sich die Gemeinde oft verborgen."(9)

Dennoch ist der Wehrwolf alles andere als ein historischer Roman. Weder geht es um die Einmaligkeit einer historischen Epoche noch um die eines Individuums. Der Wehrwolf verfolgt didaktische Absichten. Er will einen exemplarischen Charakter unter exemplarischen Verhältnissen zeigen. Das Exempel wird in die Geschichte projiziert und als Tradition ausgegeben. Hier kann man dem Versuch der Erschaffung eines Mythos beiwohnen. Seit der ersten Seite, seit der Ankunft der blonden Menschen aus dem Norden in der wüsten und angeblich leeren Heide passiert nichts eigentlich Neues. Die Vorfahren Harm Wulfs schlugen sich mit den Bären und Wölfen herum und mit dem schwarzen Gesindel im Busch, das den Namen Mensch nicht erhält. Die danach kamen, schlugen sich mit den Römern und den fränkischen Lehnsherren und den Raubrittern herum, und Harm Wulf im 17. Jahrhundert schlägt sich mit dem Gesindel seiner Zeit. Dazu gehören die seit dem 16. Jahrhundert durch Europa wandernden Zigeuner, Bettler, religiöse Gruppen von Büßern, Leute, die am weißen Stock gehen (das Zeichen dafür, daß sie Hab und Gut verloren haben und heimatlos geworden sind), vor allem aber Soldatengruppen, mal von Papisten, mal von den Protestanten. So genau erfährt man das nicht, so genau will das auch keiner von den Bauern wissen.

Alle werden unterschiedslos abgeknallt. Es gehört zu den hervorstechenden Merkmalen des Buches, daß es auf Differenzierung der Gegner, auf die Gestaltung von Unterschieden in Motiv und Verhalten vollständig verzichtet. Mehr noch: Es stellt die Differenzierung des Gegners unter Lebensgefahr. Zweimal nur gibt es in diesem Buch ein Zögern: Eine Zigeunerin wird nicht sofort von Hunden gehetzt, das andere Mal wird eine Gruppe von streunenden Bauern nicht aus dem Hinterhalt überfallen, sondern zuvor angerufen und aufgefordert, zu verschwinden. Beide Male rächen sich umgehend. Der Leser lernt, wer als zweiter schießt, der ist verloren. Diese Kampfmoral, die weit unter dem Niveau der doch sonst verklärten germanischen Helden mit ihrem ritterlichen Ehrenkodex liegt und die in jeder noch so blutigen Indianergeschichte aus dem Wilden Westen angeprangert würde, wird hier dem Publikum von 1910 zur moralischen Aufrüstung angeboten.

Die Bauern des Wehrwolfs beschließen, vorläufig in ihrem Schlupfwinkel zu bleiben, bis der Krieg vorüber ist. Sie wissen nicht, daß er noch über zwei Jahrzehnte andauern wird. Harm Wulf verschwindet einige Zeit, um Rache an den Mördern seiner Familie zu nehmen. Als er zurückkehrt, sieht er, wie seine Leute am Peerhobsberg in ihrer Fluchtburg leben.

"Aus Fuhren und Plaggen hatten sie sich notdürftig Hütten gebaut und sie mit Reet und Risch bedeckt; auf Haidstreu und Torfmoos schliefen sie und ihr Eßgeschirr war aus Ellerholz. Die Frauen waren alle blaß und elend, keins von den Kindern hatte rote Backen und dicke Beine, die Männer hatten Augen, so falsch wie die Buschkater." (S. 75)

Das wird nun alles anders. Zuerst baut Harm Wulf sich ein Haus, und bald machen es die andern ihm nach. Geld ist genug da, die Männer haben reiche Beute gemacht. Zimmerleute, Tischler aus den Nachbardörfern werden geholt, und als das stattliche Haus fertig dasteht, prangt auf dem Balken über dem Tor der Spruch:

Helf dir selber, so helft dir unser Herre Gott.

Von nun an spielt das Buch auf zwei verschiedenen Ebenen, es spielt zwei verschiedene Melodien. Im Innern der Fluchtburg entsteht ein idyllisches Dorf. Harm Wulf findet draußen auf der Heide eine rotblonde Frau und rettet sie vor dem Hungertod. Diese Frau nun kann fast alles. Sie erzählt den Kindern Geschichten, bringt den Mädchen das Stricken, Nähen und Stopfen bei. Wenn jemand krank ist, so weiß sie allerlei Heilkräuter, hilft den Frauen beim Kinderkriegen, verbindet den Hunden die entzündeten Pfoten. Sie ist Doktor und Schulmeister in einem und darüber hinaus Gärtnerin und Magd bei Harm Wulf, dessen Hof unter ihren Händen aufs Beste gedeiht. Die Blumen blühen, die Rosen wachsen an den Zäunen hoch, der Efeu klettert die Hauswand hinauf, und über alldem scheint die liebe Sonne und der rote Rock blitzt - es sind immer rote Röcke in diesem Roman. Kein Wunder, daß Harm Wulf sie zur Frau nimmt, daß sie ihm bald darauf zwei Kinder schenkt. Und so, wie die Welt auf dem neuen Wulfshof wieder heil und rund wird, so auch für das übrige Dorf.

"Sogar die Kinder halfen beim Roden und Umgraben, und was früher für eine Schandnot angesehen war, wenn nämlich ein Frauensmensch sich in den Pflug spannte, jetzt galt das als ein Vergnügen. Es gab keine Bauern und keine Knechte und keine Bäurin und keine Mägde in Peerhobstel, es war eine Gemeinde fleißiger Leute, von denen jeder für sich und alle für das Gesamt schanzten, so daß es auf' den Dörfern um das Bruch hieß: Einig wie die Peerhobstler!" (S.134)

Eine schöne Gemeinschaft. In ihrer bunten Fülle und harmonischen Geborgenheit die Sehnsucht einer um so größeren Anzahl von Deutschen, je weiter weg davon die soziale Realität war. Eine schöne Gemeinschaft, für sich genommen nichts als das irreale, romantisierende, vielleicht ein wenig einfältige Bild eines aus dem Gefühl der Bedrohung hervorgebrachten Wunsches, wenn nicht - ja, und das macht dann doch denUnterschied ums Ganze aus - wenn nicht dieses schöne Bild eine so blutige Außenseite hätte. Rund um die Fluchtburg baumeln die Leichen, und während im Innern die Idylle blüht, findet draußen auf der Heide das lustige Morden statt.

"Jeduch, jeduch, jeduch! Die Bauern sprangen auf, ihre Augen wurden blank: ,Paßt auf, heute gibt es bei uns Hasenjagd! ` So war es auch. Drewes aus Engensen hatte ansagen lassen, daß ein Zug der Waldsteiner, vierzig Mann stark, unterwegs war; alle, die abkommen könnten, sollten sofort zum Hingstenberge kommen. ,Kommst du mit? ` fragten die anderen Harm. ,Na ob! ` sagte der und lachte; ,der Mensch will doch auch einmal ein Vergnügen haben.' " (S. 76)

So beginnt eine von vielen Szenen. Und sie endet damit, daß die Beute geteilt, die Leichen verscharrt werden und anschließend ein Fest gefeiert wird: " ,Auf Schweineschlachten komme Reinemachen!' Wieder lachte alles und ging fröhlich an das Werk. Eine Stunde später, als der Mond herauskam, sah der Knüppeldamm so blank aus, wie am Morgen."

Dieses Beieinander von der Idylle im Innern, die durch keinen Streit und keine Dissonanz gestört wird, und dem blutigen Kampf da draußen, der keinen Kompromiß, sondern nur Sieg oder Niederlage kennt, dieses Nebeneinander von Teilen, zwischen denen es keine Vermittlung gibt, wiederholt sich in einer Zweiteilung des Gesamtwerkes von Hermann Löns. Als Autor von Tiergeschichten und als Dichter der Heide ging er für Jahrzehnte ins deutsche Lesebuch ein. Seine Volkslieder wurden von Fritz Jöde vertont und von Tausenden nicht nur in der Jugendbewegung gesungen. In ,Der kleine Rosengarten' (1910) habe Löns das "Liebesleben eines Dorfes mit allen Schattierungen" wiedergeben wollen, sagt Deimann im Jahre 1935 und rühmt den Übergang des reifen Löns ins Kollektiv: "Wie ihn sein Weg politisch zuletzt zum Chauvinismus und zum freiwillig gebotenen Kriegertod führte, so führte er ihn künstlerisch zum ,Kleinen Rosengarten', das heißt nahezu bis zur Aufgabe der eigenen Dichterpersönlichkeit und bis zur selbstlosen Unterordnung unter die Volkheit. "(10) Der Kleine Rosengarten ist eine Ansammlung von Stereotypen, von keiner individuellen Regung beseelt, besessen einzig vom Motiv der Liebe im Mai: Da ist die Rose rot und der Mund süß, der Schnee ist weiß und die Blume gebrochen, die Heide ist braun und der Jäger wild - und das alles viele Strophen lang.
 

Rose weiß, Rose rot,
Wie süß ist doch dein Mund,
Rose rot, Rose weiß,
Dein denk ich alle Stund,
Alle Stund bei Tag und Nacht,
Daß dein Mund mir zugelacht,
Dein roter Mund.
Ein Vogel sang im Lindenbaum,
Ein süßes Lied er sang,
Rose weiß, Rose rot,
Das Herz im Leib mir sprang,
Sprang vor Freude hin und her,
Als ob dein Lachen bei mir wär,
So süß es klang.
Rose weiß, Rose rot,
Das wird aus mir und dir?
Ich glaube gar, es fiel ein Schnee,
Dein Herz ist nicht mehr bei mir,
Nicht mehr bei mir, geht andern Gang,
Falsches Lied der Vogel sang
Von mir und dir. (11)
Immer wieder kommt der Förster oder der Jäger und jagt allerlei Wild, im Herbst rote Böcke, im Mai rote Röcke. Dann ist alles lustig und soll wohl ebenso naturwüchsig und gesund sein.
 
Ich bin ein freier Wildbretschütz
Und hab' ein weit Revier,
So weit die braune Heide geht,
Gehört das Jagen mir.
So weit der blaue Himmel geht,
Gehört mir alle Pirsch
Auf Fuchs und Has' und Haselhuhn,
Auf Rehbock und auf Hirsch.
Jedoch mein liebstes Edelwild
Im ganzen Jagdrevier
Das ist nicht Hirsch, das ist nicht Reh,
Das ist kein Jagdgetier.
Es ist ein frisches Mägdelein,
Auf das ich lieber pirsch,
Viel lieber als auf Has' und Fuchs,
Auf Rehbock und auf Hirsch.
Und daß es einem andern hört,
Macht keine Sorge mir,
Ich bin ein freier Wildbretschütz
Und hab' ein weit Revier. (12)


Im Wehrwolf bläst Löns zu einer anderen Menschenjagd. Doch sie macht ebenso lustig wie die Jagd auf der grünbraunen Heide. Der Wehrwolf soll ein Buch der Notwehr sein - ein Buch persönlicher Not ist es ganz bestimmt. Viel wurde über das sogenannte Nervenleiden des Autors in verhüllender oder verklärender Weise geschrieben. Löns war chronisch überarbeitet, extrem reizbar, launisch, neigte zu alkoholischen Exzessen,so teilt der Malerfreund KnottnerusMeyer mit und deckt sogleich den Purpurmantel des Genialischen darüber:
"Straffste Männlichkeit und weichste Kindlichkeit, Härte des Diamanten und Eindrucksfähigkeit des Wachses, höchste Klugheit und Überlegenheit, tiefste Dumpfheit und Hilflosigkeit, denkbar stärkstes Selbstgefühl und erbarmungslose Selbstkritik und Verzweiflung, kälteste Verstandestätigkeit und bedingungslose Hingabe an das Gefühl, fanatische Wißbegierde, bewußte Resignation auf das Nichtswissenkönnen, unstillbare Sehnsucht, höchste Lustund tiefstes Leidgefühl bildeten das Chaos seiner Seele. "(13)

Nicht Löns über Napoleon, sondern Knottnerus-Meyer über Löns schreibt hier. Doch sind sich beide einig darin, daß das Nebeneinander von Extremen Kennzeichen der Großen ist. Löns litt während seiner Arbeit am Wehrwolf an einer starken Nervenanspannung. Ein Manuskript über die Fauna Hannoverana, das er in jahrelanger Arbeit geschrieben hatte, schnitt er mit der Schere in winzige Stücke. Und über seine Schreibweise sagt er: "Ich schreibe das Wesentliche in meinen wertvolleren Arbeiten gänzlich ohne bewußten Willen in halluzinatoricher Verfassung, die so weit geht, daß ich die Personen vor mir sehe, höre und sogar rieche. Ich komme mir dann wie eine Schreibmaschine vor und muß dann schreiben, was der diktiert, der hinter meinem Bewußtsein steht, und der hat meist recht." (14)

In einer solchen automatischen Schreibweise entstand der Wehrwolf im Verlauf von drei Wochen: ein blutiger Wahn von Gesundheit und Stärke. "Der , Wehrwolf' ist sicher durch und durch gesund, und der ihn schrieb, war durch und durch krank, körperlich und noch mehr seelisch."(15) So schreibt Löns ein Jahr nach Beendigung des Romans. Seine Frau, die eine Gewalttat gegen den gemeinsamen, geistig und körperlich behinderten Sohn fürchtete, hatte sich von ihm getrennt. Ostern 1911 schreibt er: "Wenn ich noch eine Sucht habe, so ist es die des kalten politischen Ränkespieles, und mein rotestes Gelüste ist: eine Schlacht mitzumachen, aber mit der Waffe in der Hand, so eine wie am Riff, wo man das Weiße im Auge sehen kann beim Gegner. "(16)

Er mußte nicht lange mehr warten. Am 26. September 1914 traf ihn eine tödliche Kugel beim Sturm auf die feindlichen Stellungen. Das Weiße im Auge des Gegners freilich wird er nicht gesehen haben. Die Zeit des Zweikampfes war schon lange vorbei.

Wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gab es einen Sprachgewaltigeren, dem es gelang, dies ,roteste Gelüst` zur Urkonstellation hochzustilisieren und in der entfesselten Aggression den Wert einer Elementarkraft zu sehen: "Im Kampf, im Kriege, der alle Übereinkunft vom Menschen reißt wie die zusammengeflickten Lumpen eines Bettelmannes, steigt das Tier als geheimnisvolles Ungeheuer vom Grunde der Seele (...) wenn zwei Menschen im Taumel des Kampfes aufeinanderprallen, so treffen sich zwei Wesen, von denen nur eins bestehen kann. "

Hier verbindet sich der großmäulige Verzicht auf Kulturerrungenschaften, die verächtliche Rede von den "zusammengeflickten Lumpen eines Bettelmannes" mit der Logik, daß von zwei aufeinandertreffenden Wesen nur eins bestehen könne. Was nach dem Krieg als Besiegelung des Erlebten notwendig war, wurde lange vorher als Sehnsucht der Kulturmüden gepflegt. "Wenn ich jagen will, will ich Wildnis haben, will ich keinen Menschen, keinen Wagen hören, nicht hören und sehen will ich dann von Kultur, Urmensch will ich sein in der Urnatur. "(17) Warum nur ist er nicht im Wald geblieben! Warum schrieb er über Kultur, Politik und Menschengeschichte,. obwohl er doch nur den Platzhirsch im Kopf hatte.

"Mein Kriegslied habe ich bereits 1910 geschrieben: das ist der Wehrwolf" - sagte Löns kurz vor seinem Tod. (18) Doch Jahre zuvor schon favorisierte er den Angriffskrieg und bedauerte, daß so viele Chancen für die präventive Verteidigung Deutschlands vertan worden waren: "Sie wissen, ich bin Teutone hoch vier. Sehen Sie mal: jedes Volk wird jetzt stramm national, und wir sollens nicht? Wir haben gerade genug mit Humanistik, Nationalaltruismus und Internationalismus uns kaputt gemacht, sosehr, daß ich eine ganz gehörige Portion Chauvinismus sogar für unbedingt nötig halte. Natürlich paßt das den zielbewußtesten Chauvinisten, den Juden nicht, und darum zetern sie über Teutonismus. Das aber ist der Weg, die Wahrheit und das Leben."(19)

Der Wehrwolf ist ein Buch, das die reine Gewalt zu strahlendem Heldentum verklärt. Es schüttelt die lästigen Fessen der religiösen und kulturellen Gebote ab und macht alle außerhalb des Burgwalls lebenden Andern zu Feinden im eigenen Revier, die nicht nur vertrieben, sondern gleich getötet werden müssen. Der blonde Held, er soll der faustische Nachfolger von Prometheus sein und geht doch nur über Leichen, sein Lachen soll göttlich sein und klingt doch nur wie das eines verstandesschwachen Mörders. Er wird zu jenem Werwolf ohne "h", den einst die Menschen sich ausdachten und der so blutig grausam ist, wie kein Tier je sein kann.

"Der Roman war weiten Kreisen unseres zivilisationsüberfütterten Zeitalters ein Sang nach dem Herzen. Vielen in unserem von Widersachern umstellten Deutschland wurde er ein sinnbildvoller gemütbefreiender Wehrgesang." (20)Das schreibt der Biograph Deimann 1935.

Es schlägt sich auch in Auflagenhöhen nieder: Das 460. Tausend war bereits 1923 gedruckt. Im Jahre 1939 gehörte "Der Wehrwolf" zu den meistgelesenen Romanen Deutschlands. Dabei ist die Kurve seiner Auflageziffern ansteigend, je näher das Jahr 1933 kommt. Die Nationalsozialisten schätzten und förderten das Gesamtwerk Hermann Löns' nach besten Kräften.

Bekanntlich war der Kommandant von Auschwitz ein vorbildlicher Familienvater. Vielleicht hing auch in seinem Wohnzimmer das Bild vom deutschen Hirsch in deutschem Wald. Doch draußen, außerhalb der Mauern seiner festen Burg ging er dem tödlichen Geschäft des Völkermordens nach.

Im Jahre 1933 war Hermann Löns schon lange tot. Aber er hat Bilder entworfen und in die Köpfe der Deutschen versenkt, die bis 1945 lebendige Wirkung zeigten. In seinen Geschichten gibt es keinen Unterschied zwischen dem Kampf der Hirsche ums Revier und dem Krieg der Völker untereinander, zwischen der lustigen Hasenjagd und der blutigen Jagd auf Menschen. Er war nicht der einzige, aber er hat in Millionenauflage seinen Lesern ein Märchen vom umzingelten Vaterland suggeriert, das mit allen Mitteln um sich schlagen muß, um sich seiner Haut zu wehren. Und dazu hat er lustige Lieder geschrieben, in denen das Blut ebenso rot wie das Röslein auf der Heide ist und vielleicht genauso duftet wie der süße Tod auf dem Schlachtfeld. Er hat das deutsche Gemüt nicht nur gelehrt, daß es romantisch bleiben und zugleich totschlagen ,kann`, sondern daß es, wenn es das erste will, das zweite rechtzeitig tun ,muß`.

Der Beitrag des Wehrwolf zur fröhlichen Verrohung des deutschen Gemüts ist die literarische Vorgeschichte der soldatischen Freikorps und der Femeverbände nach 1918. Als im Januar 1923 die Reparationskommission gegen die Stimme Englands feststellte, Deutschland habe vorsätzlich Sachlieferungen nicht erfüllt und als "Strafe" dafür (wiederum gegen die Stimme Englands) Frankreich und Belgien ins Ruhrgebiet einmarschierten, um sich zu holen, was sie gefordert hatten, da gründete am 11.1. 1923 ein Studienrat namens Kloppe einen Mitteldeutschen Schutzverband und gab ihm den Namen "Wehrwolf". Der "Wehrwolf" gehörte zu jenen rechtsradikalen Bünden, die die Demokratie der Weimarer Republik, den Kapitalismus und den Kommunismus gleichermaßen ablehnten, die stattdessen eine im Namen des Volkes, aber gegen die Massen durchzusetzende nationale und soziale Erneuerung erstrebten. Aufs Konto der soldatischen Freikorps und der politischen Femeverbände gingen in den ersten Jahren der Weimarer Republik zahlreiche politische Morde.

Eine Notgemeinschaft aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, beschworen 1910, organisiert sich erstmals im Jahre 1923. 1933 vertraute sich Deutschland Adolf Hitler an. Und noch in den letzten Wochen vor dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands, als der Ring der Sieger um Berlin geschlossen war, streunte eine Gruppe von Wehrwölfen umher und hängte jeden auf, der zu desertieren versuchte.

Diese Chronik des Wehrwolfs zählt heute. - Eine Bauernchronik war es nie.


Anmerkungen

Zitiert wird Der Wehrwolf nach einem Exemplar aus dem 441. - 460. Tausend von 1923, Jena (Eugen Diederichs Verlag).

1
Knottnerus-Meyer, Hermann: Der unbekannte Löns. Gespräche und Erinnerungen, Jena (Diederichs) 1928, S. 118.

2
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 215.

3
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 215.
 

4
Zit. im Geleitwort von Friedrich Castelle, dem Herausgeber von: Her mann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 1, Leipzig 1924, S. 68.

5
Zit. im Geleitwort von Friedrich Castelle, dem Herausgeber von: Her mann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 1, Leipzig 1924, S. 49.

6
Hans Schwerte: Faust und das Faustische. Ein Kapitel deutscher Ideolo gie, Stuttgart (Klett) 1962, S. 148 f.

7
Knottnerus-Meyer, Hermann: Der unbekannte Löns. Gespräche und Erinnerungen, Jena (Diederichs) 1928, S. 118. und S. 2.

8
Knottnerus-Meyer, Hermann: Der unbekannte Löns. Gespräche und Erinnerungen, Jena (Diederichs) 1928, S. 118. und S. 6.

9
Zit. im Geleitwort von Friedrich Castelle, dem Herausgeber von: Her mann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 1, Leipzig 1924, S. 71.

10
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 130

11
Hermann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, hrsg. von Friedrich Castelle, Leipzig 1924, Bd. 1, S. 293.

12
Hermann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, hrsg. von Friedrich Castelle, Leipzig 1924, Bd. 1, S. 343.

13
Knottnerus-Meyer, Hermann: Der unbekannte Löns. Gespräche und Erinnerungen, Jena (Diederichs) 1928,
S. 2.

14
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 238.

15
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 238.

16
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 249.

17
Zit. im Geleitwort von Friedrich Castelle, dem Herausgeber von: Her mann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 1, Leipzig 1924, S. 60.

18
Zit. im Geleitwort von Friedrich Castelle, dem Herausgeber von: Her mann Löns, Sämtliche Werke in acht Bänden, Bd. 1, Leipzig 1924, S. 73.

19
Brief an Kutscher, vom 11. Herbst 1910, In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 241 f.

20
Brief vom 27.2.1909 an Friedrich Castelle. In: Wilhelm Deimann, Der Künstler und Kämpfer. Eine Lönsbiographie und Briefausgabe, Hannover (Adolf Sponholtz) 1935, S. 106.


Dieser Artikel erschien u.W. erstmalig im Sammelband "Wehrwolf und Biene Maja, Der deutsche Bücherschrank zwischen den Kriegen" Herausgegeben von Marianne Weil, Edition Mythos Berlin, Verlag Ästhetik und Kommunikation. Das Buch erschien 1986.
Wir bringen hier als Auszug eines der Kapitel und danken der Autor herzlich für die Genehmigung es auf diesen Seiten zu bringen. Es ist eines von zwölf Kapiteln von denen fünf von Marianne Weil stammen.
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