COLLASIUS

Alina Kuzborska

DAS LITERARISCHE KÖNIGSBERG IN KALININGRAD


Das nach dem 2. Weltkrieg entstandene Kaliningrader Gebiet gehörte zu den Regionen der Sowjetunion, in denen man an die ursprüngliche Kultur des Landes nicht anknüpfte und auch keinen Dialog mit der vorherigen, d.h. mit der Kultur Ostpreußens zu führen suchte. Die historische und damit auch die literarische Vergangenheit Ostpreußens wurde verschwiegen. Hier galten alle Regeln der herrschenden Einstellung den Deutschen gegenüber, die im kollektiven Gedächtnis der Russen als Feinde und Kriegshetzer erscheinen sollten. Die Spuren der materiellen Kultur der Besiegten verschwanden. Was während des Krieges zerstört worden war, wurde von den Siegern nicht wiederaufgebaut. Was erhalten wurde, verfiel.

In der Zeit des späten Gorbatschow änderte sich die Situation jedoch grundsätzlich. Ende der 80er Jahre setzte eine Rückbesinnung auf die Vergangenheit ein. Das militärische Sperrgebiet Kaliningrad öffnete immer mehr seine Grenzen, denn man wollte den Fremdenverkehr entwickeln und eine Freihandelszone für die Länder des Ostseeraumes schaffen. So verwundert nicht, daß man auch über heikle Probleme der Geschichte zu sprechen und die Geistesgeschichte Ostpreußens zu entdecken begann. Der Zugang zu Archiven und Bibliotheken wurde leichter, aus Deutschland kamen viele "Heimwehtouristen". Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist das Kaliningrader Gebiet zu einer Insel geworden, und es hat sich dort auch allmählich ein gewissser Mentalitätswandel vollzogen. Das russische Kaliningrad entdeckte Königsberg. So liest man bei V. Gilmanov in Ein Blättchen aus dem Lebensbaum in der Zeitschrift Kvadrat (1), die ehemalige Hauptstadt Ostpreußens sei eine reale Stadt, zugleich aber ein Phantom, wo sich zwei Städte vereinigten: "die vertriebene Stadt Königsberg und die angekommene Stadt Kaliningrad". Man wurde nun mit dem Problem einer neuen Identität der Russen in dieser Region konfrontiert. Diese Frage formulierte nun Vladimir Gresnych in der zweiten Nummer des Kvadrat: "Wer sind wir? Ein Hinterhof Europas oder die Russen?" im Gespräch mit dem Direktor des Instituts für ostslawische Philologie an der Pädagogischen Hochschule in Olsztyn (früher Allenstein die Red.), Professor Walenty Pilat, der die Meinung vertrat, die nationalen Kulturen, die sich einst auf dem Gebiet Ostpreußens entwickelten, sollten offener zueinander sein, sich gegenseitig bereichern. V. Gresnych fügte aber hinzu: "Die Russen sollen ihre Eigentmülichkeit erhalten, weil sie die Erben eines großen Kulturgutes sind."

Der Dialog der russischen Kultur mit dem ostpreußischen Kulturerbe verläuft auf verschiedenen Ebenen: 1. durch die Popularisierung der geistigen und materiellen Werte in den Kaliningrader Zeitungen und Zeitschriften (vor allem in Kvadrat), 2. durch wissenschaftliche Konferenzen, die sich mit der Literatur und Kultur Ostpreußens befassen, 3. durch Arbeiten der russischen Literaturwissenschaftler über die deutschen Dichter der Romantik, vor allem über E.T.A. Hoffmann, sowie durch Bücher zur Geistesgeschichte Königsbergs und Ostpreußens, 4. durch Ausgaben der ostpreußischen Dichter in russischer Übersetzung.

Die Kaliningrader Jahresschrift Kvadrat signalisiert am deutlichsten die Suche nach einer neuen Identität der Stadtbewohner Kaliningrads. Hierher sind Leute aus verschiedenen Gebieten der Sowjetunion gekommen, die verschiedenen Ethnien bzw. Nationalitäten gehörten, sie haben sich in einer Region angesiedelt, die ihnen am Anfang als ganz fremd erschien. Sie haben im Laufe von über 50 Jahren eine besondere Denk- und Lebensweise entwickelt, ohne daß sie ihre an Rußland orientierte Kultur aufgegeben haben. Vor ihnen lebten hier andere Menschen, und noch manche Spur ihrer Kultur blieb erhalten. Die Intellektuellen in Kaliningrad wandten sich nach der Perestrojka der Geschichte der Region zu. Sie waren sich im klaren, daß Kultur etwas Zeitloses ist, sie kann also nicht spurlos verschwinden. Schon die erste Nummer des Kvadrat brachte in der Rubrik Geschichtsblätter Aufsätze von russischen Autoren, die die Vergangenheit neu zu reflektieren suchten, wie z.B. Schwert und Pflug von A. Zolov, der die ostpreußische Geschichte skizzenhaft nachzeichnete sowie den schon erwähnten Artikel von V. Gilmanov Blättchen vom Lebensbaum, in dem die Mentalitätsgeschichte der Region präsentiert wurde. H. Raiter stellte die Vorgeschichte des Preußenlandes dar, indem er die Resultate der archäologischen Ausgrabungen zusammenfaßte. Der Aufsatz von V. Cernysova galt der ostpreußischen Sittengeschichte im 18. Jahrhundert.

Die zweite Nummer räumte mehr Platz den Zusammenhängen zwischen der russischen und der preußischen Geschichte ein, etwa im Artikel von H. Kretinin Die große Botschaft über außenpolitische Aktivitäten Peters des Großen. Die Regionalgeschichte wurde auch aus der Sicht der Kunstgeschichte erläutert (K. Skvortsov und A. Bachtin in Die Wandmalereien in der Kirche in Lichtenhagen sowie O. Chorsevskaja in Alte Ansichtskarte). Das Gesprach mit A. Abrakonova leitete ein neues Kapitel im Geistesleben Kaliningrads ein: das Interesse für die ostpreußische Literatur. 1993 wurde eine Agnes-Miegel-Gesellschaft in Kaliningrad gegründet. Ihre Vorsitzende ist A. Abrakonova, die die Kontakte mit der gleichnamigen Gesellschaft in Bad Nenndorf aufgenommen hat. Seit dieser Zeit wurde viel zur Popularisierung der Dichterin in ihrer alten Heimat geleistet: Ein Dokumentarfilm wurde gedreht, man veröffentlichte eine zweisprachige Ausgabe der Poesie von Agnes Miegel in zwei Bänden, viele Veranstaltungen zu Ehren er Königsbergerin wurden durchgeführt.

Seit einiger Zeit erscheint in Kaliningrad der Kaliningrader Expreß, eine Monatsschrift in deutscher Sprache als Beilage zur Tageszeitung Kaliningradskaja Pravda. Die Redaktion setzt sich zum Ziel, die ausländischen Besucher über die wichtigsten Ereignisse im Leben der Region zu informieren.

Auch die Wissenschaftler bemühen sich um die Erforschung und die Popularisierung des geistigen Lebens in Ostpreußen. Das wichtigste Zentrum, das viele Aktivitäten anregt, ist die Kaliningrader Universität. Hier werden seit 1989 durch den Lehrstuhl für Weltliteratur wissenschaftliche Tagungen zum Thema "E.T.A. Hoffmanns künstlerisches Denken" veranstaltet. 1992 fand eine internationale wissenschaftliche Konferenz Zu Problemen der Geschichte Ostpreußens statt, auf der Themen wie Zur Geschichte der russisch-deutschen Kulturbeziehungen am Anfang des 18. Jahrhunderts, Zu Problemen der Wechselbeziehungen der russischen Administration und der ostpreußischen Bevölkerung während des Siebenjährigen Krieges, Die Gestaltung der Literaturgeschichte in Königsberg, Marion Gräfin Dönhoff und die hamburgische Wochenzeitung "Die Zeit" u.a. behandelt wurden.

Die im September 1994 durchgeführte internationale Jubiläumstagung aus Anlaß der Gründung der Albertus-Universität zu Königsberg kann man als russisch-deutschen Dialog zu diesem vor kurzem noch sehr heiklen Thema bezeichnen (2). Die Geschichte der Universität wurde von den deutschen Wissenschaftlern (G. Funke, H. Brockmann, B. Moeller) unter dem Aspekt ihrer wissenschaftlichen und kulturellen Bedeutung für ganz Europa seit der Reformation erörtert, die russischen Teilnehmer unterstrichen die Bedeutung der Universität für die Entwicklung der Wissenschaft in der Gegenwart. In den Arbeiten der russischen Literaturhistoriker an der Kaliningrader Universität dominiert die Tendenz, vergleichende Studien zu der deutsch- russischen Literaturwissenschaft zu entfalten (L. Darjalova Russischer Expressionismus in der Prosa der 20er Jahre. Deutsche Quellen, nationale Eigentümlichkteiten, A. Dmitrovskij Goethes "Faust" in den kritischen Schriften von Belinskij) sowie die Referate zur deutschen Literaturgeschichte: A. Botnikova Antinomitm der romantischen Weltauffassung in den Märchen von L. Tieck und V. Gresnych Die Albertina und die Literaturgeschichte Königsbergs.

Die letzterwähnten Arbeiten bezeugen das Interesse der Kaliningrader Literaturwissenschaftler für die literarische Tradition Königsbergs. Die führende Rolle in den Forschungen zu diesem Bereich spielt Professor V. Gresnych, der den Lehrstuhl für Weltliteratur an der Kaliningrader Universität leitet. Seine Studie über die Literaturgeschichte Königsbergs behandelt den Beitrag der Königsberg Dichter der Barockepoche (S. Dach, R. Robertin, H.Albert) und des 18. Jahrhunderts (Gottsched, Kant, Hamann, Herder, Hippel) zur deutschen und europäischen Literatur. Die wissenschaftlichen Studien, die seit den 90er Jahren in Kaliningrad entstehen, lassen sich als eine eigenartige Schule in der Sicht auf die deutsche Romantik auffassen. Im Mittelpunkt der Forschung steht der 1776 in Königsberg geborene Dichter, Maler und Komponist E.T.A. Hoffmann. Der Sammelband In der Welt von E.T.A. Hoffmann (3), herausgegeben 1994 vom E.T.A. Hoffmann-Zentrum in Kaliningrad, leitet eine Schriftenreihe zum Schaffen des berühmten Königsbergers ein. Er beinhaltet den wissenschaftlichen Ertrag der Tagungen, die 1989 und 1990 an der Universität durchgeführt wurden. Es sind zum einen Studien zum ästhetischen Denken E.T.A. Hoffmanns, in denen seine wichtigsten Werke von den Literaturwissenschaftlern aus Kaliningrad und aus anderen Universitätszentren Rußlands literaturtheoretisch behandelt werden. Zum anderen enthält der Band komparatistische Arbeiten: E.T.A. Hoffrnann wird hier mit A. Puschkin, I. Turgenew, F. Dostojevskij und M. Bulgakov verglichen und in den Gesamtkontext der russischen und der sowjetischen Literatur des 20. Jahrhunderts gestellt (A. Botnikova). Die Einwirkung Hoffmanns auf die russische Literatur war und bleibt groß. Die Rezeption seiner Werke in Rußland reicht bis in die zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück und wird auch in der Gegenwartsliteratur deutlich: Von A. Pogorelskij, W. Odojevskij, Gogol, Dostojevskij bis W. Meierhold, B. Pasternak, B. Okudzava, A. Tarkovskij und anderen Autoren. Die Darstellungsweise des deutschen Dichters war der russischen Weltauffassung sehr nahe: Das Phantastische im Alltäglichen, das Thema der Doppelgängigkeit, die Problematik des ästhetischen Spiels, des Komischen und der Satire. Bewundert von dem russischen Symbolisten, auch von Majakovskij, erreichte die Einwirkung von E.T.A. Hoffmann im Schaffen von M. Bulgakov ihren Höhepunkt. Die Ähnlichkeiten sind auffallend: Der Kater Murr und der Behemot aus Meister und M., der Meister selbst und Kreisler, die Zerrissenheit, das Sehen des Unsichtbaren u.ä.m. In der Epoche der Kulturpolitik im Zeichen des sozialistischen Realismus war Hoffmann in der Sowjetunion verboten (er gefiel auch Lenin nicht, der, wie er selber gestand, ihn nicht verstand), trotzdem wurde er gelesen und bewundert. Andrej Tarkovskij schrieb ein Drehbuch über das Leben von E.T.A. Hoffmann, wo die realen Gestalten wie Julie Mark, Theodor Hippel, seine Frau Micheline u.a. mit den Figuren aus seinen Werken ins Gespräch kamen. Die Verfilmung konnte aber wegen des Verbots des Monopolisten "Goskino" nicht realisiert werden.

Den Band runden Kurzberichte zu weiteren auf den beiden Tagungen vorgelegten Referaten ab. Es geht dabei vornehmlich um Vergleiche der Schaffensweise Hoffmanns mit anderen russischen Autoren, auch um deutsch-deutsche Vergleiche: mit P. Heyse und W. Hauff. Es ist ferner die Rede über Hoffmann in der Kritik von H. Heine sowie über den Roman der Romantik: Es geht um die Evolution des Protagonisten von Novalis über Achim von Arnim bis zu E.T.A. Hoffmann.

Die Faszination, die Hoffmann auf Rußland ausübte, läßt sich damit erklären, daß seine universale Weltauffassung, der ironische und phantastische Strich, der den zermürbenden Alltag in einen Traum verwandelt und viele Welten nebeneinander koexistieren läßt, mit der Haltung vieler russischer Intellektuellen kongruent war.

Die Kaliningrader Schule der deutschen Romantik hängt eng mit der wissenschaftlichen Tätigkeit von V. Gresnych zusammen. Die in der russischen Sprache verfaßten Veröffentlichungen geben einen Einblick in die deutsche Dichtung der Romantik aus der Sicht der russischen Gelehrten. Den Beginn der "Schule" markiert das 1991 in Leningrad herausgegebene Buch von V. Gresnych Rannij nemeckij romantizm. Fragmentarnyj Stil myslenija. Der Autor untersucht das Werk der Jenaer Romantiker (L. Tieck, F. Schlegel, Novalis, W.H. Wackenroder) aus der Perspektive der Ästhetik des Fragments, das einen Dialog mit der Vergangenheit auf eine besondere Weise aufnimmt: Das Fragment sei Ausdruck der Freiheit, es lasse die Verbindung von verschiedenen Gattungen und Themen zu, durch seine Unvollständigkeit schaffe es ein weites Feld für Phantasie und Enthüllung der Tiefen der menschlichen Seele frei. Somit sei es Ausdruck der Bewegung und einer neuen Weltauffassung. Das Buch stellt das Schaffen der deutschen Frühromantiker in den gesamteuropäischen Kontext, zeichnet die Geschichte der Bildung des romantischen Geistes sowie die Wege zu den universalen Werten nach, die die deutsche Romantiktheorie prägte.

Ein weiterer Beitrag zur Erforschung der deutschen Dichtung der Romantik ist V. Gresnychs 1995 in Kaliningrad veröffentlichte Buch V mire nemeckogo romantizma. Es behandelt das Werk von F. Schlegel, E.T.A. Hoffmann und H. Heine. Die drei Autoren verkörpern laut Gresnych den dreifachen Prozeß der Geistesentwicklung: Den Enthusiasmus, den Karneval und die Verwirrung: F. Schlegel bringe die enthusiastische Spannung des Zeitgeistes in der Epoche der Herausbildung und Bestätigung der romantischen Ideen zum Ausdruck. E.T.A. Hoffmann führe den Leser in eine Aura des Karnevals des Geistes, er zeige die Ambivalenz des menschlichen Seins, seine Existenz in den parallelen Welten. H. Heine deute die Erfahrung seiner literarischen Vorgänger, er entdecke dem Leser die Verwirrung des Geistes, die unvermeidlich nach dem stürmischen, karnevalesken Plätschern kommen müsse.

Die deutsche Literatur ist in den Veröffentlichungen der Kaliningrader Universität ständig präsent. Der Sammelband Chudozestvennoje myslenie v literature 18-20 vekov (Hg. von V.I. Gresnych, Kaliningrad 1996) bringt drei Artikel zu einigen Aspekten des West-östlichen Divans von Goethe, zu den Liedern von Brentano und zu Hesses Demian. Die hier besprochenen Bücher und Studien sind germanistische Arbeiten, die aus der zweifachen Perspektive geschrieben wurden, sie vereinen die Ergebnisse der deutschen Forschung mit der Sichtweise der russischen bzw. sowjetischen Literaturwissenschaftler (V. Sirmunskij, N. Berkovskij, N. Balasov, S. Turaev, A. Dejc, A. Dmitriev, A. Botnikova u.a.).

Neben den Arbeiten zur ostpreußischen (deutschen) Literatur, befassen sich russische Wissenschaftler mit der Geschichte Ostpreußens und Königsbergs.

Zwei Bücher: Ostpreußen, ein 1996 herausgegebener Sammelband (4), präsentiert die Geschichte des Landes seit den ältesten Zeiten bis zum Ende des 2. Weltkrieges. Das Buch von K. Lavrynovic betitelt Albertina, erschienen in Kaliningrad 1995, trägt den Untertitel Grundriß der Geschichte der Königsberger Universität. Zum 450. Gründungsjahrestag. Die beiden Bücher sind Pionierarbeiten auf diesem Gebiet in Rußland. Die polnischen und die litauischen Historiker interessiert vor allem die Rolle der Polen bzw. der Litauer an der Formung der Kulturgeschichte Ostpreußens. Die Kaliningrader Autoren gingen einen anderen Weg: mit Hilfe der deutschen und russischen (zum Teil auch der polnischen) Historiographie versuchten sie, das Gesamtbild des Landes zu entwerfen. In der Monographie über Ostpreußen scheute der Autor nicht davor zurück, das schwierige Thema des Krieges, die Kapitulation Königsbergs, die ersten Maßnahmen der sowjetischen Administration in der Kaliningrader Region aufzugreifen. Das Buch zur Geschichte der Albertina von Lavrynovic geht im Nachwort auf das Thema: Die Königsberger und die Kaliningrader Universität - das Erbe und die Erben ein. Diese zwei Bücher zeigen, daß die Russen in Kaliningrad sich ohne Angst und Vorurteile Themen der Vergangenheit stellen und beginnen, sich mit dem Kulturgut Ostpreußens verbunden zu fühlen.

Einen wichtigen Aspekt des Dialogs zwischen Kaliningrad und Königsberg stellen Übersetzungen der ostpreußischen Dichtung ins Russische dar. Der größte Teil davon wurde zum ersten Mal in die Sprache Puschkins übertragen. Drei umfangreiche zweisprachige Kaliningrader Ausgaben: die Antologie Svet ty moj edinstvennyj. Du mein einzig Licht...(5), die zweibändige Auswahl der Gedichte von Agnes Miegel(6), und ein für den Druck vorbereiteter Gedichtsband von Ernst Wiechert wurden von Sem Simkin bearbeitet. Der Übersetzer schrieb über dieses große Unternehmen: "Die Arbeit an der Übersetzung der Königsberger Dichter hat mich deswegen hingerissen, weil sie dort gelebt haben, wo wir jetzt wohnen. Diese Erde hat sie ernährt, zum Schreiben angeregt, die Lebenssäfte in ihre Poesie eingegossen". Dadurch bildet Sem Simkin eine feste Brücke von Königsberg nach Kaliningrad. Diese Brücke reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Anthologie umfaßt die Gedichte von 34 Autoren, von Simon Dach bis Albrecht Goes, Siegfried Sassnick und Rudolf Jacquemien. Neben den bekannten Namen wie Simon Dach, Heinrich Albert (sein Lied "Du mein einzig Licht" gab der Anthologie den Titel), Johann Gottfried Herder, Zacharias Werner, Agnes Miegel, Ernst Wiechert, Johannes Bobrowski u.a. findet man auch die weniger bekannten Dichter wie A.K.T. Tielo, eigentlich Kurt Mickoleit, der seine Gedichte in der deutschen und in der litauische Sprache verfaßte, deswegen auch mehr in Litauen als in Deutschland bekannt ist. Sogar der Immanuel Kant erscheint hier als Dichter mit dem Gedicht "Februar".

Agnes Miegel, der Tochter Königsbergs wurde eine zweibändige Ausgabe gewidmet. Im ersten Band Vozvrascenie. Heimkehr sind ihre Gedichte und Balladen abgedruckt, der zweite Band enthält das Poem Mein Bernsteinland (Moj kraj jantarnyj). Die translatorische Arbeit von Sim Simkin muß als Nichdichtung bezeichnet werden. Er ist kein Germanist, sondern russischer Dichter, er bedient sich wörtlicher Übersetzungen, die er dann poetisch bearbeitet.

Sem Simkin gibt hier zugleich sein Kredo an, das den allmählichen Mentalitätswandel der Kaliningrader Intelligenz zum Ausdruck bringt: "Wir, Kaliningrader, die Einwohner einer schönen Stadt, wo unsere Kinder und Enkel geboren sind, halten das Erbe der deutschen Kultur, insbesondere die Gedichte der Königsberger Dichter, auch für unser Erbe...". Die genannten Bücher sind vom Kaliningrader Maler W. Riabinin illustriert. Riabinin hat es verstanden, die Atmosphäre der Stadt und deren Dichter künstlerisch einzufangen.

Die Aktivitäten der Kaliningrader Intellektuellen machen wohl deutlich, daß in letzter Zeit ein gewisser Metalitätswandel vollzogen wurde. Es ist kein Niemandsland mehr, was das Kulturerbe anlangt. Die Menschen, die hier zu Hause sind, versuchen sogar, die ostpreußische Vergangenheit für sich zu erschließen.



Anmerkungen

1
Die Zeitschrift Kvadrat erscheint in Kaliningrad im Verlag "Jantarnyj Skaz" seit 1996 als Jahresschrift. Es sind bislang drei Nummern erschienen: Jahrgang 1996, 1997, 1998. Die Zeitschrift befaßt sich mit Literatur, Kunst und Theaterwesen der Kaliningrader Region. Viel Platz wird der Problematik der Geschichte der geistigen Kultur Ostpreußens eingeräumt.

2
Internationale Akademische Jubiläums-Veranstaltungen aus Anlaß der Gründung der Albertus-Universität zu Königsberg vor 450 Jahren, Kaliningrad, 26.-29. September 1994, Vorträge für Plenarsitzungen 1994; Aktualnyje problemy i perspektivy filologü. Materialy Mezdunarodnoj naucnoj konferencii, posviasconnoj 450-letiju osnovanija Königsbergskogo universiteta "Albertina", sentjabr' 1994, g. Kaliningrad, Kaliningrad 1996.

3
V mire E.T.A. Hoffmanna, (Hg. von V.I. Gresnych), Hoffmann-Zentrum Kaliningrad 1994.

4
Vostocnaja Prussija. S. drevnejsych vremen do konca vtoroj mirovoj vojny, (Hg. V.S. Isupov, H.V. Krerinin) Kaliningrad 1996, (Ostpreußen. Seit den ältesten Zeiten bis zum Ende des z. Weltkrieges).

5
Svet ty moj jedinstvennyj. Stichi kenigsbergskich poetov. Du mein einzig Licht... Gedichte Königsberger Dichter. Zusammengestellt und übertragen von Sem Simkin, Kaliningrad 1993.

6
Agnes Miegel Vozvrascenie - Heimkehr. (Gedichtauswahl); Moj kraj jantarnyj - Mein Bernsteinland (Poem). Zusammengestellt und übersetzt von Sem Simkin, Kaliningrad 1996.


Copyright by the author - Druckrechte beim Autor
Der Artikel erschien in Band XLV, April 1998 der Zeitschrift "KWARTALNIK NEOFILOLOGICZNY" in der Rubrik "PRZEGLADY, DYSKUSJE, POLEMIKI"
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