Freya KLIER

Links - eine Denkfalle


Freya Klier, 1950 in Dresden geboren, arbeitete als Schauspielerin und Regisseurin an verschiedenen DDR-Theatern. Für ihre Arbeit wurde sie mit dem Regiepreis 1984 ausgezeichnet. Durch ihr Engagement in der kirchlichen Oppositionsbewegung erhielt sie 1985 Berufsverbot, wurde später verhaftet und zwangsausgebürgert. Sie lebt als Autorin und Dokumentarfilmerin in Berlin. Freya Klier hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter: "Verschleppt ans Ende der Welt. Schicksale deutscher Frauen in sowjetischen Arbeitslagern" und "Penetrante Verwandte" (beide Ullstein TB). Soeben ist ihr neuestes Buch erschienen: "Wir Brüder und Schwestern. Geschichten zur Einheit" (237 S., geb., 34,- DM). Dieser leicht gekürzte und von ihr geringfügig überarbeitete MUT-Beitrag gründet auf einem Essay, den Freya Klier 1997 im SFB gelesen hat und der anschließend ins Bulgarische übersetzt wurde und dort als Wochenend-Beilage einer Zeitung erschien.


"Und wenn das alles vorüber ist; wenn sich das alles totgelaufen hat: Der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften der Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind, (...) dann wird einer kommen, der wird eine geradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Und hunderttausend schwarzer, brauner oder roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. Und die Leute werden wieder Mut zu sich selber bekommen, ohne Mehrheitsbeschlüsse und ohne Angst vor dem Staat, vor dem sie gekuscht hatten wie geprügelte Hunde! Und das wird dann so gehen, bis eines Tages ..."
Kurt Tucholsky, 1931 (1)



 

Im Schuljahr 1995/96 leitete ich einige Lesungen in westlichen Gymnasien mit einem kleinen Experiment ein: Ich bat Schüler und Lehrer, einen Stift zur Hand zu nehmen und - nachdem ich ihnen eine halbe Seite Text vorgelesen hätte - in ein, zwei Sätzen ihre Assoziationen zu notieren.

Dann las ich ihnen die Erinnerungen eines Lageraufsehers vor, der drei Jahre lang Häftlinge bewacht hatte. Er schildert darin Leichenberge, unter Steinen verscharrt und völlig verstümmelt. Er wußte, daß viele von ihnen Opfer medizinischer Experimente waren, daß Lagerärzte ohne Narkose operierten und unerforschte Mittel spritzten. In mindestens fünfzig Fällen hatte man Gefangenen die gesunde Leber entnommen ... Der Aufseher schilderte weiter, die Häftlinge seien so abgemagert gewesen, daß ihnen die Knochen durch die Haut schienen. Und daß er immer wieder Leichen mit zertrümmerten Köpfen sah, von Hunden zerrissene Kadaver. Häftlinge, die wegen geringfügiger Verstöße gegen die Lagerordnung monatelang in fensterlosen Verliesen isoliert wurden und, einen Holzscheit zwischen Unterschenkel und Gesäß, solange hockend ausharren mußten, bis ihre blutleeren Beine abzusterben begannen. Der Aufseher erinnerte sich auch, während der drei Jahre selbst Häftlinge abgestraft und geprügelt zu haben, ohne Gewissensqualen zu erleiden.

Nachdem ich geendet hatte, notierten Schüler und Lehrer, mit bedrückten Gesichtern. Die Assoziationen waren stets die gleichen eben: "Ein deutsches Konzentrationslager" stand auf dem Zettel oder "Deutschland vor 1945". Daraufhin holte ich jenen Spiegel-Artikel von 1995 hervor, dem der Text entnommen war. Es handelte sich um den Bericht eines erst kürzlich aus Nordkorea geflohenen Wachsoldaten, der drei Jahre lang in einem Umerziehungslager für Staatsfeinde eingesetzt war. Und nun folgte für gewöhnlich ein Bruch: Während die Schüler noch fassungsloser als vorher reagierten und nicht begriffen, wieso die Welt nicht aufschreit, vor allem, wieso dort niemand eingreift, um die Menschen zu befreien, zog sich ein Teil der Lehrer plötzlich in ein ungehaltenes Schweigen zurück. Nicht, daß sie den Horror gutgeheißen hätten - ihre Mienen verrieten, daß sie sich von mir getäuscht fühlten. Denn auch sie hatten "Nationalsozialismus" notiert, jene Zeit, in der sie sich auskannten und die sich niemals wiederholen darf. Das Leid der aktuellen Opfer war plötzlich wie weggeblasen; statt dessen trafen mich Blicke, die signalisierten: "Ein bißchen antikommunistisch ist diese Frau doch." Und einmal wurde ich gar gefragt, ob ich mit meinem Beispiel den Holocaust verkleinern wolle.

Die "Links"-Falle war wieder einmal zugeschnappt. Jenes Denkraster, das "rechte" von "linken" Diktaturen scheidet, und das selbst bestialisch gefolterte Opfer - sobald diese kenntlich sind als Opfer jener Diktatur, die "... ja im Kern mal etwas Gutes wollte" - im Kopf zu einer Masse gefrieren läßt, für die sich kein Handrühren lohnt. Diese (meist unbewußte) Kälte spüre ich nie, wenn ich über Opfer der NS-Zeit rede oder das Thema auf brasilianische Todesschwadrone kommt. Es ist ein Verhaltensmuster, das mir vornehmlich im Westen begegnet; hier allerdings nicht in der älteren Generation, die, ungeachtet des eigenen Anpassungsgrades während der NS-Zeit, immerhin über eine Diktaturerfahrung verfügt. Auch nicht unter jungen Leuten, die schon während des Jugoslawien-Krieges erfrischend organisch reagierten. Das Phänomen ereignet sich bei einem Großteil jener Generation, die 1968 keineswegs nur aufbrach, um gegen die deutsche Faltenrockordnung anzustänkern.

Wir und sie.
Es wäre billig, den zum Selbstbefreiungssport geratenen 68er-Schelten noch den i-Punkt Ost aufzusetzen. Ich war damals nicht dabei. (Hätte allerdings, ehrlich gesagt, auch lieber an der Love Parade des Sozialismus teilgenommen, statt von fetten Blauhemden gedrillt zu werden, hätte lieber mit Rudi Bekanntschaft geschlossen, statt mit einer beinharten deutschen Haftordnung). Also, ich war nicht dabei. Und bleibe deshalb besser Zaungast beim Dauerclinch, wie lange nun die große Party gedauert hat, wann genau die Dogmatiker zu Clowns geschrumpft sind oder sich die Ho-Tschi-Minh-Sprinter auf Richter- und Professorenstühlen eingerichtet haben. Und vom Innovationsschub der westeuropäischen 68er in Richtung Demokratie profitieren wir schließlich alle, ob nun die Richtung gewollt war oder nicht.

Anders verhält es sich mit einem Ost/West-Phänomen, bei dem ich nicht mehr nur Zaungast sein darf: die bis zur Aggression reichende Verständnislosigkeit zwischen 68ern und uns, der Parallel-Generation im Osten. Auch zehn Jahre nach der Vereinigung schwelt da latente Fremdheit.

Vergleicht man die deutsch/deutschen Generationen in ihrem Verhältnis zueinander, so ergibt sich ein Rhombus: An der oberen Spitze haben sich, sieht man von SED-Funktionären ab, die älteren Semester friedlich wiedervereinigt. Aufgewachsen sind sie allesamt noch in einem Deutschland, und von dorther stammen auch ihre wesentlichen, einander verbindenden Prägungen -Weimar, vielleicht noch Kaiser Wilhelm, und zwölf Jahre Nationalsozialismus. Dann aber laufen die Linien stracks auseinander. An den Außenpunkten siedelt nun jene deutsch-deutsche Generation, deren Leben sich in zwei Systemen gestaltete, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Hier liegt eine Prägungsdifferenz von mitunter mehreren Jahrzehnten vor. Daß nun wiederum die Generation unserer Kinder zwar etwas maulig, doch relativ unkompliziert zueinanderfindet, dürfte östlicherseits der Tatsäche geschuldet sein, daß der große Anspruch, das Umschmieden zum neuen Menschen, mit dem ökonomischen Verfall der DDR einem zwar bürokratischen, doch unübersehbar wurstelnden Pragmatismus wich, auf Kosten der ideologischen Schärfe. Daß ihre Eltern für das heimliche Hören von Beatles-Musik mindestens vom Abitur gestrichen wurden, war für Jugendliche der 80er Jahre jedenfalls schon ein bißchen Geschichte. Und es wurde beiderseits nicht mehr so heiß gelöffelt wie gekocht, denn auch die Kinder der K-Gruppen-Generation im Westen ließen sich nicht mehr so einfach auf den Revolutionsacker scheuchen.

Zwischen Jung und Alt der deutschdeutschen Therapiefall: Wir - besser gesagt, wir und sie. Beide wollten wir den Sozialismus. Nur hatten unsere Koordinatensysteme meist gegensätzliche Kurvenverläufe. Daran hat sich nur wenig geändert. Mit osteuropäischen Dissidenten waren wir stets d'accord und auch mit italienischen oder französischen Linken kommen wir heute problemlos ins Gespräch. Nur auf der deutsch-deutschen Begegnungsebene klemmt es, brechen trotz Dialogbereitschaft auf fast rituelle Weise die alten Muster durch. Schildert zum Beispiel ein Ostler, für welche Belanglosigkeit er von der Uni flog und anschließend nur noch als Heizer oder Friedhofsgärtner geduldet war, so folgt als Westantwort meist: "Bei uns gab es auch Berufsverbot!" Ist von drakonischer Zensur die Rede, lautet das Echo: "Wir hatten die Diktatur des Marktes!" Werden die Repressalien der Staatssicherheit geschildert, fliegen einem die Spitzel des Verfassungsschutzes um die Ohren, und gegen etwa 70000 tote DDR-Regimegegner wird Benno Ohnesorg aufgefahren wie ein Schutzschild. Dann geht man frustriert auseinander: Die Westler fühlen sich in ihrem antiimperialistischen Kampf nicht ernst genommen, den Ostlern bleibt der schale Geschmack, nicht nur nicht verstanden, sondern per Gleichsetzung glatt verhöhnt worden zu sein. Dabei basiert das Dilemma auf einem handfesten Grund: Die K-Gruppen-Generation hat, von phantasiebegabten Ausnahmen abgesehen, keine wirkliche Vorstellung, was Diktatur bedeutet. Und da ist dann eben noch die zweite Crux - ein kleines, durchaus verhängnisvolles Wörtchen: LINKS!

Links, zum ersten.
Nicht, daß ich je etwas gegen links gehabt hätte; es waren die Zuordnungen, die meist von westlichen abwichen, mitunter sogar diametral zu ihnen standen. Bei Heinrich Böll oder Nelson Mandela gab es noch keine Probleme, doch konnten solch seltene Harmoniemomente nicht darüber hinwegtäuschen, daß das, was Westlinken als links galt, für mich meistens rechts war. Und umgekehrt. Als, beispielsweise der 68er Autor Hans Christoh Buch 1988 im SFB das Selbstbestimmungsrecht auch der DDR-Bürger anmahnte, entlarvte ihn, während ich mich über diese klare, linke Halt gerade zu freuen begann, der SFB prompt als Rechter Für mich dagegen war ein Rechter, wer "Salzgitter" schließen wollte, weil mithalf die Mißhandlungen an wehr und rechtlosen Häflingen zu vertuschen. Nun wurde aber gerade der Mitvertuscher in sich als links verstehenden Westgazetten als Entspannungsfreund, als Linker gelobt. Und selbstverständlich galt ich, da ich die DDR heftig kritisierte, stets als Rechte.

Der Bannstrahl traf auch meinen Hamburger Freund P. : Einst ein glühender DKPist. Der hatte irgendwann die Nase voll vom höhnischen CDU-Spruch: "Geh doch rüber!" Der nahm irgendwann seine Sachen und ging tatsächlich rüber, ins bessere Deutschland. Zwar bekam er dort von der Stasi keinen Lada geschenkt wie Inge Viett, doch dafür ein Blauhemd und den proletarischen Händedruck von Egon Krenz, mit dem er nun Seit an Seit in Rostock am Sozialismus meißelte.

P. hat sich nicht bewährt. Etwas heller im Kopf als später die RAF-Genossin, gelang ihm immer weniger das optische Kunststück, Lüge, Raffgier und Korruption seiner Blauhemdfreunde zu übersehen. Und natürlich war auch der biographische Ausgangspunkt des Hamburgers denkbar schlecht für diesen Trip. Denn während wir Zonis in diesem Laden ja aufgewachsen und dementsprechend, abgehärtet waren, hatte unser Hanseat bisher in einem Freiraum gelebt, den er in dem Moment schätzen lernte, als er ihn nicht mehr hatte.

Irgendwann quälte ihn das Desillusionsfieber derart, daß er sich in seinen Westhafen zurücksehnte. Nun aber lernte er das Arbeiterparadies erst richtig kennen: Er stellte einen Ausreiseantrag, doch er durfte nicht weg, wegen des Image-Schadens. Zwischenbemerkung: Hohn hielte ich hier für unangebracht, ob DKP oder nicht. Ich finde es glaubwürdig, daß einer auch zu leben versucht, was er predigt. Und toll wäre es gewesen, die Sozialismus-Freunde wären massenhaft gekommen! Wir hätten es mit ihnen heute leichter. Zurück zu P.: Er gerät nun in die MfS-Maschine und landet schließlich im Knast, wegen "Staatsverleumdung". Vorläufiges Ende der DDR-Episode und Ironie der deutsch-deutschen Geschichte: Unser DKP-ler wird mit den Devisen des Klassenfeindes, wieder freigekauft.

Zurück in Hamburg und psychisch soweit runter, daß eine jahrelange Therapie ansteht, erklärt ihm nun die Hamburger Links-Schickeria, daß er die DDR falsch sehe. Sie stempelt Freund P zum Rechten. Für mich eine glatte Verdrehung der Realität, denn für mich sind die hanseatischen Salon-Bolschewisten die Rechten; der tapfere DKP-ler aber ist für mich durch seine Glaubwürdigkeit überhaupt erst zum Linken geworden, worauf der wiederum keinen Wert mehr legt.

Zwei Koordinatensysteme prallen aufeinander. Für mich ist eine Diktatur automatisch rechts, da hochgradig menschenverachtend, für die Hamburger Schickeria gibt es auch linke Diktaturen. Und nicht nur für die, sondern auch für die CDU ...

Für mich war Vaclav Havel Links, für die Hamburger Schickeria waren es die Polizisten, die ihn nicht aus der Wohnung ließen und statt dessen das Angebot unterbreiteten, ihm einen Sarg zu besorgen.

Während des Jugoslawien-Krieges waren die Linkesten für mich der GRÜNE Cohn-Bendit und der CDU-Abgeordnete Schwarz, weil die nicht kaltblütig zusahen, wie Zivilisten vergewaltigt, deportiert und erschossen wurden, sondern ein militärisches Eingreifen der Europäer forderten. Die sich bei den GRÜNEN aber Links nennen, das heißt jene, die dem Morden ungerührt zuschauten, beschimpften Cohn-Bendit als Rechten. Die Beispielsserie ließe sich beliebig fortsetzen, wobei in puncto Jugoslawien die absolut Rechten für mich die Genossen des "Neuen Deutschland" waren, die unverdrossen die serbischen Aggressoren lobten.

Soweit ich mich erinnere, haben solcherlei Worthülsen für mich vor der Wende keine Rolle gespielt. Gern wäre ich in eine Widerstandsgemeinschaft eingebunden gewesen, wie sie Anna Sabatova für die Charta 77 beschreibt: "Die politische Meinung war nicht wichtig. Wir waren gute Freunde, und wir haben gewußt, daß es verschiedene Meinungen unter uns gibt. Aber die Charta war auch eine Schule der Demokratie und der demokratischen Diskussion. Wir haben gelernt zu hören, was die anderen sagen, auch wenn sie andere Worte benutzten."(2)

Eine solche geistige Reife besaßen im DDR-Widerstand nur wenige. Doch nicht rechts / links entzündete die Gemüter, sondern der "Verrat", die Gretchenfrage von Bleiben oder Gehen. Der Worthülsenkrampf ist eine aus dem Westen eingeschleppte Krankheit, die wiedermal mit deutscher Gründlichkeit wütet. Frontstellungen und Rollenverteilungen des 19. Jahrhunderts, die besser als Pattex kleben.

Daß sich das Duo rechts /links nach 1989 allmählich in Luft auflösen würde, konnte nur ein Naivling hoffen: Es hätten dann alle Parlamente ihre Sitzordnungen neu definieren, alle Medien ihre bisherigen Zuordnungen überdenken müssen. Das Gegenteil war der Fall: So überlebt die alten Etikettierungen schienen, so zählebig prägen sie heute den politischen Alltag. Und so feiern wir in Tony Blair, der per Neoliberalismus Helmut Kohl längst rechts überholt hat, den Sieg der Linken, werden uns Polens gewendete Funktionäre auch weiterhin von Medien als "Linke Regierung" serviert. Und auch die GRÜNEN sind keine quer zum traditionellen Schema stehende Partei mehr, sondern eine linke.

Der Schnee von gestern ist jedenfalls der von heute und wird vermutlich auch der von morgen sein. Für Konservative bleibt links der Horror schlechthin, identisch mit Kommunismus, mit Diktatur und Gleichmacherei, Mißwirtschaft und Fremdbestimmung.

Für Westlinke dagegen wurde der Begriff nach 89 erstmal zum Horror vacui, Irritation durchzog das Tal. Mal wurde auf die Frage nach der Bedeutung des kleinen Wörtchens hilflos gealbert, mal die Schulter gezuckt. Mal Henry Maskes Linke gelobt, mal fand einer, links sei, "wenn man trotzdem lacht!" Kabarettist Hildebrandt ordnete immerhin noch zielsicher das frühe Christentum zu: Jesus = links, Paulus = rechts; doch Elfriede Jelinek, von ihren KPÖ-Genossen zusammengedonnert, Leute wie sie hätten Haider erst hoffähig gemacht, konnte gar nicht mehr sagen, was der Begriff eigentlich noch meint.

Links zerfiel plötzlich und bot eine Vielfalt wie ein gut sortierter Bäckerladen: Aus den Neulinken von 68 wurden die Alt-Linken, die dogmatische Linke sah sich der undogmatischen gegenüber, die ihrerseits mit der antiautoritären Linken ein Gespann bildete, Die unorthodoxe Linke grenzte sich von der orthodoxen ab, zwischenrein wurde Günter Grass ein starres, konservativ linkes Weltbild bescheinigt, es gab die tapfere unabhängige Linke und die melancholisch gestimmte heimatlose Linke. Nicht zu vergessen die Bankkonten-Variante: Im Sozialhilfebereich ist man linksradikal, danach einfach links, versehen mit einem der obigen Attribute, ab einer halben Million dann wechselt man zu links-liberal, das paßt besser zum feinen Tuch. Ach, und dann gibt es noch die ganz taufrische Linke, eine Wendeleistung von Gysi und Genossen.

Links kennt keine Grenzen. Ob du kochst wie Biolek oder Menschen entführst wie Markus Wolf: Hauptsache, die fünf Buchstaben zieren dein Button. Während Rechts das politische Todesurteil bedeutet, ist Links das "Sesam-öffne-dich" ins Reich der Guten, weshalb besonders Unsichere das Wörtchen wie eine Grubenlampe vor sich hertragen. Als Kinder hatten wir mal ein Spiel: Einer mußte die anderen fangen. Wem es aber gelang, sich schnell auf ein Bein zu stellen, zwei Finger zu verschränken und "zick!" zu sagen, der durfte nicht mehr berührt werden. Links ist gewissermaßen das "Zick!" der westlichen Erwachsenenwelt - überschaubare Spielregeln einer Schubladengesellschaft. Wer links ist, braucht kein Schamgefühl, keinen menschlichen Anstand, kein Geschichtswissen: Er befindet sich a priori auf der Seite der Guten. Und nur auf dieses eine Wort reagiert der Reflex: Du kannst einen Linken einen Lügner, Raffke, Menschenfeind nennen, es wird ihn kalt lassen. Selbst "Kinderschänder" dürfte an ihm abperlen wie Regen am Ostfriesennerz. Doch nennst du ihn einen Rechten; dann geht er hoch wie eine Rakete.

Noch immer schwimmt der Begriff, gibt es diametrale Deutungen. Doch wer möchte schon exkommuniziert werden? Auch gebrannte Ost-Kinder betreten nun den alten, westlich ausgetretenen Lehrpfad: Auf einem Jenaer Seminar ordnete ein sympathischer Bürgerrechtler Lenin unter links ein, Stalin aber unter ganz grausam links. Nicht eben glücklich damit, stellte er die hilflose, doch nicht unberechtigte Frage: Was hat Pol Pot mit Rosa Luxemburg zu tun?

Der Mythos der grande révolution.
Dem Zwiespalt nachspürend, legen wir einmal die aktuelle Selbstdefinition der Westlinken als vergleichenden Maßstab an. Links sein heißt heute, grob gebündelt, sich um die Interessen der Schwachen zu kümmern und "Werte wie Solidarität, Gleichberechtigung und demokratische Mitwirkung zu befördern" (NRW-GRÜNE 1997). Dem könnte ich mich als Ostlinke voll anschließen. Nur wirft diese milde Definition Fragen auf, über die ich nicht hinweggehen kann, da sie mit Millionen von Ermordeten verknüpft sind: Gibt es eine linke Diktatur? Und wer in der Geschichte der Linken hält obiger Definition stand?

Die originären Linken, die Jakobiner, schon mal nicht. Denn die grande révolution hieß eben nicht nur Sturz des ancien régime, Deklaration der Menschenrechte oder völkerumschlingende Ereignisse wie der Aufstieg von 3000 Vögeln, die mit ihrer in alle Richtungen getragenen Zettelbotschaft "Wir sind frei, ahmt uns nach!" noch uns Friedensbewegten und Demokratie-hungrigen des 20. Jahrhunderts Tränen der Rührung in die Augen trieben. Da gab es von Beginn an auch Kähne mit gefesselten Menschen, die versenkt wurden, sahen sich die ersten 3000 "Verdächtigen" einem Mob ausgeliefert, der sie auf kannibalische Weise tötete. Der Sturm auf die Bastille, jener prometheische Moment, dauerte einen wundervollen Tag lang. Doch was ist mit dem Rest des Revolutionsjahrzehnts? Mit jener nicht abebbenden Welle von Gier und Wahnwitz, welche die Volkssouveränität rasch in eine Orgie des Fallbeils verwandelte?

Schon das Revolutionstribunal, bei dem jeder seinen mißliebigen Nachbarn zum Schafott schleifen lassen konnte, währte ein Jahr lang. Ein Jahr; in dem die Utopie von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit im Blut ertrank. Ist es links, daß Wissenschaftler geköpft werden, weil es unbrüderlich ist, mehr von Chemie zu verstehen als seine Mitbürger? Daß 6jährige verhaftet werden, weil sie "nie Patriotismus an den Tag legten?" Viele Verhaftungsprotokolle des linken Robespierre ähneln übrigens den späteren von Pol Pot: "Sie haben Geist und können daher schädlich wirken..."

Sind die Jakobiner nun Linke oder ein Haufen Fanatiker, der nur das auslebt, was alle Durchgeknallten ausleben, sobald ihnen Macht zufällt: Haß auf alles, was nicht so tickt wie sie, Haß, garniert mit großkalibrigen Worthülsen? In der Jakobinerherrschaft wird der Killerinstinkt zum politischen Maß. Das Beil trifft schlechterdings alle, die ihm nicht durch Zufall entgehen: Katholiken, weil sie zu viel ... Atheisten, weil sie zu wenig glauben; Dantonisten, weil sie meinen, daß die Gouillotine zu viel ... Hébertisten, weil sie meinen, daß sie zu wenig arbeite. Die Realität dieser Zeit ist Angst. Und gleichzeitig, quasi zum Staccato der Gouillotine, spielen in Paris 23 Theater. Kennen wir das nicht aus unserer Geschichte?

Hätte die Historie dem strebsamen Mittelschulprimus Robespierre nicht den Ball des Tyrannen zugeworfen, er hätte die übliche Laufbahn eines Mittelschulprimus seiner Zeit absolviert: Winkeladvokat, Buchhalter, Polizeispion. Was aber ist an diesem Eiferer nun links?

Nach allem Selbstverständnis heutiger West-Linker müßte ihr grande héros doch Graf Mirabeau sein, der blatternarbige, ungepuderte Löwenkopf, dessen Parlamentsreden in Chateaubriands Erinnerung wie Wolkenbrüche und Feuersbrünste daherkamen, und der eben jene vierte Partei bildete, die stets nur durch Einzelpersonen vertreten ist - die des Könnens und des Wissens, der Tüchtigkeit und Intelligenz? Mirabeau ist ein Mann des Maßes statt der Mordlust: Er steht an der Seite der Jakobiner, als die (zunächst) keinen Krieg wollen und er stellt sich gegen sie, als sie das radikale Morden einläuten, genannt: "radikale Demokratie". Für sogenannte Linke, die sich für Worthülsen interessieren statt für Menschen, schied Mirabeau allerdings gleich im doppelten Sinn als Identifikationsfigur aus: Er war Graf (also falsche Klassenzugehörigkeit), und er hatte keine Theorie (gern Utopie genannt), in die er Menschen pressen wollte.

Im späten 19. Jahrhundert, während eines Nachmittagstees bei befreundeten Aristokraten, schwanen Karl Marx offenbar die Folgen der von ihm auf dem Papier entworfenen Welt einer "egalitären Nichtentfremdung": "Diese Zeiten werden kommen, aber wir müssen dann fort sein" - 1917, als sich mit Lenin eine selbsternannte Junta im Namen der Arbeiterklasse an die Macht putscht und die ersten Millionen Versuchskaninchen eine neue, totalitäre Welt in Marxens Namen auszuhalten haben, ist der Bärtige längst glücklich von dannen. Doch hält mit den Bolschewiki nun ein Begriff Einzug ins Schubladenvokabular, der die Realität nicht mehr nur verkleistert, sondern sie per Propaganda geradezu auf den Kopf stellt, die "Diktatur des Proletariats". Von nun an Markenzeichen und Schutzschild von Terrorsystemen, die sich "sozialistisch" nennen.

Ist Lenin ein Linker?
Kaum an der Macht, werden örtliche Sowjets, Agrarkommunen und Gewerkschaften bekämpft, die Kirchen geschleift und demokratisch gewählte Arbeiter- und Bauernräte zusammen-geschossen. Eine Diktatur des Proletariats wird es nie geben, weder in der Sowjetunion noch in einem ihrer späteren Vasallen-Staaten. Die neue "sozialistische" Gesellschaft wird strikt von oben gemanagt, von sogenannten Berufsrevolutionären samt ihren Institutionen, Armeen und Geheimdiensten. Und der neue, alte Karriere-Modus: Nun heißt es nicht mehr Der König kann nicht irren!, sondern Die Partei hat immer recht!, sprich: die Funktionäre an der Spitze. Wer dieses Prinzip rasch inhaliert, wer seine niedrigen Eigenschaften skrupellos zu guten umlügen kann, wird Revolutionär.

Bereits die erste selbsternannte proletarische Auantgarde, von Rosa Luxemburg zu Recht als Verschwörerkomitee im Namen eines nicht existierenden Volkswillens und Cliquenwirtschaft bezeichnet, steuert Rußland ins Chaos und eine Mordmaschinerie, die bereits vor dem Machtantritt Stalins verheerende Folgen zeitigt: Ob Trotzkis Massenerschießungen, die sieben Millionen hungernder Kinder, die 1922 durch Rußland irren oder die Konzentrationslager, in denen seit 1923 nicht nur die einst herrschende Klasse verschwindet, sondern auch Anarchisten und Geistliche, wahrheitsliebende Offiziere der Roten Armee, kritische Künstler und Intellektuelle - die Realität bereits der frühen Sowjetunion trägt alle Insignien eines rechtsradikalen Systems. Nach Auskunft des Moskauer Philosophiedozenten Igor Tschubais vernichtete die neue Staatsmacht in ihren Aufbaujahren fast zehn Millionen eigener Bürger.

Dagegen nimmt sich Stalins Entree als sozialistische Kultfigur mit knapp fünf Millionen Hungertoten, mit denen die Ukraine und der Kaukasus abgestraft werden, zunächst fast bescheiden aus. Was dann ab 1934 an Massenmorden hinzukommt, ist in Moskauer KGB-Archiven in 30 Millionen Dossiers festgehalten, von denen laut Memorial bisher nur ganze zehn Prozent zugänglich sind.` Während Hunderttausende bald nach der Verhaftung wie tolle Hunde abgeknallt werden, finden sich zwischen 1929 und 1963 rund 21,6 Millionen Menschen in Konzentrationslagern wieder. Ein Drittel der "Volksfeinde" und "Sozialismusfeinde" wird auch dort zügig hingerichtet, ein weiteres stirbt infolge unmenschlicher Lagerbedingungen, nur ein Drittel kann die Hölle noch lebend verlassen - buchstäblich gerettet durch Stalins Tod. Die meisten von ihnen befinden sich in einem Gesundheitszustand, der sie ihre Freilassung nur um kurze Zeit überleben läßt.

Wie kann man Lenin einen Linken, Stalin einen ganz grausam Linken nennen? Nur, weil sie für ihre Mordorgien die humanistischsten Vokabeln der Menschheit benutzen? Mit dieser an Demagogie nicht zu überbietenden Methode setzen die "Väter aller Werktätigen" den größten Halluzinationsschub des 20. Jahrhunderts in Gang. Halluzinationen, die noch in der deutschen Lehrerschaft des Jahres 1997 und selbst bis ins erste Jahr des 21. Jahrhunderts nachschwingen, und nicht nur dort: Die Versklavung des Volkes wird von 1917 an "proletarische Revolution" genannt, die mörderische Stechuhr-Schinderei "sozialistische Kollektivierung", der Massenmord "Entlarvung von Volksfeinden und .Antikommunisten", die schwerste Unterdrückung nennt sich "sozialistische Demokratie". Mit ihrem propagandistischen Coup, ungeachtet ihres mörderischen Treibens die wohlklingendsten Menschheitsbefreiungsideale zu besetzen, werden plötzlich massenhaft Potemkinsche Dörfer gesichtet und unter religiöser Verzückung gelobt. Damit - das Ganze nennt sich mal Sozialismus, mal Kommunismus - sind die historischen Spielregeln des 20. Jahrhunderts diktiert.

Wer sich in ihrem Machtbereich befindet und diese Spielregeln nicht einhält, wird in, harten Zeiten mit Tötung bestraft, später, in unserer "commoden DDR-Diktatur" zum Beispiel, nur noch mit Gefängnis und Bildungsverbot.

Doch auch die Gegner übernehmen die bolschewistischen Spielregeln, mit grotesken Folgen: Seit 1917 wird der Kommunismus verteufelt - eine keineswegs wünschenswerte, doch eben auch nie in der Realität existierende Gesellschaftsform. Es ist der Kampf gegen eine Schimäre, mit einem tollen Effekt für die Tyrannen: Sie halten schließlich die linke Utopie besetzt, haben Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit schon verwirklicht, aufgehoben im Kommunismus. Ist jemand nun Antikommunist, vielleicht weil er die Unterdrückung in der Sowjetunion empörend findet, erntet er sofort die demagogische Retourkutsche: Er wird zum Feind des Proletariats erklärt, zum Feind von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.Und zusätzlich ist er ein Kriegstreiber, da ja die Sowjets, die im Handumdrehen 22 Völker kolonialisiert haben, auch auf dem Wort Frieden sitzen. Zudem ist ein Faschist, wer den Hort des Antifaschismus angreift. Und während nun unser Sowjetgegner verblüfft nach Luft ringt, hat er schon eine Meute Linker auf dem Hals, die alle für Frieden und Sozialismus sind und die nun den Genossen in Moskau solidarisch zuwinken.

Diese Spielregeln, in nimmermüder Propagandaschau der Welt eingehämmert, sind nur von wenigen wirklich durchschaut worden. Von Hannah Arendt zum Beispiel, die dafür von den Westlinken als "Antikommunistin" beschimpft wurde, von Ossietzky, Tucholsky, Solschenizyn und anderen wachen Zeitgenossen, die ich nun durchweg als links bezeichnen würde, auch wenn etliche von ihnen bei diesem Wort aus eigener Erfahrung von kaltem Grausen heimgesucht werden.

Links, wo das Herz ist.
Der Glaube an ein neues Heil hat viele erfaßt, zumal in trostlosen Zeiten. Oskar Wilde widmet schon 1891 der Kunst des Sozialismus einen Essay, Feinenger entwirft eine Kathedrale des Sozialismus, George Grosz tritt in den "Dienst an der Sache der Revolution". Als Kommunist fühlt sich, wenn auch nur vorübergehend, auch Piscator.

Das Licht, das aus dem Osten herüberscheint, weckt Hoffnung. Und nicht nur unter den deutschen Linken, sondern auch vor Ort. Der Terror der frühen Sowjetunion wird zunächst von einem menschheitsumschlingenden Rausch überlagert. Wer in Moskau lebt, nicht gerade erschossen wird oder noch rechtzeitig emigrieren konnte, genießt mitunter jenen Pusch mit Massenumzügen und Revolutionsspektakeln, der weiland 1789 schon die Franzosen vom Hocker riß. Nur ist das hier alles gigantischer: Spie in Paris noch Mutter Natur Wasser aus riesigen Pappbrüsten, so wird nun in einer Monumentalschau mit 10000 Statisten und 100000 Zuschauern noch einmal das Winterpalais gestürmt. Die neue Zeit ist nicht nur Mord, sondern auch ein Manifest aus Fabriksirenen und Lokpfeifen. Über die Leinwand rauscht der Panzerkreuzer Potemkin und in den Städten, die nun nicht mehr abgeschafft werden sollen wie in der grande révolution, sondern in eine amerikanische Gigantomanie gestemmt werden, halten Stahl-Ballette und Eisengießer-Symphonien Einzug.

Schwerer ist es, hinter die Kulissen dieses riesigen Revolutionsspektakels zu schauen, zumal von außen, als später während der deutschen Olympiade von 1936. Reisen sind selten und Fernsehen gibt es noch nicht; die neue Presse aber zeigt keine Leichenberge, sondern strahlende Sowjetbürger. Bilder, deren Faszination auch die Linken der Weimarer Republik ergreift. Die Revolution stellen sich nun viele als glückliches Umarmen und Händereichen der Völker nach dem Blutbad des Ersten Weltkrieges vor.

Doch was haben Otto Dix, Käthe Kollwitz oder Erich Mühsam mit Lenins und Trotzkis Terror zu tun? Wie sollten sie erkennen, welches Amalgam 1920 für den russischen Hunger tatsächlich verantwortlich ist? Entscheidend bleibt die Frage des persönlichen Verhaltens, sobald - mit zunehmendem Wissen - der Desillusionierungsprozeß einsetzt. Käthe Kollwitz notiert im Oktober 1920 in ihrem Tagebuch: Ich schäme mich, daß ich noch immer nicht Partei nehme und vermute fast, wenn ich erkläre, keiner Partei anzugehören, daß der eigentliche Grund dazu Feigheit ist. Eigentlich bin ich nämlich gar nicht revolutionär, sondern evolutionär, weil man mich aber als Künstlerin des Proletariats und der Revolution preist und mich immer fester in die Rolle schiebt, so scheue ich mich, diese Rolle nicht weiterzuspielen ... Ich bin in den 50er Jahren, ich hab den Krieg durchlebt ... und Peter und die tausend anderen Jungen hinsterben sehn, ich bin entsetzt und erschüttert von all dem Haß, der in der Welt ist, ich sehne mich nach dem Sozialismus, der die Menschen leben läßt und finde, vom Morden, Lügen, Verderben, Entstellen, kurzum allem Teuflischen hat die Erde jetzt genug gesehen. Das Kommunistenreich, das sich darauf aufbaut, kann nicht Gottes Werk sein..."(3)

Mehr und mehr Informationen über die Kehrseite der menschheitsumschlingenden Revolution dringen nach Deutschland. Und damit sortiert sich während der 20er Jahre die Linksfront: Während Parteikommunisten wie Friedrich Wolf und Johannes R. Becher jede Parole Moskaus nachbeten und ständig Nichtkommunisten wie Döblin, Toller oder Tucholsky der "Konter-revolution" bezichtigen, reagiert der Radikaldemokrat Carl von Ossietzky 1928 in der Weltbühne mit einer Beobachtungsgabe, die man beim Gros der Westlinken noch Jahrzehnte später vergeblich sucht:

"Und es gibt auch ganz Schlaue, die sagen: ‚Das versteht ihr nicht. Rußland darf nicht den Maßen des Westens unterworfen werden, es hat seine eigenen Gesetze.‘ Das ist nicht neu. Das haben wir alles schon von den Henkern und Prügelmeistern des Zarismus gehört, wenn sie bei der verachteten westlichen Zivilisation Visite machten. Gewiß hat Rußland sein Eigentümliches und Unbegreifliches, wie jedes andere Land auch. Aber niemand kann mir einreden, daß Rußland sein eigener Kosmos sei, mit eigenen Sonnen und Sternen, von anderen Wesen bewohnt, infolgedessen mit anderen Lustund Schmerzgefühlen. Das bißchen Freiheitsgefühl in jeder atmenden Brust kennt auch der geschundenste Muschik." (4)

Im gleichen Aufsatz wirft von Ossietzky den Sowjetfunktionären "Knebelung des Wortes" und "administrative Verschickung in Steppen, Eiswüsten und Pestgestank" vor. Deutlicher teilt sich nun die Truppe in Linke und Kollaborateure. Während Becher und Wolf bald darauf in die SU emigrieren, wo sie noch in der größten Mordwelle an Stalins Lippen hängen und dafür bei der Gründung der DDR mit hohen Kulturfunktionen belohnt werden, bleibt Carl von Ossietzky in Deutschland. Er wird kurz nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten im KZ ermordet.

Nicht Worthülsen, sondern die Glaubwürdigkeit des einzelnen sollte Maßstab der Bewertung sein. Wenn Osip Mandelstam in der Zeit des größten Terrors mehrfach öffentlich bekennt: Ich bin ein Zeitgenosse Anna Ach..........dann landet er dort, wo auch in der Sowjetdiktatur die Linken landen, um meist nicht wieder aufzutauchen - im KZ. Wenn Maxim Gorki 1929 im Staatsauftrag ein sowjetisches Vernichtungslager aufsucht und anschließend enthusiastisch von den Erfolgen bei der Umschmiedung des Menschenmaterials (...) berichtet, dann überholt er in puncto Nicht- Sehen-Wollen noch jene Rotkreuzdelegation, die zehn Jahre später das KZ Ravensbrück aufsucht und dem Lager anschließend eine dem Menschen zumutbare Ordnung bescheinigt.

Links, zum zweiten.
Kann eine Diktatur, die ja stets mit Massenunterdrückung, Einparteienherrschaft, Mord und Rechtlosigkeit einhergeht, links sein? Das hieße ja, daß sie Werte wie Solidarität, Gleichberechtigung und demokratische Mitwirkung fördert. Werfen wir einen kurzen Blick nach Asien, wo die "sozialistische Revolution" besonders hart zugeschlagen hat: Seit 1950, seit China Tibet überfiel und annektierte, sind wir Zeuge eines Vernichtungsfeldzuges, der etwa 1 Million Tibetaner das Leben kostete und fast die gesamte buddhistische Kultur des Landes zerstörte. Ist es links, Mönche und Nonnen zu foltern und sie zu Hunderttausenden in Arbeitslagern verschwinden zu lassen?

Und das Imperium des Roten Kaisers selbst? Alles in allem gingen in China etwa 900 Millionen Menschen durch den "sozialistischen" Durchlauferhitzer, das ist mengenmäßig etwa so viel wie die Bevölkerung Europas und Nordamerikas zusammen. Mao, dessen Spruch Die Macht kommt aus den Gewehren von einer westdeutschen linken Laienschar so niedlich nachgespielt wurde; war nicht der Bahnbrecher der Revolution, sonder Rekordbrecher: Nachdem bei der kollektiven Landreform zunächst 4,5 Millionen Menschen den revolutionären Hungertesten, gelingt beim Großen Sprung nach vorn in den Sozialismus schon der Tod von 40 Millionen Chinesen. Die 1,8 Millionen Toten der anschließenden Großen proletarischen Kulturrevolution nehmen sich dagegen wie ein revolutionärer Krebsgang aus. Dafür werden nun reichlich Tempel, Museen und Bibliotheken verwüstet. Und eine Generation von Killermaschinen in Marsch gesetzt: Schüler, die auf Kommando in ihren Lehrern und Eltern plötzlich die Verräter der Revolution entdecken und diese - im Namen der großen Utopie selbstverständlich - erbarmungslos prügeln, foltern und oft genug totschlagen.

Mao, dessen Hauptinteresse dennoch nicht der Revolution, sondern seinem Stuhlgang, dem Schwimmbad und dem Entjungfern junger Genossinnen galt, soll sich nach Auskunft seines Leibarztes gerade die grausamsten und skrupellosesten Tyrannen der Weltgeschichte zum Vorbild genommen haben. Verkleinert es die deutsche Schuld am Holocaust, das zu erwähnen? Verkleinert es den Holocaust, zu erwähnen, daß Pol Pots anderthalb Millionen Opfer statt eines gelben Sterns einen blauen Schal tragen mußten? Daß die marxistisch gut geschulten roten Khmer nach Exekutionen auf ihren Todeslisten jeweils ein ordentliches zerschmettert in die Maschine tippten?

Ob Lenin, Stalin, Kim il Sung, dessen Sohn oder der erst beim Einbalsamieren verunglückte Mao - streicht man die ganze linke Propagandaschau, bleibt eine faschistische bis megafaschistische Realität übrig. Mit einem Leichenberg, der seit 1917 kontinuierlich auf die 100-Millionen-Marke zuwächst. Und macht es einen Unterschied, ob über einem KZ-Tor "Arbeit macht frei" steht oder, wie in der Sowjetunion, "Laßt uns mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreïben"?

Und selbstverständlich wurden auch in den sogenannten "sozialistischen" Diktaturen stets die Linken verfolgt, nämlich genau jene, die sich für Menschenrechte einsetzten, für Gleichberechtigung und Demokratie. Die Speichellecker und Kollaborateure waren da weniger gefährdet. Und so verschwindet eben nicht der Vater von Markus Wolf im Sowjet-KZ, sondern die Frau von Erich Mühsam und die linke deutsche Schauspielerin Carola Neher, deren Kind in einem Waisenhaus landet.

Die commode DDR-Diktatur.
Die von Günter Grass als commode bezeichnete SBZ/DDR-Diktatur beginnt mit der Weiterführung von Konzentrationslagern, mit willkürlichem Terror, Verhaftungen und Deportationen in die Sowjetunion. In seinem Buch "Der SS-Staat" schildert Eugen Kogon das Fortwirken eines unheilvollen Mechanismus: "Ende 1947 und Anfang 1948 fragte ich Kommunisten, mit denen ich jahrelang in Buchenwald gewesen war, und führende Mitglieder der in der Ostzone herrschenden Einheitspartei, ebenfalls politische Gefangene von einst, was sie von einer derartigen Entwick-lung dächten. Einige meinten, gefährliche politische Gegner müsse man eben einsperren und unschädlich machen; sie gaben offen zu, daß ihre Methode zu diesem Punkt sich von der des Nationalsozialismus nicht unterschied (5)

Doch die Methode unterscheidet sich in anderer Hinsicht: Zwar setzt sich der Terror fort, doch die Propaganda steht genau seitenverkehrt zur vorherigen. Das humanistische Vokabular wird nun besetzt, nach bewährtem Sowjetmuster. Während sich zum Beispiel der "Volksgerichtshof gar nicht erst den Anstrich von Demokratie gab, wird nun im Namen der Demokratie verhaftet, hängen während der Schauprozesse Transparente wie "Das Volk straft jeden hart, der seinen de mokratischen Aufbau stört!" im Gerichtssaal.

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Die Moskau-Funktionäre unterdrückten das Volk beim Versuch, eine Demokratie aufzubauen. Die Realität wird einfach mittels Propaganda auf den Kopf gestellt: Plakate kleben für eine demokratische Ordnung gilt als Anschlag auf die demokratische Ordnung, Bürger, die den Terror anprangern, werden zu "Kriegshetzern", Ulbricht-Kritiker zu "Faschisten". Eine seit 1918 bewährte Methode, die nun auch vierzig Jahre DDR prägen wird, mittels Propagandakeulen wie "Neues Deutschland" und "Junge Welt", mittels Rundfunk, Fernsehen und fast der gesamten zensierten Presse.

Demonstrieren läßt sich dieser demagogische Coup an den bisher noch wenig beleuchteten Massenverhaftungen von Jugendlichen in der frühen DDR. Die 1997 in der Moskauer Ljubljanka aufgefundenen Verhörprotokolle von Tausenden von Jugendlichen verweisen auf das stets gleiche Muster. Mitunter werden Jugendliche ganz willkürlich abgeräumt, vermutlich zur Abschreckung der Bevölkerung. In einem Roßlebener Gymnasium beispielsweise verhaften die Sowjets nach Körpergröße; die Schüler werden in der Moskauer Ljubljanka wochenlang mißhandelt, um ihnen die gewünschten Geständnisse abzupressen. Dann wird das Kollektivstrafmaß 10 Jahre sowjetisches Arbeitslager verhängt; die wenigen Jungs aber, die das Pech haben, bereits 18 Jahre alt zu sein, werden erschossen.

Selbstverständlich lautet das Urteil der Terroristen vom NKWD über ihre Opfer: Terrorismus und konterrevolutionäre Umtriebe. Und es werden zunehmend Jugendliche wegen ihres Kampfes für Demokratie verhaftet. Allein 1950, im Jahr der ersten SED-Einheitswahl, registrieren die Moskauer Akten fast 4500 Fälle.

Wieder stellt sich die Frage: Wer in diesem für alle Demokraten aussichtslosen Machtkampf sind die Linken? Etwa die Brutalos des Terror-Regimes? Was ist links daran, Jugendliche nach ihrer Verhaftung zu foltern, junge Mädchen solange mit der Hundepeitsche zu schlagen, bis sie etwas gestehen, das sie nicht getan haben? Was ist links an der Terrorisierung einer Bevölkerung, der Vertreibung von Menschen aus ihren Häusern, der Enteignung von Bauern? Die illegalen Protestaktionen der Jugendlichen richten sich durchweg gegen die Abschaffung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Und gerade sie, die erst mühsam verdaut haben, für welch verbrecherische Ideologie sie in HJ und BDM mißbraucht worden sind, reagieren besonders sensibel auf Gleichschaltung und uniformierte Aufmärsche.

Diese Jugendlichen sind für mich die erste linke Opposition der DDR, ergänzt durch zahlreiche Erwachsene. 1949, kurz vor Stalins Geburtstag, basteln ein paar Schüler einen illegalen Radiosender, um die verlogene Festansprache von Wilhelm Pieck mit einem Brummton zu stören und ein paar eigene Kommentare dazuzumischen. Das, sollte man meinen, müßte doch so recht nach dem Geschmack westlicher Spontis sein?! Die Verhaftung der Störer erfolgt durch die K 5, die spätere Staatssicherheit: Drei der Gefaßten werden zum Tode verurteilt, die anderen zu langjährigen Haftstrafen. Hat jemals ein Westlinker zusätzlich zu Benno Ohnesorg dieser Jugendlichen gedacht? Ganz im Gegenteil: Noch heute erzählen nicht wenige linke Westlehrer ihren Schülern, zu Beginn der DDR hätten die Funktionäre um Pieck und Ulbricht durchaus etwas Positives gewollt.

Die Realität war eine völlig andere. Während sich im Parteiapparat, in Justiz, Polizei und Staatssicherheit Gehorsamsdrill, Speichelleckerei und Untertanengeist auch unter einer neuen Parolendecke rasch wieder entfalteten, wurden Linke stets mit besonderem Eifer verfolgt. Menschen zunächst wie Heinz Brandt oder Robert Bialek, der als Kommunist im Zuchthaus der vorherigen Diktatur saß und seine vermeintlichen Genossen nun als das anprangert, was sie sind: reaktionär, korrupt und skrupellos menschenverachtend. Linke, das waren alle, die diesem reaktionären Regime die Stirn boten -Christen und Atheisten, Kommunisten und Sozialdemokraten. Später sind es Frauen und Männer, die für Abrüstung eintreten, für jedem Westler selbstverständliche Menschenrechte, die sich um eine rücksichtslos zerstörte Umwelt sorgen. So wurde Mitte der 80er Jahre als Staatsfeind registriert, wer seinen maroden Hinterhof mit Knöterich begrünte. In solchen Fällen kamen die Vopos dann mit der Heckenschere, um die "Verschandelung" zu entfernen und anschließend Meldung zu erstatten,

Für viele Westlinke waren wir die Rechten, die Kalten Krieger und Entspannungsfeinde. Mit unserem Regime und seinen Repräsentanten dagegen, die sich ja sozialistisch nannten, kamen sie besser zurecht. Einem Regime, das unter der linken Tünche de facto ein rechtsradikales war: Dessen Funktionäre Jugendliche in Torgau wie Schwerstverbrecher hielten, Familienväter für Jahre wegen eines Ulbricht-Witzes wegsperrten; die Menschen, die das System satt hatten, am Stacheldraht wie Hasen abknallten oder in den Westen verkauften wie Exportartikel. Die antisemitisch waren und ausländerfeindlich, "sexuell Abweichende", sprich: Schwule, erpreßten und die zwar jede Punkergruppe zersetzten, doch mit Skinheads nie ein Problem hatten. Die Bildungs- und Berufsverbot über jeden verhängten, der nicht mitlügen wollte. Und die nicht etwa jedem DDR-Bürger einen Arbeitsplatz boten, wie noch heute zahlreiche Westlinke die Lügen der PDS nachplappern, sondern solche Menschenmassen in die Flucht trieben, daß die DDR schließlich unter Arbeitskräftemangel litt, vor allem im Bereich der niederen Tätigkeiten. Die Frauen der daraufhin eingeflogenen und streng kasernierten Billigarbeiter aus Vietnam und Moçambique standen, auf daß sie keine Farbtupfer in unseren reinrassigen Stacheldrahtverhau setzen, unter Abtreibungszwang. Und mußten, wenn der Abbruchzeitraum überschritten war, "die vorzeitige Heimreise antreten", wie es im letzten Maßnahmeplan von 1987 heißt, natürlich auf eigene Kosten. Die Beispiele sind fortsetzbar.

Wieso dieses Realprogramm nicht rechtsradikal ist, konnte mir noch kein Westlinker erklären. Nur die Reaktionen ähneln denen, die ich bei meinem Nordkorea-Text erlebte: Selten ein Innehalten, um über die ungewohnte Optik nachzudenken. Dafür fast immer ein entsetztes Zucken, dem der inhaltsschwere Satz folgt: "So kann man das aber nicht sehen!" Frage ich: "Wieso nicht? Sollte ein Linker nicht interessiert sein, das Wesen eines Systems zu erfassen?", wird das (nicht ganz zu Unrecht) als persönlicher Angriff gewertet und rasch das Gesprächsende eingeleitet.

Diese stets wiederkehrende reflexartige Abwehr zeigt, daß die Spielregeln der alten Komintern sich tief im Hirn des westlinken Wirtes eingenistet haben. Den Erfolg wissen besonders die Funktionsträger und Spitzel des SED-Regimes zu schätzen, die sich seit 1990 mit allen Finessen auf links trimmen und schon jetzt nur noch ein "Schmuddelkinder-Image" zu überwinden haben. Schneller aus der Linksfalle herausgefunden haben übrigens die rechten Kameraden aus dem Westen: Nachdem Herrn Schönhuber bereits 1992 schwante, daß die DDR wohl das deutschere Deutschland war, wissen Rechtsextreme inzwischen die "ethnische Reinheit", den "deutschen Charakter der Bevölkerung in Mitteldeutschland" und den Stechschritt der NVA zu schätzen.

Links, zum dritten.
Nach dem Schiffbruch des "Sozialismus" wurde etwas voreilig das Ende des ideologischen Zeitalters ausgerufen. Doch so einfach lassen sich Utopien nicht abschütteln. Wunschdenken, Schock und Trauer durchziehen nun die Symposien der Westlinken - und während die einen die Linke mausetot wähnen, begraben unter den Trümmern des Sowjetreiches, klammern sich andere an die Restplanken. Nicht wenige zeigen sich von den Ostlern enttäuscht, daß sie das schöne Projekt für schnöde Bananen haben platzen lassen.

Eine Partei aber schickt auf die melancholische Frage, ob die Linke überhaupt noch existiere, sofort ein aufmunterndes "Jawoll!" herüber. Sehr rasch hat die SED/PDS erkannt, daß sie nur dann eine Zukunftschance hat, wenn es ihr gelingt, sich in die Linke einzunebeln. Und so beginnt, nachdem die Genossen mit Immobilien versorgt und Milliarden von Volksvermögen beiseite geschafft sind, das face-Lifting der IM-Truppe um Gysi, Brie und Harnisch. Als kosmetischen Zwischenschritt hatte man in den Wende-Monaten bereits ein paar Leidensfurchen auf die Stirn gezaubert, Zeichen eines tapferen Widerstandskampfes gegen Honecker, Mielke & Co. Nun aber wird ein großer Frischzellen-Posten geordert, Marke Links mit Pfiff, den FDJ-Damen verpaßt man zusätzlich ein paar color-packs fürs Haar ...

Es ist soweit: Locker springt die Partei des Sozialismus auf einen Leichenberg von zig Millionen, den der "Sozialismus" seit 1917 hinterlassen hat, um zu erklären, daß dieser Sozialismus noch nicht der richtige war, daß der erst kommen wird, weil die Idee gut ist. Die stalinistische und damit die eigene Vergangenheit abzustreifen, bleibt keine Zeit, auch will man die alten Genossen nicht verprellen. Da wird in den nächsten Jahren noch mächtig nachgearbeitet werden müssen.; Die Kalkulation geht auf, die Rechts/Links-Schubladen erweisen sich als solide deutsche Wertarbeit. Bereits 1994 schwärmt Lafontaine von einer Renaissance der Linken. Mit einer Strickwaren-Kampagne wiederum trieb CDU-Generalsekretär Hinze den Wendegenossen noch jenen Wind unter die Flügel, der fehlte, um sicher im Links-Hafen zu landen. Konnte es besser laufen? Bald war Gysi everybodys Darling in den Medien. Und auch die alten Kollaborateure waren rasch wieder am Platz, sie leisteten wertvolle Hilfe: Günter Gaus kitzelte im ORB die Schönheiten der DDR mit der Verhörlampe heraus; 68er Juristen, von Uwe Wesel geführt, rangen um Rentenerhöhungen für MfS-Offiziere, deren Maßnahmen schließlich nur "Laus-bubenstreiche" waren. Auch die Rote Hilfe Harburg kämpfte wacker gegen die "Klassenjustiz der BRD", die "schon immer Kommunistinnen und Sozialfeministinnen verfolgte", sie forderte die unverzügliche Freilassung von Heinz Keßler und Genossen.

Walter Jens, der schon 1989 beim chinesischen Massaker kein klares Wort über die Lippen brachte, kümmerte sich um die Genossen Schriftsteller. Der Publizist Lothar Baier, der die DDR-Diktatur unverdrossen zur "beschützenden Werkstatt mit allseits behüteten ostdeutschen Heiminsassen" herunterschrieb, schloß zu Konkret auf, das dem Leser Erich Mielke als "Unterhalter für die gelangweilten Massen in Ostdeutschland" vorstellte, und das es (flankiert von einer Ganzseitenwerbung des "Neuen Deutschland'l in einem einzigen Artikel schaffte, Genossen Diestel seine Reverenz zu erweisen, Gysis elfjährige MfS-Verstrickung auf Null herunterzufahren und dafür Gauck in StasiNähe zu rücken. Muß extra erwähnt werden, daß sie sich alle selbstverständlich als Linke fühlen?

Und schon höre ich wieder etliche schnauben: "So kann man das ja nun nicht sehen!" Ich aber sage: "Doch, gerade so kann man es auch sehen!"


Anmerkungen:
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(1)
Kurt Tucholsky "Blick in ferne Zukunft", in: "Lerne lachen ohne zu weinen", S. 212, Berlin 1974
(2)
Anna Sabatova, aus "Generationen ohne Anker-Literatur und Prager Frühling", Literarische Collage von Ludvik Vaculik,    übers. v. Veronika Ambros, Herausg.: Heinrich-Böll-Stiftung, Köln 1990
(3)
Käthe Kollwitz "Die Tagebücher", S. 483, Akademie Verlag, Berlin 1989
(4)
Carl von Ossietzky, "Cachin und Trotzki", Weltbühne, Berlin, 17.1. 1928
(5)
Eugen Kogon, "Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager", 2.Auflage, Berlin 1949

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