Zeitzeugen berichten

Der kleine französische Soldatenfriedhof

Bei den Jagdkommando–Streifengängen im Frühjahr 1944 in dem französischen Badeort Luxieul-les-Bains, wo sich eine Flugzeugführerschule befand, waren wir nicht an bestimmte Wege gebunden, sondern sollten stets auf anderen Wegen gehen. Diese Jagdkommandos sollten die in der Umgebung befindlichen Widerstandskämpfer der Resistance aufspüren. Wir haben aber nie welche gefunden, obgleich wir wußten, dass es genügend in Luxieul-les-Bains und Umgebung gab.

Bei einem solchen Streifengang trafen wir auf einen kleinen, versteckt abseits liegenden französischen, aber eingezäunten Soldatenfriedhof mit 8 bis 10 Gräbern. Die französischen Stahlhelme hingen entweder irgendwie auf den Kreuzen oder lagen unordentlich auf dem Boden, teils auch neben den Gräbern. Unkraut war der einzige Schmuck dieser Gräber.

Da ich an das Grab bei Tosno meines am meinem 19. Geburtstag vor Leningrad gefallenen Bruders dachte, habe ich meine Kameraden gebeten, mir trotz des Streifendienstes zu helfen, die Gräber in Ordnung zu bringen. Einer meinte: "Wozu, das sind doch Franzosen." Ich erwiderte ihm, dass diese Soldaten auch Menschen gewesen seien, die für ihr Vaterland ihr Leben gelassen haben und ebenso geehrt werden müßten, wie unsere Gefallenen. Betroffen machte er dann mit. Wir legten die Stahlhelme auf die Kreuze, entfernten, soweit wir es konnte, die Unkräuter, säuberten mit den Grasbüscheln die Kreuze und versuchten mit Seitengewehren und den Händen die Grabflächen zu ordnen. Dabei stellten wir fest, dass diese Soldaten kurz vor der Kapitulation im Juni 1940 gefallen waren.

Nachdem wir diese Arbeiten so gut wie möglich getan hatten, traten wir vor die Umzäunung, salutierten, indem wir unsere rechten Hände grüßend an unsere Stahlhelme legten.

Wir mußten dabei beobachtet worden sein, denn wenige Tage später sprach mich der mir bekannte und sehr gut Deutsch sprechende Monsieur Hubert an und erklärte mir, dass unser Tun seinen Landsleuten ein Beispiel gegeben hätte und man beschlossen habe, die Gräber zu pflegen. Er bedankte sich sehr für unsere Arbeit und unser Beispiel und sagte, dass wir im Ort Nichts zu befürchten hätten. Wir waren im Chateau Chatigny im Ort untergebracht. Wie ich kurz vor meiner Versetzung erfuhr, gehörte er auch der Resistance an.

Bei weiteren Streifen gingen wir immer mal wieder zu dem kleinen Soldatenfriedhof und konnte sehen, dass die Gräber stets gut gepflegt wurden. Anfang Mai 1944 wurde ich dann versetzt.

Nach dem Krieg waren meine Frau und ich erstmals 1954 in Luxieul-les-Bains. Dann sind wir nach 1980 in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder durch Luxieul-les-Bains gefahren. Zuletzt waren wir im April 1999 in Luxieul-les-Bains, wo wir unsere Mittagspause machten. Bei einem anschließenden Rundgang durch die Altstadt sahen wir beim Rathaus eine kleine, aber sehr geschmackvolle Gedenkstätte für die Gefallenen und getöteten Widerstandskämpfer.

Als ich das Chateau Chatigny fotografierte, sprachen mich junge Franzosen an und wiesen auf den ruinösen Zustand des Gebäudes hin. (1954 war dort ein Hotel). Als ich ihnen erklärte, daß ich dort vor 55 Jahren als Soldat gelebt habe – ich zeigte ihnen auch das Fenster, hinter dem mein Schlafraum gewesen war – waren sie erstaunt und meinten einstimmig, dass es gut sei, dass wir jetzt gemeinsam in Freundschaft und Frieden leben können.